Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 14 (1910)
- Issue
- 40 (7.10.1910)
- Date
- 1910-10-07
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/3315709-3316406-3316446--53757-3347525- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
der Glaube an die eigene Zukunft! Das ist eine Kraft, mit der keine Feinde kämpfen können. Dieser Qlaube ist unbesiegbar, denn er ist aus Ewigkeit gewoben. Dieser Glaube hielt unsere Vorfahren in den schrecklichsten Jahrhunderten der mittelalterlichen Barbarei. Mit diesem Glauben kann das Judentum nieder lebensfreudig werden. Darin liegt die Größe des Zionismus: Bevor er zur Wirklichkeit werden wird, liefert er uns ein Ideal, ein Lebensziel, das sofort betätigt werden kann. Und wenn sich mit der Zeit herausstellen soll, daß dieses Ideal eben eine unrealisierbare Utopie bleiben muß, ja, was verlieren wir? Das Judentum hat nichts zu verlieren, es kann nur gewinnen. Und wenn nicht . . . dann lieber stolz sterben, als langsam vegetieren. Aber darüber sollen unsere Nachkommen sorgen. Einstweilen wird das zionistische Ideal unser ganzes Leben mit Schönheit und Stolz erfüllen. Aber da möchte ich ein kluges Wort eines werteschaffenden französischen Schriftstellers zitieren: „Ayons les saintes et immenses esperances et souvenons-nous que le reve de la veille devient la realite du lendemain." (Haben wir heilige und große Hoffnungen, und erinnern wir uns, daß der Traum von gestern die Wirklichkeit von heute werden kann.) Wie gesagt, auf dem Gebiete der sozialen Erscheinungen kann man nie im voraus wissen, was bloße Utopie und was künftige Wirklichkeit ist. Ich bin überzeugt, daß das ganze zionistische Ideal realisierbar ist. Aber was kümmert uns, ob in Palästina mit der Zeit die ganze jüdische Nation oder nur ein Teil leben wird, ob dort nur ein geistiges oder auch ein materielles Zentrum entstehen wird? Was sofort sicher ist, ist folgendes: Das zionistische Ideal in seiner ganzen utopistischen Größe kann wieder die jüdische Seele erwecken, Einheit in die jüdischen Reihen hineinbringen, schöpferische Kräfte hervorrufen, die Koordination aller jüdischen Energien herbeiführen. ' Ist das nicht für jetzt genügend? Aber man kann versucht sein, uns mit unsern eigenen Waffen zu schlagen und uns auf die Tatsache hinweisen, daß das zionistische Ideal doch die jüdische Masse nicht ganz und gar begeistert hat. In den besten Zeiten bildeten die organisierten Zionisten kaum 2 bis 5°/o aller Juden. Obwohl die zionistische Organisation die mächtigste unter allen andern, die in unserm Volke existieren, ist, bleibt doch dieser Einwand bestehen. Aber diese Tatsache ist leicht erklärlich. Jede Volksbewegung hängt vor allem von der Anteilnahme der gebildeten Klassen an ihr ab. Keine Bewegung ohne die führende Intelligenz. Gerade diese aber ist so dem Judentum entfremdet, daß sie kaum auf jüdische Ideale reagiert. Uns fehlen die „höheren Zehntausend" der Intelligenz. Es ist nur zu verwundern, daß der Zionismus es so weit gebracht hat mit der ganz unbedeutenden Zahl von intelligenten Kräften. Das größte Unglück des jüdischen Volkes ist eben die völlige Entfremdung, die zwischen der Masse und der bewußtsinnigen Minorität existiert. Das ist unser Unheil, und es ist da nicht viel zu machen. Die zweite Ursache, warum das zionistische Ideal nicht das ganze Volk ergriffen hat, ist in den Zionisten selbst zu suchen. Sie selbst haben das Verhältnis zwischen Ideal und Leben nicht