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Die Welt · 1910-09-30 · 39 (30.9.1910) · page 14

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
14 (1910)
Issue
39 (30.9.1910)
Date
1910-09-30
Page
– (sequence 14)
Language
German
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von bangen Fragen, die jeder Erfasser des Judenschicksals anders seinem Herzen stellt. Diese Probleme sind in dem neuen schönen Buche in allen Nuancen, die der einzelne Autor ihnen zu geben vermag, behandelt. Voran steht Martin Bubers Aufsatz „Der Jude und sein Werk". Er beantwortet die Frage, warum wir schaffen, immer wieder schaffen: Das ewige Streben nach Einheit in uns macht uns schöpferisch, wenn wir die Dualität überwinden, den großen Zwiespalt, der aus dem Erkennen kommt. In herrlich schöner Weise führt Buber den Gedanken aus, ein wahrer Zielspruch diesem Buche und allen nachher, die unser Geist schaffen wird und muß, sind diese Worte. In dieser „Ansprache46 sind alle übrigen Aufsätze dieses Buches gleichsam in nuce enthalten. — Jenes Wollen und Wünschen des Unmöglichen, das Streben nach dem Fernen, das in uns wohnt, hat Mathias Acher als die „Tragik des jüdischen Volkes" erkannt. Darin liegt wirklichunsere „tragische Schuld", in dem ewigen Schwankenzwischen Leben und Tod, zwischen Freude und Qual, Schaffen und Nachschaffen: Doch das „Warum"? blieb uns der Aufsatz Achers schuldig, er sagte uns nicht, daß das Fehlen des begrenzenden Raumes, des festen Standortes die Ursache sei, daß unser Geist, der keine Grenzen kennt, nicht zurückgerufen wird zu den Endlichkeiten, die die Erde, die eigene Erde, dem Menschen zuraunt, um ihn zu warnen vor den zerschmetternden Unendlichkeiten. Weil uns diese sorgende Erdennähe fehlt, ist auch unser Schaffen ein furchtbares Ringen, kein freudvolles Genießen. Diesen Gedanken bringt, wenn auch nicht völlig klar, der Aufsatz Menachem Gottesfelds „Kultur und Romantik" zum Ausdruck: Unser Schaffen, wie es jetzt ist, ist nicht die völlige Befriedigung der Sehnsucht unserer Seele, ein Rest bleibt über, der uns weitertreibt — er kann auch Romantik genannt werden, wie es der Autor tut. Bei uns ist es eigentlich Zukunftsromantik im Gewände der Vergangenheit, das Unerfüllte, Qualvolle. Das noch Unerfüllte, dem kein Ganzes, Vorhandenes gegenübersteht, das ist der Wurm in unserm Herzen. Der furchtbare Gegensatz, der heute, wo wir Schaffende sind^ uns noch quält, ihn hat A. Coralnik in seinen „Jüdischen Problemen" mit meisterhafter Schärfe herausgearbeitet: Häckel und Micha können heute nicht vereint werden. Um ganz zu sein, brauchen wir die neue Idee des Judentums und — ein freies Judentum nur wird sie finden. Die Sehnsucht nach dem befreiten Geist im freien Boden spricht allüberall; im Denken des jüdischen Philosophen hört man sie: Neu mark zeigt sie in „Jehuda Halevis jüdisch-nationalphilosophischer Weltanschauung". Wer uns gut beobachtet, merkt sie uns an, als stände sie auf unserm Gesichte zu lesen. Die Araber erzählen in ihrer sagenverhüllten Sprache, daß Palästina der Mittelpunkt der Welt sei — nicht für sie, für uns Juden. In einer wahrhaft schönen Zusammenstellung hat uns Davis Trietsch einige arabische Sagen über „Jerusalem'6 gebracht, über den Mythos unserer Seele. Der Mythos — er ist des Juden Stärke. Denn der Mythos ist der Ausdruck des Erfühlens der großen Harmonie zwischen Ich und All. Der Mythos gibt uns die Kraft zu schaffen, Jene Zeit aber, wo der Mythos durch das Erkennen verdrängt wird, ist die Zeit des traurigen Dahinsiechens, des Nachschaffens für uns. Solcher Zeiten gab es viele, lange im Judentum, und wir warfen den Mythos freudig fort, als wir erkennen konnten. Auch da ist die Ursache das Fehlen des festen Stützpunktes. Denn unser Herz hatte damals keinen Berater, keine sorgende Mutter Erde raunte uns das Geheimnis von der Herrlichkeit des Alls ins Ohr, wir fühlten nur die Stimme des räum- und zeitlosen Geistes, der da sagte: „Erkenne, und du wirst groß sein."