Mannheim
Compact Memory

Die Welt · 1910-09-30 · 39 (30.9.1910) · page 15

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
14 (1910)
Issue
39 (30.9.1910)
Date
1910-09-30
Page
– (sequence 15)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
94% known words query
IRI
…/3315709-3316406-3316445--53737-3347504
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

2 entity mentions

No. 39 DIE] ist uns jetzt immer neu, es geht nicht in einer bestimmten Richtung. Unser Künstlertum hat noch nichts, das es so charakterisieren würde, wie das anderer Völker — und es ist doch eigenartig, eigenartig suchend, strebend nach dem noch nicht Erreichten, Ganzen, Vollen, Einen. Wo sich diese Ganzheit unseres künstlerischen Schaffens—unseres Schaffens überhaupt—bilden wird, wir wissen es; was sich bilden wird, wir wissen es nicht. Und darum ist es schwer, sehr schwer, ein vollkommenes Bild des künstlerischen Schaffens zu geben; und ein Almanach, wie ich ihn denke, ein Idealalmanach, sollte es sein. Wir haben ein jüdisches künstlerisches Schaffen im Osten. Diese Kunst des Ostens ist mehr ein Ausdruck derer, für die sie ist. Wir haben ein künstlerisches Schaffen auch des westlichen Juden — allerdings nicht immer, wie Martin Buber bemerkt, sondern nur in den Augenblicken, wo der Jude unbewußt die Einheitssehnsucht aktiviert; — und diese Kunst des Westens ist mehr ein Ausdruck derer, von denen sie ist. Es ist eine Synthese und noch ein Neues notwendig, um eine Kunst mit Weltwert zu geben. Die Synthese und das Neue, Freie, Befreiende sind noch nicht da, und darum ist unser künstlerisches Schaffen, von der Einheit geleitet und zur Einheit strebend, doch noch unganz — vielspaltig. So hat denn auch der neue Almanach kein abgerundetes Bild bieten können.. Aber vieles von dem, was darin steht, ist wahres künstlerisches Schaffenswerk des Juden von heute, des Juden, der das „Morgen" erwartet, als wäre es das „Gestern" und doch anders, anders. . . . Das Schaffen des Ostens wird, da der Almanach in deutscher Sprache erschien, nur in Übertragungen geboten. Es ist ein Eigenes um die Übersetzung: Der Übersetzer schafft nach etwas, das er4 erkannt und erfühlt haben muß. Wenn er auch durch das Gegebene begrenzt ist in der Formung, er kann doch die Freude des ersten Schöpfers nachfühlen und so ins Schaffen sich hineinempfinden — doch nur, wenn er das Erfühlen kennt, das Erfühlen allerdings eines ganzen, wirklichen Werkes künstlerischen Schaffens. Dann gibt die Übersetzung das Original wieder. Und der Almanach bietet bei den Werken der ostjüdischen Literatur in den meisten Fällen beides: Ganze Werke wurden übersetzt, und sie wurden ganz übersetzt. Die Übersetzungen Ernst Müllers und Hugo Zuckermanns sind meisterhaft. Auch M. Stockei lebt den Autor mit, den er übersetzt. Und die Werke selbst: Die ostjüdische Literatur aus dem Hebräischen und Jüdischen ist vielleicht zu wenig vertreten, doch es finden sich herrliche Perlen darunter: Bialiks „Die Toten der Wüste," jenes herrliche, gigantisch sich türmende Gedicht — es ist ein volles Kunstwerk. Asch webt in der „Karnevalsnacht" wunderfeine Fäden des Allglaubens und ergießt alle Freudenschauer des Mythos, der Mythen von Glauben in unser Herz. In Perez Erzählung „Des Baßgeigers Sch'ma Isroel" tönt die herrliche Harmonie zwischen dem Ton, dxer Musik der Seele und dem Himmel. Mächtige Urkraft, allzwingender Allglaube, tönende Allharmonie — ein herrlicher Dreiklang unserer Sehnsucht, gestaltet im Widerklang wahrhaft schöpferischer Künstler. Undzu ihnen gesellt sich ein Vierter, der das bei uns langverklungene, weltumfassende Liebeslied tönen läßt, wie ein freier Jude, dem