Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 14 (1910)
- Issue
- 40 (7.10.1910)
- Date
- 1910-10-07
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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\'o. 40 ÖIE3^ELT 967 Aber dann mußten sie konstatieren, daß die ganze jüdische Masse von einer schrecklichen Apathie ergriffen wurde. Wie konnte es anders sein? Wofür und im Namen von was sollte das Judentum kämpfeh? Im Namen der Assimilation? Aber die Assimilation ist loch eine Verneinung; die Negation aber kann nicht ein kampfweckendes Ideal werden. Die Negation kann ine objektive Notwendigkeit, ein Fatum, etwa wie der latürliche Tod des Individuums sein, aber der Tod kann loch nicht zum Ideal werden. Denn dieses ist vor illem eine freudige Selbstbejahung. Und in Wirklichkeit hat die Assimilation fast immer die Form eines ndividuellen Ausreißens und nicht diejenige einer von :inem Ideal geleiteten Massenbewegung angenommen. Und als man versucht hat, das Judentum im Namen on Tageszwecken zu organisieren, so mußte man sich bald überzeugen, daß auch dieses Mittel sehr ungenügend ist., Denn die Organisation im Namen der nächstliegenden Aufgaben hat im Gründe genommen nur einen Zweck: die Anpassung an die Umgebung, und zwar die passive Anpassung, die das Schöpferische ausschließt. All diese Synagogengemeinden, Wohltätigkeitsvereine, Gemeindeorganisationen, sind verschiedene Mittel, sich anzupassen. Aber die Anpassung ist vor allem ein individueller Vorgang, und kann keine Massenorganisation hervorrufen. Jeder paßt sich nach seiner Art an. Und als auch dieses Mittel ungenügend erschien, da proklamierte man auf der Judengasse ein neues, aber knechtisches Prinzip: Wenigstens etwas reiten!" Dieses Prinzip nahm in den verschiedenen Ländern verschiedene Formen an. Im Westen — als .Förderung der Wissenschaft des Judentums" oder als „Befestigung der Religion"; im Osten, wo die große jüdische Masse lebt, stellte man das Ideal der nationalen Autonomie auf. Und doch ließ sich die Masse nicht aufrütteln. Warum? Weil auch dieses Ideal vom Opportunismus vergiftet ist, weil auch hier ein Friede mit dem Goluth geschlossen wird. In der Tat, ein Volk lebt nicht von Wissenschaft* wenn das ganze Leben nicht jüdisch ist, was kann die archäologische Wissenschaft erreichen? Oder sogar die Neuorthodoxie! Der Judaismus ist nicht bloß Religion, sondern eine ganze Welt- und Lebensanschauung, ein soziales System, eine spezifische Daseinsform. Aber lesen Sie doch die Bibel: dort finden Sie nicht bloß religiöse Gebote, sondern auch soziale Gesetze. Hat man das eigene soziale Leben verloren, dann verliert auch die eigene Religion ihren Stützpunkt. Und deshalb hat die Neuorthodoxie den Charakter des Künstlichen, des von außen Hereingetragenen, und nicht des von innen Herausgewachsenen. Die Masse kann man durch solche Mittel nicht organisieren. Wohl konnte die alte Orthodoxie die Massen beherrschen, weil sie tief national war, weil sie immer vom Ideal der völligen Negation des Goluth getragen war, weil sie im Herzen die flammende Zionsidee trug. Nicht mehr wird das Prinzip der nationalen Autonomie im Osten erreichen. Aus zwei Gründen. Erstens, weil man der Masse nichts Neues bringt. Sie ist national, soweit die Verhältnisse es erlauben. Sie spricht eine eigene Sprache, sie betet zu Gott in einer nationalen Sprache, sie feiert ihre nationalen Feste, sie lebt ein eigenartiges wirtschaftliches Leben, von der Geburt bis zum Tode bringt sie in einem jüdischen Milieu zu. Diese neue nationale'Autonomie hat Sinn nur für diejenigen, die eben schon assimiliert sind, die nicht mehr jüdisch leben. Und besonders, wenn man von einer sekularisierten nationalen Autonomie mit Trennung von Synagoge und Gemeinde spricht. Ja, was bleibt dann? Jargon! Damit kann man die Masse nicht begeistern. Und sofern man die nationale Autonomie als objektives, vom Staate anerkanntes Recht auffaßt, so hängt sie viel mehr von den Wirtsvölkern, als von uns ab. Nicht einmal die Sozialisten wollen etwas von einer jüdischen nationalen Autonomie hören. Wo ist da das Schöpferische? Noch ein Jargondrama, noch ein Jargonalmanach, aber das ist noch nicht das Leben, das ganze Leben. Und deshalb haben die ehrenwerten Protagonisten der national-jüdischen Autonomie in der Diaspora so wenig Anklang gefunden. Denn im Grunde genommen sind auch sie vom Grundsatz beseelt: „Wenigstens etwas retten!" III. Vor unsern Augen entrollt sich ein wunderbares Bild: Es kam ein Mensch und begann die Sprache der großen Utopisten zu sprechen, und die Masse bewegte sich. Niemand wird die Tatsache bezweifeln, daß Herzl mit seinem mächtigen Wort die Apathie der Juden aufgerüttelt hat. Wie erreichte er das? Sehr einfach: Er erhob auf sein Schild das große absolute Ideal des vollen Glückes des ganzen Volkes. Er erklärte: Nicht „wenigstens etwas!", sondern „alles, alles!" Denn, dachte er, der Goluth kann aus sich heraus keine schöpferischen Ideale hervorbringen. Die im Goluth geschöpften Ideale sind entweder fremde, den andern Völkern entlehnte Ideale, oder aber sie sind von Anfang an vom Opportunismus vergiftet. Das absolute Ideal ist die völlige Negation des Goluth, das Streben nach" der integralen Wiedergeburt des Judentums im Judenlande. Und die Masse erwachte. Denn dieses Ideal ist aus ihrer eigenen Mitte, aus ihrer Vergangenheit und Gegenwart herausgewachsen. Und nun komme man nicht mit der philiströsen Bemerkung: es ist eine Utopie. Aber der ganze Fortschritt der Völker ist eine Summe von Utopien, unser ganzes Leben ist eine Reihe von Illusionen. Ohne die Utopie des absoluten Glückes würde weder Gesellschaft noch Individuum leben können. Diese Utopie schafft das Leben, weckt die Kräfte, schmiedet den Willen, heiligt die Seele, stachelt den Kampf an. Was aus der großen jüdischen Utopie — Zionismus genannt — werden wird, ist eine andere Frage, und niemand von uns ist imstande, etwas in bejahendem oder verneinendem Sinne mathematisch Sicheres auszusagen. Aber dieses große Ideal verleiht sofort unserm Leben Licht und Freude, Sinn und Ziel. Unsere ganze Arbeit im Goluth bekommt einen positiven Inhalt: das Streben nach der Verwirklichung eines großen Ideals. Geleitet von diesem Ideal, werden wir nicht bloß Palästina kolonisieren, sondern auch für unsere Gleichberechtigung mutig kämpfen, für die Besserung der wirtschaftlichen Lage arbeiten, die nationale Erziehung soweit als möglich durchführen. Dann wird diese Arbeit freudig geleistet werden, denn sie wird als Mittel zu einem höheren Zweck betrachtet werden. Ein temporärer Sieg wird uns nicht betrunken machen, und eine temporäre Niederlage wird uns nicht niederschlagen, denn im Vergleich zum hehren Ziel sind diese Siege und Niederlagen vorübergehende Erscheinungen. O,