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Die Welt · 1910-09-30 · 39 (30.9.1910) · page 12

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
14 (1910)
Issue
39 (30.9.1910)
Date
1910-09-30
Page
– (sequence 12)
Language
German
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tä\?\. t» c □□□□□□ o ■o FEUILLETON □ o SCHAFFEN UND NACHSCHAFFEN (Zu einem neuen jüdischen Almanach*) Von Siegfried Schmitz, Wien Schaffen ist die höchste Form des Menschenseins. Darum lebt die Schaffenssehnsucht in allen Menschen. Doch um sie zu aktivieren, muß ein Zweites gegeben sein: Harmonie mit dem Sein außer uns, Harmonie, die in der Menschenbrust als mächtiges Gefühl vorhanden sein muß, Harmonie, die der Mensch sich selbst schafft durch sein Gefühl und seinen Willen. Dann bejaht er, dann lebt er mit dem All, dann schafft er auch. Nur Gefühl und Wille bringen diese Harmonie hervor, die das Schaffen weckt; niemals aber wirkt die reine Erkenntnis schöpferisch. Denn wenn wir erkennen, einen vir uns nicht mit dem Sein um uns, sondern wir stellen uns ihm gegenüber: wenn wir erkennen, leben wir nicht mit dem All, sondern gegen das All. Dann schaffen wir nicht selbst aus uns, sondern wir registrieren etwas Vorhandenes, dann bejahen wir nicht etwas neu in uns Gewordenes, sondern wir nehmen Kenntnis von etwas außer uns Geschehenem, dann schaffen wir nicht neu, sondern wir s c h a f fen höchstens nach, was wir erkannt, entweder im Geiste oder in der Wirklichkeit. Dieses Nachschaffen aber ist begrenzt, geendlicht durch die Endlichkeit des jedesmaligen Erkennens. Doch des Menschen Sehnsucht strebt nach mehr, nach der unaufhörlichen selbstherrlichen Schaffenstätigkeit, die unbegrenzt ist und begrenzt zugleich, wie sein Wille es diktiert. Darum hat er nur reine Freude am wahren Schaffen, EIN RABBI *) Jüdischer Almanach 5670, herausgegeben aus Anlaß des 25semestrigen Jubiläums von der Vereinigung jüdischer Hochschüler aus Galizien „Bar Kochba" in Wien. „Jüdischer Verlag". Köln a. Rh. das aus dem Erfühlten, nicht aus dem Erkannten kommt. Denn das reine Erkennen in seiner Begrenztheit befriedigt den Menschen nicht. Jauchzend schafft er nur, wenn er durch sein Gefühl die große Harmonie erlangt. Und im Schaffen lebt er sich und die Welt, sein Geist herrscht frei und lustvoll, und so vermag des Menschen reine Schöpfung die Welt zu erschüttern, zu erobern, zu beglücken — oder auch zu vernichten. Der Schaffende ist der Herrscher der Welt. Der aber aus reinem Erkennen nachschafft, ist der Beherrschte, von der erkannten Welt Beherrschte. Ein Volk, das Schaffende hat, ist urlebendig, ein Volk von Nachschaffenden aber halberstorben. Und wenn man sich bemüht, die Existenz des Judenvolkes nach den exaktesten Prinzipien der Wissenschaft zu beweisen, so ist das zwecklos. Denn es ist viel einfacher, zu fragen: „Sind die Juden noch schöpferisch oder sind sie nachschaffend?" Denn daß die Juden schöpferisch waren, ist unzweifelhaft. Und die Antwort lautet also: „Durch lange, lange Jahre waren die Juden Nachschaffende, Erkennende. Doch ein Volk, das einmal geschaffen hat, kann nie aufhören, rein, wahrhaft zu schaffen. Und dieses Schaffen beginnt wieder, vielmehr — es war nie erstorben, sondern nur nicht sichtbar den groben Augen der Welt. Denn wir hatten und haben oft und oft jene herrlichen Augenblicke in unserer Seele, wo sie sich einfühlt in die große Harmonie des Ich mit dem All. Unsere nüchternerkennenden Nachschaffer sind nur unser halbes Selbst, und das allein kennt die Welt seit längerer Zeit, doch SAMUEL HIRSZENBERG

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