seine Erde das Geheimnis der starken Sinnesliebe zuraunte, es einst getan: Schneiurs „Kirschen" — das ist Erotik in ihrer reinen Lust geschildert. Noch eine Schöpfung ostjüdischen Geistes ist in diesem Buche KELJ 945 von eigenartigem Wert, ein ostjüdisches Werk, obwohl es deutsch geschrieben ist: M. Rotenstreichs Bearbeitung einer chassidischen Legende „Gott vor Gericht"; die Ideen des Chassidismus, der letzten Großtat schöpferischen jüdischen Urgeistes, sind so eigenartig schön und geben uns so viel, daß es an und für sich schon ein Verdienst ist, sie zu verarbeiten. Das Schwierige ist aber dabei, den Geist zu bewahren; dazu muß man ihn ganz erfühlen. Und darin liegt der künstlerische Wert der Bearbeitung Rotenstreichs. — Urkraft, Allglaube, Weltharmonie, und Chassidismus (der von allem etwas enthält); es sind die Ideen jüdischen Schaffens des Ostens — ein geschlossener Kreis, ein voller Wert, und ihn verdeutlicht der neue Almanach. Das ist eine Tat. Derselbe geschlosseue Kreis großer urjüdischer Ideen ist im jüdischen Schaffen des Westens, soweit es auf künstlerische Werte ankommt, nicht vorhanden. Denn die Kraft des Judentums ist hier geringer. Zwei Erscheinungen gibt es im künstlerischen Werke des jüdischen Westens: Entweder unbewußtes jüdisches Schaffen — und das ist nur wahrhaft reinen Künstlern beschieden — oder das Schaffen aus dem Ringen nach dem Judentum selbst, das verloren ging. Doch daraus können nicht die großen künstlerischen Taten entstehen, und daher kommen jene häufigen Halbheiten im Schaffen vor. die man weder Schaffen noch Nachschaffen, sondern eher Vorschaffen nennen könnte. In diesem Almanach finden wir gar oft diese Halbheit westjüdischen Schaffens. Manchmal fehlt dazu noch die Künstlerschaft und so entsteht die Plattheit, die mit Dutzendgedanken in tönendem Gewände oder auch in Buschversen jongliert. Das ist ein Zuviel des Almanachs; aber es wird zum Nichts, da man es nicht bemerkt unter manchen wahrhaft schönen Werken wahren Schaffens im Westen, die unbewußt oder in heißem Ringen aus einer reinen Kunst gekommen sind. Otto Abeles' „Winternacht", Wertheimers „Beichte", Ladiers „Talmudsage" sind Worte, die aus reiner feingestimmter Seele kommen und im Herzen rein und schön wiederschwingen müssen. Max Fleischer hat in seinem Gedichte „Der Erbe" wundervoll des ringenden, kämpfenden und doch im Innern freien Juden unendlich wahren Seelenausdruck gefunden, den Ausdruck des Wollenden, Unbezwinglichen. Und Hugo Zuckermanns „Einst" ist die herrlich-schönste Sprache einer ewig-freien, .kindhaft-frohen Urseele des Juden, die das erhabene eine, ganze ,,Einst" erfühlt hat in keuschester Reine zu glücklicher Stunde. Auch die schaffenden Juden im Reiche der Farben kommen in dem Buche zu Wort. Selten habe ich von unserm künstlerischen Schaffen auf diesem Gebiete den Eindruck des wahren Schaffens des Juden erhalten; mir erscheint es noch meist als Nachschaffen. Auch hier hatte ich dasselbe Gefühl, — es mag allzu subjektiv sein. Nur drei Bilder sprechen meiner Meinung nach zur Seele des Juden: Hirszenbergs „Ein Rabbi*' und „Selbstporträt mit der Gattin" und Slipjans „Gegensatz". Mir sprachen sie von eines Juden großem Einheitsaugenblick, von des Juden Zukunftseinheit und des Juden Zwiespalt. Und eines Künstlers herrlich-große Seele spiegelt sich wieder in den Worten, die ihm seine Gattin widmet. Und Hirszenberg, von dem seine Gattin Dinah Hirszenberg Schönstes in schlichtesten Worten sagt, ist tot; eine Zukunftsgegenwart ist tot, und wir müssen auf die große Zukunft warten, die den farbenschöpferischen Juden bringt. . . .

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.