-Wir wurden groß im Erkennen, aber klein und krank unsere Seele, die in ihrer Einheitssehnsucht zum Erfühlen des Alls, zum Mythos strebt. Und so wurden wir Nachschaffer, weil wir vermeinten, so unsern ewig unbefriedigten, schrankenlosen Geist zu sättigen. Aber er hungerte dabei, hungert oft noch heute. Diese Zeit des erkennenden Nachschaffens, die Zeit wo Glaube, Religion, Gefühl, kurz Judentum aufgegeben wurde, hat Daniel Pasmanik in seiner ,,Judenassimilation seit Mendelssohn" in breiter Weise charakterisiert und gut analysiert: Was wir jüdischen Rationalismus, Kosmopolitismus, Assimilation, Aufklärung, vielleicht oft unrichtig Sozialismus nennen, entstanden, ist es aus unserer Krankheit, der Krankheit des unbefriedigten Geistes, der zur Einheit strebt und nicht völlig in ihr aufgehen kann — und so wurde es die Krankheit des ganzen jüdischen Lebens. — Doch die Einheitssehnsucht unserer Seele schafft fort, sie will zur ganzen Befriedigung gelangen. Der Mythos schafft neue Kräfte. Palästina, das Land, ist der Mythos, und er zieht uns zu sich. Und alles, was wir wissen und denken, wird dem Sehnsuchtgefühl nach der freien Einheit des Geistes in fester Stütze Untertan. Der Sozialismus des neuen schöpferischen Juden dient der neugeschaffenen Idee, wie es Maxim Anins, , Der jüdische Sozialismus und seine Strömungen" erweisen. Das ist das zusammenfassende Bild der Aufsätze des Alamanachs, die sich mit dem Judentum, seinem Wesen und seinen Werken beschäftigen. Daß diese Aufsätze ein Ganzes bilden, das ist ein Beweis, wie glücklich die Hand der Herausgeber war in der Wahl dessen, was in diesem Alamanach über unser Sein und Schaffen zu sagen war. Denn die meisten Autoren sagten, was zu sagen war; und unumstößlich sagte es mancher, und mancher auch schön. Und zwischen all diesen Ideen und Gedanken — schönen, guten und herzerfreuenden — leuchtet sein Geist durch, der Geist dessen, der wundersam klar mit der Urkraft eines reinen Fühlens erkannte unsere Not und was uns nottut. Er, Theodor Herzl, spricht zu uns: zuerst in jener Zeit, da er bezauberte durch seine Menschengröße; (Artur Schnitzlers Brief an Herzl); dann spricht zu uns die zauberhafte Gewalt des Juden Herzl, die übermächtige Kraft des Führers, der mit wuchtig-riesenhaftem Arm die Steine schichtet zum Bau eines neuen Judentums. Herzls Briefe an Adolf Stand zeigen ihn als Di ener des Volkes und als seinen Herrn. Sie zeigen, wie Herzl schuf, urrein schuf, und darum herrschte. Und dann, nach seinem Tode, spricht man von ihm. Liebevoll tut es Wengraf ir seinem Gedichte. Und ein Großer in Israel kommt noch zu Wort, einer der eigene Wege ging, andere Wege als Herzl: Achad-Haam. Er spricht herrlich schöne Worte des Gedenkens, aber auch des Begreifens; es ist die Würdigung eines Großen durch einen Großen, eines Eigenartigen durch einen Eigenartigen, Subjektiven. Und sie ist schön. . . . Dann spricht das jüdische Schaffen selbst aus dem Buche, das neue künstlerische Schaffen. Ich betone: das neue Schaffen; denn unser künstlerisches Schaffen

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