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Die Welt · 1910-10-07 · 40 (7.10.1910) · page 7

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Journal
Die Welt
Volume
14 (1910)
Issue
40 (7.10.1910)
Date
1910-10-07
Page
– (sequence 7)
Language
German
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No. 40 DIE^ELT 969 der unmittelbaren Verwirklichung des Ideals in dem Umfange, als es eben die gegebenen Verhältnisse erlauben, leisten. Auf diese Weise werden sie eine Brücke vom Ideal zum Leben, aber auch vom Leben zum Ideal hinüberschlagen. Das ist alles. Wird das ganze zionistische Ideal verwirklicht werden oder nicht, darum kümmere ich mich nicht. Ich glaube daran. Beweisen kann ich es nicht. Es ist auch nicht notwendig. Für jeden Tag seine Arbeit. Unsere Pflicht ist, die Arbeit zu beginnen. Ob, wer und wann die Arbeit endigen wird, wie wir uns jetzt vorstellen — die Lösung dieser Frage überlasse ich spitzfindigen Metaphysikern und flachen Bierpolitikern. Der nationale Unsterblichkeitsgedanke Von Simon Bentfeld In der Vergeltungslehre der Bibel, die ein Grundprinzip des Judentums ist, wird nicht die Unsterblichkeit des Individuums betont sondern die des ganzen Volkes. An unzähligen Stellen ist Israel als der Lohn für sein treues Befolgen der göttlichen, Gebote die ewige Dauer des nationalen Daseins und als Strafe für die Übertretung der göttlichen Gebote die Vernichtung oder Gefährdung dieses Daseins in Aussicht gestellt. Selbst die persönliche Belohnung oder Bestrafung, die von der Bibel gelehrt wird, hängt so sehr von dem nationalen Glück oder Unglück ab, als ob ein persönliches Glück bei allgemeiner Verwahrlosung, beim nationalen Niedergang gar nicht denkbar wäre. Es ist sehr bemerkungswert, wie das Judentum das Individuum zum Träger des Schicksals der Gesamtheit macht. Die Tat des Einzelnen, des menschlichen Individuums, im Guten und im Bösen, summiert sich und bildet den Stand der nationalen Moral oder des nationalen sittlichen Niedergangs. Und das Gesamtergebnis dieser nationalen Ethik ist: Wenn du vom Weg des Guten abbiegst, gefährdest du nicht nur dein Leben, das dir vielleicht gleichgültig sein könnte, sondern auch das Glück und das Dasein deines Volkes, der spätem Geschlechter. Diese Moral setzt allerdings beim Individuum einen sehr entwickelten Familiensinn und große Liebe zum Volke voraus. Es ist recht eigentümlich, daß der göttliche Gesetzgeber immer das ganze Volk im Auge hat, wenn er von Lohn und Straie spricht. Dieses ist nur bei einem sehr gesunden und äußerst regen Sinn für Volkswohl möglich. Das Gefühl der nationalen Zusammengehörigkeit muß ein außergewöhnlich starkes sein, wenn es auf Schritt und Tritt das Tun und Lassei des einzelnen in Rücksicht auf die Allgemeinheit bestimmt. In der Tat war das jüdische Volk in alter Zeit von dem Glauben, oder richtiger: von der festen Überzeugung seiner nationalen Unsterblichkeit beherrscht. Sein Entschluß ging von diesem Standpunkt aus, und alles, was es tat, war auf die Ewigkeit berechnet. Diese Überzeugung wurzelt in der religiösen Vorstellung von der Ewigkeit des Volkes, von seinem hohem Alter und von seiner großen Zukunft, Das hohe Alter eines Volker bestimmte nach dem damaligen Begriff seinen hohen moralischen Wert, seine große Bedeutung, denn je älter ein Völk ist, nahm man an, desto reicher Ist seine Kultur, desto größer ist die-Summe seiner reichen Erfahrungen, die es das Gute und