Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 14 (1910)
- Issue
- 39 (30.9.1910)
- Date
- 1910-09-30
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
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Fromers Klagen. Es ist schon lange her, daß die Berliner jüdische Gemeinde gezwungen "war, sehr gegen den Willen ihrer liberalen Leitung, den Gemeindebibliothekar Fromer zu entlassen. Er war ausschließlich durch Protektion zu seinem Amte gekommen, die er dem judentumsfeindlichen Professor Delitzsch und dem nicht minder dem Bestände des Judentums entgegenstehenden Herrn Prof. Ludwig Geiger, dem anerkannten Führer der jüdischliberalen Gemeindepartei, verdankt. Fromer hat dann gegen die Gemeinde geklagt und ist vom Gericht mit seinen Ansprüchen abgewiesen worden. Da er als jüdischer Gemeindebeamter mit pseudonymem Mute in der „Zukunft" des getauften Juden Isidor Wittkowski das Judentum aufforderte, im Christentum unterzutauchen, da er die Existenzberechtigung des Judentums leugnete, so entzog er sich selbst die Berechtigung, Beamter einer Gemeinschaft zu sein, deren Berechtigung zu existieren er bekämpft. Seine völlige Unkenntnis im bibliothekarischen Beruf wurde dabei nicht einmal in Betracht gezogen. Er ist dann untergetaucht, obgleich sich Schützer fanden, die den Mann, der nun den Märtyrer seiner Überzeugung spielte, gesichert unterbrachten. Er ist bereits jetzt ganz vergessen, da sich der Kampf in dieser Sache mit Recht gegen den Protektor des Mannes, gegen Geiger richten sollte. Fromer selbst ist ja eine ganz unbedeutende nebensächliche Person. Nach mannigfachen andern Versuchen trat Fromer dann mit dem Plane einer Talmudenzyklopädie hervor, die aber die Ablehnung der sachverständigen wissenschaftlichen Forschung fand. Denn Fromer ist wohl ebensowenig Gelehrter oder Fachmann auf dem Gebiete dieser Wissenschaft, wie er etwas von der Bibliothek- Wissenschaft und -Technik versteht. Um die wissenschaftliche Nichtbeachtung, die ihm zuteil wird, zu bannen, beschreitet er nunmehr den Weg, in der „Zukunft" des Herrn Wittkowski unter dem Titel „Moderne Fehme" neuerlich einen Artikel zu schreiben, der, wie seine Aufnahme in der der „Zukunft" gesinnungsverwandten „Staatsbürgerzeitung" beweist, durchaus antisemitisch wirkt. Da verwahrt er sich vor allem gegen den Vorwurf, daß er längst heimlich getauft, daß er ein Lump und Ignorant sei. Nur die „Feigheit" nimmt er fürsich wegen seines Pseudonymen Artikels in Anspruch. Aber kurios ist es, wenn der Mann schreibt, daß er sechs Jahre „alle diese Verleumdungen unwidersprochen über sich habe ergehen lassen, weil er sich geekelt habe, sich damit zu befassen". Das ist ja ein ganz merkwürdiges Reinlichkeitsgefühl. Ein Reinlichkeitsgefühl, das erst erwacht, nachdem sich seit sechs Jahren kein Mensch mehr darum kümmert, wer denn dieser Jakob Fromer ist. Die „Staatsbürgerzeitung" freilich geht dabei wieder einmal daran, im Trüben zu fischen; aber sie möge einmal den Fall ins antisemitische Parteileben übersetzen. Bekanntlich ist es oft genug vorgekommen, und gehört auch heute nicht zu den Seltenheiten, daß antisemitischeParteigrößen plötzlich ihrekatilinarische Natur offenbaren und vor dem Strafrichter ihre langjährige Rettung der deutschen Moral endigen. Wenn nun ein Angestellter der antisemitischen Partei auf Grund dieser so häufig offenbarten Korruption einmal einen Artikel schreiben würde, der die Existenzberechtigung ihrer Partei anzweifelte, ob sich da die „Staatsbürgerzeitung" auch so ins Zeug legen würde, wenn der arme „unschuldig Verfolgte" von der Partei entlassen wird, deren Existenzberechtigung er bestreitet? Die „Staatsbürgerzeitung" betont mit einem so geschäftigen Eifer, daß ihr Fromer-Artikel nicht von Fromer inspiriert sei, daß gerade dieser Eifer das Mißtrauen erweckt, das ja bei dem bekannten Verhältnis zwischen „Staatsbürgerzeitung" und „Wahrheit" ohnehin geweckt wird. Der Versuch Fromers, von den Toten aufzustehen, ist ganz vergeblich, es sei denn, daß er offen in den Dienst der Antisemiten trete, ein Rat, den man ihm deshalb geben kann, weil seine Kenntnisse und Fähigkeiten dazu vollkommen ausreichen. Aber ein Gutes hat der Artikel des