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Die Welt · 1910-10-07 · 40 (7.10.1910) · page 4

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
14 (1910)
Issue
40 (7.10.1910)
Date
1910-10-07
Page
– (sequence 4)
Language
German
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966 DIESqKELT Nü. 40 Das Ideal und das Leben Von Dr. Daniel Pasmanik, Genf. In allen Kreisen des Judentums, — des europäischen und des amerikanischen, des westlichen und speziell des östlichen —, klagt man über die im Judentum herrschende Apathie, die alle sozialen und kulturellen Unternehmungen lähmt oder überhaupt unmöglich macht. Diese Klagen wiederholen sich von Zeit zu Zeit seit mehr als hundert Jahren. Warum, woher kommt das? Darauf gibt es nur eine Antwort: weil das Judentum als solches kein geschichtliches Ideal besitzt. Ohne Ideal kann ein Volk nicht leben, Ohne Ideal muß ein Volk entarten, Wie verhält sich das Ideal zum Leben? I. Die Gesellschaft wie der Mensch handelt zweck- und zielmäßig. Gewisse Zwecke und Ziele leiten sein ganzes Leben. Erreicht die Gesellschaft diese Ziele oder nicht, ist eine andere Frage. Manchmal — ja, sehr oft — nicht, und wieder mal erstrebt die Gesellschaft ein Ziel, und erreicht ein ganz anderes. Aber immer und immer wird das bewußte Handeln des Menschen wie der Gesellschaft von einem bestimmten Ziel geleitet. Je umfangreicher das Ziel ist, d. i. je weiter das Erstrebte vom Seienden entfernt ist, desto stärker ist die innere Unzufriedenheit, desto intensiver ist der gesellschaftliche Kampf. Man behauptet sehr oft, die Masse läßt sich nur von Tageszwecken, von nächstliegenden Aufgaben leiten. Es ist wahr. Aber sehen wir uns genauer das geschichtliche Leben an, so bemerken wir, daß der Kampf für die Tagesinteressen der Masse nur dann intensiv wird, wenn er sich aus einem Kampf für ein großangelegtes Ideal heraus entwickelt, welches Ideal eben nicht von der Masse, sondern von einer bewußtsinnigen Geisteselite aufgestellt wurde. Damit die französische Masse am Ende des 18. Jahrhunderts gewisse Reformen verwirkliche, war es notwendig, daß die Auserwählten der französischen Nation das Ideal der „Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit" proklamierten. Dieses Ideal ist noch bis heute nicht verwirklicht, und für viele bleibt es auch heute noch bloß ein schöner Traum, aber aus ihm ausgehend konnten die Franzosen für ihre Tageszwecke kämpfen. Die romantischen Träume der deutschen Nationalisten sowie der italienischen Unitarier der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts sind nicht verwirklicht, aber aus ihren Träumen ist die jetzige deutsche und italienische Einheit entstanden. Der ganze gegenwärtige Lohnkampf des Proletariats fußt auf dem Ideal eines paradiesartigen Zukunftstaates. Und bei den Juden war es ebenso: die nicht allzu einschneidende Reform Josias, wie sie im Deuteronomium charakterisiert ist, fußt auf den allumfassenden Idealen unserer großen Propheten. Auch in der Wissenschaft verhält es sich so: Man erstrebt die völlige Bezwingung der Natur sowie das künstliche Erschaffen des Lebens. Auf dem Wege zum ersten unerreichten Ziele entstanden die Eisenbahnen und Dampfschiffe, die Telegraphen und Fernsprecher, die Luftschiffe und Aeroplane. Man wollte Eiweiß künstlich herstellen, und man fand das Mittel, Zucker im Laboratorium zu schaffen. Mit einem Worte: die ganze Menschheit schreitet fort, indem sie immer ein Ideal, das weit von der Wirklichkeit absteht, verfolgt. Ohne ein fernliegendes Ziel muß die Gesellschaft entarten. Die Römer und die Griechen begannen zu entarten, als sie vom Leben übersättigt waren, als sie keine Ideale mehr hatten. Und wie die Völker, so auch die Klassen. Die französische Aristokratie verschwand in dem Momente, wo sie aufgehört hatte, Trägerin großer Ideale zu sein. Denn das Ideal ist der Leiter und der Regulator alles gesellschaftlichen Lebens. Das ist ein Grundgesetz alles sozialen, folglich auch des jüdischen Lebens. Aber was ist ein Ideal? Vor allem schließt es jedweden Opportunismus aus. Es ist das Volle, das Unbeschränkte, das Absolute, das keine Hindernisse kennt. Es perhorresziert das Prinzip: „Wenigstens etwas!", sondern erklärt dreist: „Alles!" Es fußt wohl auf der verschwundenen Vergangenheit und der wackelnden Gegenwart, aber verfolgt die nicht existierende Zukunft. Und je vollkommener das Ideal ist, desto unrealer ist es. Aber daraus folgt lange nicht, daß es Unmögliches formuliert. Im Gesellschaftsleben gibt es nichts Unmögliches. Es war eine Zeit, wo der Rechtsstaat die reinste Utopie schien. Und doch ist er heute die banale Wirklichkeit. Heute ist der Völkerfriede ein Traum. Wer weiß, was in hundert, tausend Jahren sein wird? War es lange her, daß die Prediger der deutschen Einheit als die gefährlichsten Romantiker behandelt wurden? Auf dem Gebiet des Gesellschaftslebens ist jedes Ideal, das mit der menschlichen Natur und mit den Volksbedürfnissen rechnet, immer eine Möglichkeit. Eben deshalb wirkt es faszinierend auf die Massen, denn es gibt die Hoffnung auf eine bessere Zukunft. Und diese Hoffnung leitet das ganze Handeln der Menschen, und bringt Ordnung und Planmäßigkeit in den Kampf für die Tageszwecke. Der Fortschritt der Masse ist eine Anhäufung von winzig kleinen, kaum bemerkbaren Größen, — wie das Wachstum jedes lebenden Wesens. Aber damit Fortschritt überhaupt möglich sei, bedürfen wir eines bestimmten Weges. Dieser Weg ist vorgezeichnet vom Ideal wie von einem Leuchtturme. Ohne Ideal, d. i. ohne fernliegendes Ziel, tritt die Apathie ein. Und so steht es auch mit dem Judentum. II. Im Verlaufe von vielen Jahrhunderten besaß das Diasporajudentum ein Ideal: Wiedergeburt der jüdischen Nation in Erez-Israel. Und das ganze jüdische Leben war von diesem Ideal beeinflußt. Nur ein einziges Mal kam es vor, daß eine bestimmte Gruppe von Juden auf dieses Ideal verzichtete: wir meinen die Juden Alexandriens. Sie besaßen die allerausgedehnteste Autonomie, wie wir uns heute nicht einmal träumen dürfen. Sie hatten einen eigenen Tempel, eigene Priester, Verwalter, Staatsmänner, eigene Administration und Polizei und eigenes Gericht. Aber sie verzichteten auf das jüdische Ideal. Die Folge war: die Juden Alexandriens sind vollständig verschwunden, indem sie uns nur die Septuaginta (griechische Bibelübersetzung) und die apologetischen Schriften Philos hinterlassen haben, — zwei Dinge, die den Juden keinen Nutzen brachten. Das Diasporajudentum aber lebte, dank dem Festhalten am geschichtlichen Ideal. Aber während der letzten 120 Jahre hat sich alles . geändert. Vor allem hat sich die bewußtsinnige Minorität, „die gebildeten Kreisevom Ideal losgerissen. Dann begannen diese Elemente das ganze Volksbewußtsein zu zersetzen.

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