Wahre erkennen lassen. Israel war stolz auf sein hohes Alter und trug in sich das Bewußtsein seiner Unvergänglichkeit. Dieser feste Glaube fand seinen Ausdruck in verschiedenen Sprachbildern, die zum eisernen Bestandteil des biblischen Sprachguts gehört. Im allgemeinen wurde das Bild von der Ewigkeit der Naturgesetze gebraucht, mit dem das Dasein des jüdischen Volkes oft verglichen wird. Wenn je Himmel und Erde vergehen sollten, wenn je die Himmelskörper ihren Lauf ändern oder einstellen könnten, wird Israel aufhören ein Volk zu sein. Der nationale Unsterblichkeitsgedanke im jüdischen Volke bedeutet eine große ewig wirkende Kraft. Der Glaube an sich selbst, an seine glänzende Zukunft hat es oft in der Zeit der Not aufrecht gehalten und ihm die Kraft verliehen, die größten Widerwärtigkeiten zu ertragen und an seiner geistigen Entwicklung weiter zu arbeiten. Die Judenheit hat in mancher Zeit, mitten unter den härtesten Verfolgungen im Reiche des Geistes Unsterbliches geleistet, als ob die bittere materielle Not auf sein geistiges Schaffen keinen Einfluß hätte. Aber wie jede sittliche Charaktereigenschaft konnte mitunter auch diese bewunderungswürdige1 durch Übertreibung schädlich werden. Es konnte dahin kommen, daß der Glaubean die ewige Dauer des nationalen Daseins in eine Art Fetischismus ausartete; und dann war er nicht mehr die große sittliche Kraft des jüdischen Volkes, sondern eine Gefahr und eine nationale Leichtfertigkeit. Im Vertrauen darauf, daß Gott seinen Bund mit dem von ihm erwählten Volke niemals lösen könne, sündigte das' Volk darauf los und untergrub die Grundlage seiner Unsterblichkeit. Und gerade die Propheten, die sonst von der Bedeutung und vom Wert des jüdischen Volkes so sehr überzeugt waren, mußten zu verschiedenen Zeiten einen andern Standpunkt vertreten und mit allem Nachdruck betonen, daß Israels Unsterblichkeit nicht gesichert sei, daß Gott das von ihm erwählte Volk als Strafe für seine Sünden untergehen lassen könne, wie vor diesem Volk bereits andere Völker vom geschichtlichen Boden verschwunden seien. Solche Reden riefen immer im Volke Widerspruch hervor; sie wurden als Volksverrat und Vaterlandslosigkeit stigmatisiert. Die Propheten konnten solches oft nur unter schwerer Lebensgefahr ihren Zeitgenossen predigen. Aber es war eine dringende Aufgabe, eine heilige Pflicht der gottbegeisterten Männer, gegen eine volkstümliche Vorstellung anzukämpfen, die an sich so segensreich war, aber durch ihre Übertreibung und durch Entstellung verderbenbringend geworden ist. Wenn die von den Propheten vorausgesehene, aber nicht zu verhindernde Katastrophe über das Volk hereinbrach, schlug in der Not die Stimmung in das andere Extrem über. Anstelle des unerschütterlichen Glaubens an die Unverwiistlichkeit des jüdischen Volkes trat Kleinmut ein, die größte Verzagtheit, die lähmend wirkte. Nun hafce das Volk keine Zukunft mehr, nun sei alles vernichtet, der Bund Gottes mit Israel für immer aufgehoben. In solchen Zeiten änderten wiederum die Propheten ihre Haltung. Die strengen Mahner wurden dann die unermüdlichen Tröster. In ihren Reden kehrte in unzähligen Variationen der Gedanke wieder, daß die Leiden nur vorübergehend seien, dazu bestimmt, Israel zu läutern und zu bessern, um dann seine nationale Zukunft desto glänzender zu gestalten. Man sieht es den prophetischen Reden noch1 heute an, daß dieser

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