Toten in der „Zukunft" doch. Er erinnert rechtzeitig vor den Wahlen in der jüdischen Gemeinde zu Berlin daran, daß an diesen Vorkommnissen einzig und allein das liberale Protektionswesen schuldig ist, das Gelehrte und Fachleute zurückwies, weil sie nicht der Geigerschen Parteirichtung angehörten, aber einen Fromer anstellte der sich dann der Feigheit schuldig machte, in einem Pseudonymen Aufsatze in der „Zukunft" die Juden und das Judeutum zum „Untertauchen" aufzufordern. Fromer ist eine völlig gleichgültige Persönlichkeit. Die herrschende „Reform" in der jüdischen Gemeinde, die sich verschämt „liberal" zu nennen begonnen hat, ist auch für den Fall Fromer allein verantwortlich zu machen. Vom Pariser Ghetto. In Frankreich, obwohl es das Land der Dreyfusaffäre war, hatten die eingewanderten Juden bisher über Antisemitismus nicht zu klagen. Das bekannte „mort aux Juifs!" aus der Zeit der „Affäre" ist längst verhallt. Wohl herrscht in manchen Gesellschaftskreisen ein antisemitischer Geist, doch ist er mehr gegen die halb oder ganz assimilierten, in Staat und Gesellschaft eine gewisse Rolle spielenden Juden gerichtet, als gegen die armen Einwanderer, die, isoliert im Ghetto lebend, gewöhnlich froh sind, wenn sie in Ruhe gelassen werden. Diese Einwanderer kamen übrigens auch nicht allzu zahlreich daher. Angelockt vom Zauber der überseeischen Länder, zogen die meisten es vor, jenseits des Meeres ihr Glück zu suchen. Die Weite schien ihnen auch das Mehrversprechende zu sein. Seither jedoch hat sich manches geändert. Das teilweise Erblassen des amerikanischen Zaubers, die der Einwanderung in jene Länder entgegengestellte Barrieren haben es mit verursacht, daß Paris als ein großer und freier sozialer Körper ein mächtiger Anziehungspunkt für jüdische Massen wurde. Die meisten dieser Einwanderer gehen, wenigstens fürs erste, ins Ghetto. Und wenn gar manche bei der ersten Gelegenheit das Ghetto mit bessern und gesundem Stadtgegenden vertauschen, so bleiben doch immer noch viele zurück. Und so schwillt das Pariser Judenghetto immer mehr an, und aus den magern, schlottrigen Gliedern bildet sich immer mehr ein kompakter Körper. Diese Ausdehnung kann natürlich nur durch Verdrängen der nichtjüdischen Einwohner geschehen. Doch wurde dadurch das friedliche Verhältnis zwischen jüdischen und nicht jüdischen Nachbarn nicht merklich gestört. Wohl mußte mancher nichtjüdische Einwohner seine Wohnung verlassen, weil er den gesteigerten Forderungen des Mietzinses uicht nachkommen mochte; wohl mußte mancher Schankwirt oder Krämer seinen Laden aufgeben, weil mit dem Wegziehen der Nichtjuden ihnen die Kunden ausgingen. Sie taten es wohl mit haßerfüllten Herzen. Doch war dies äußerlich nicht fühlbar. Und ruhig passiert der Franzose diese von Juden bewohnten Straßen, bahnt sich seinen Weg durch diskutierende und gestikulierende Menschenmassen, durch herumwimmelnde Judenknaben, ohne hierbei irgendwie ungeduldig zu werden. Ist ja der Franzose selbst dieses Gassenleben gewöhnt, und bildet ja die Straße seinen eignen Lieblingsaufenthalt. Der Jude seinerseits, der die Freiheit nicht mißbraucht und stets ein geziemendes Verhalten beobachtet, trägt nicht wenig zu einem guten Vertragen bei. Damit soll nicht das Pariser Ghetto als ein Paradies hingestellt werden. O nein, das ist es nicht. Die ökonomischen Verhältnisse sind meist sehr traurig und die geistig-kulturellen eben so sehr, wenn nicht noch trauriger. Aber wir sprechen hier nur von äußerer Duldung und gutem Einvernehmen, und diese Seite ließ nichts zu wünschen übrig. Soll das nun anders werden? Wäre es möglich, daß die Aufnahmefähigkeit an Juden in Paris den Sättigungspunkt erreicht hätte, und daß wir auch hier vor einer Abwehrbewegung gegen vermehrte Einwanderung stehen, wie wir sie in Amerika und Eng-, land gesehen haben? Es wäre sicherlich sehr gewagt, dies behaupten zu wollen. Allein das Aufwerfen der Frage des Juden-Ghettos seitens des „Journal", eines von einem „socialiste independant" und Freunde des Ministerpräsidenten Briand geleiteten Blattes, noch mehr aber, was darin gesagt wird, verdient, daß man der Frage volle Beachtung schenkt. Eine im vierten Arrondissement, in dem