begriffen. Denn zuerst glaubten sie in vollem Ernst, ihr grpßes Ideal auf einmal, mit einem Schlage zu verwirklichen. Sie haben außer acht gelassen, daß das Ideal nur sehr langsam verwirklicht werden kann, daß das Leben eine langsame Evolution ist, die nicht gestern angefangen hat, und nicht morgen endigen wird- Das Ideal ist wohl utopistisch, aber kein Tabu. Die Bejahung des Ideals geschieht nur im Prozesse der langsamen Selbstverwirklichung, und wenn auch nur ganz geringe Teilchen von ihm lebendig werden. Jemand sagte einmal, das sozialistische Ideal werde durch Fünfpfennigsiege verwirklicht. Und solche Fünfpfennigsiege brauchen wir. um das zionistische Ideal zu stärken. Darin liegt die große Bedeutung der praktischen Arbeit in Palästina. Sie wird in der Form und in dem Umfang, wie sie jetzt geleistet werden kann, ebensowenig die Judenfrage lösen, wie etwa all die heutige soziale Gesetzgebung die soziale Frage löst. Aber ihre Bedeutung ist eine ganz andere: sie macht das Ideal konkreter, handgreiflicher, populärer; sie stärkt die Hoffnung und schafft neue Sympathien. Als wir von Anfang an der Masse die baldige Verwirklichung unseres Ideals predigten, kam die Masse begeistert zu uns. Als sie aber sah, daß viele Jahre hindurch nichts Bleibendes in Palästina selbst geschaffen wurde, da wurde sie wieder mißtrauisch. Aus lauter großen Plänen haben wir auch die Kleinarbeit vernachlässigt. Das ist die Hauptursache, warum die zionistische Bewegung ihren triumphierenden Aufmarsch der ersten Jahre unterbrochen hat. Und wenn nun jetzt dekadente Romantiker darüber klagen, daß man das großartige zionistische Ideal in prosaische Olivenhaine und Orangeplantationen verwandeln will, daß man den Geist des Zionismus durch Botanik ersetzen will, so muß man solche Leute ihren Kindereien überlassen. Ein Ideal, das nicht bestrebt ist, sich irgendwie zu verwirklichen, verschwindet. Die Verwirklichung aber ist immer ein recht prosaisches Ding. Der erste Liebeskuß ist die reinste Poesie, aber das lange Eheleben ist die allergewöhnlichste Prosa. {Und noch etwas: Das wirkliche Leben ist die Summierung ganz kleiner Quantitäten. Das Leben ist eine langsame Reform, die nur selten von Revolutionen unterbrochen wird. — Aber diese werden von jener im Verlaufe von Jahrhunderten vorbereitet. Das Ideal ist ein Symbol, dessen Zeichen um so stärker hervortreten, je mehr das Leben sich ihm nähert. Haben wir nun das richtige Verhältnis zwischen Ideal und Leben begriffen, so werden wir uns niemals erlauben, zu sagen: wir müssen warten. Wir dürfen nicht warten, nicht weil wir ungeduldig sind, sondern weil wir dann das Leben selbst verlieren. Weder das eine, noch das andere, noch Verlangen nach sofortiger Verwirklichung des ganzen Ideals, noch aber passives Abwarten und völlige Inaktivität. Großes, schier unerreichbares Ziel, aber langsames, ununterbrochenes, zähes Fortschreiten auf dem Wege zum Ziel. Dann werden wir die Massen wiederkriegen, dann wird das zionistische Ideal immer größere Kreise unseres Volkes ergreifen und begeistern. Die Pflicht der bewußten Zionisten ist, nach zwei Fronten zu kämpfen. Einerseits dem ganzen Judentum die große Bedeutung eines allumfassenden, absoluten Ideals wie es der Zionismus sein soll — für das ganze jüdische Leben, ohne Rücksicht auf die Realisierung des Endzieles klar zu machen. Das ist eben die? Rückkehr zum Judentum. Anderseits müssen sie als Elite des nationalen Judentums die Pionierarbeit.