Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 14 (1910)
- Issue
- 39 (30.9.1910)
- Date
- 1910-09-30
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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Mo. 39 DIE3qKELT 939 zielle Sicherung einer Mittelschule für jüdische Mädchen heranzutreten; die Referentin hält die Mittelschule, wie sie heute der Ausbildung der jüdischen Mädchen dient, für das wirksamste Mittel zur Entnationalisierung der Jugend. Ferner befürwortet der Bund alle Schritte zur Popularisierung der hebräischen Sprache und der jüdischen Geschichte und unterstützt und verbreitet die Jugendzeitschrift „Haschachar" nach Möglichkeit. Die Beschäftigung mit der Jugend ist ein Hauptzweck des Frauenbundes, ebenso die Unterstützung des hebräischen Schulvereins, der eine vollkommen hebräische Erziehung der jüdischen Kinder anstrebt, beginnend mit dem hebräischen Kindergarten und beschlossen mit dem Studium jüdischer Geschichte in hebräischer Sprache. Außer vielen andern Beschlüssen ist noch die dauernde Förderung aller zionistischen Institutionen, besonders des Nationalfonds, als Erfolg dieser Konferenz zu verzeichnen. — Wenn wir auch zugeben, daß viele dieser Anregungen nur in Ländern mit so dichter jüdischer Bevölkerung in Betracht kommen, wie sie in Galizien zu finden ist, so ist doch sowohl die Gründung des Bundes überhaupt wie sein reichhaltiger Arbeitsplan ein erfreuliches Zeichen von der geistigen Regsamkeit und der treuen zionistischen Arbeit der galizischen Frauen. Bei genügender Unterstützung seitens unserer Gesinnungsgenossinnen und weiterer rühriger Tätigkeit wird dieser Bund sicherlich noch Großes in seinem Wirkungskreise schaffen. Im Anschluß an diese Aufgaben der zionistischen Frauenarbeit möchten wir noch einige Anregungen erwähnen, die uns zugegangen sind, und über die wir demnächst unsere Meinung ausführlicher darlegen wollen. Die Dame schlägt fr o /? -o * O □□□□□ o o -—O ( Vom polnischen Demokratismus. In Russisch-Polen stehen die polnisch-jüdischen Beziehungen seit Jahren auf der Tagesordnung der öffentlichen Diskussion. In Galizien wird das Thema meistens bei feierlichen Anlässen berührt. So geschah es auch jetzt bei der Gründung der neuen polnischen Partei, die der Nationaldemokrat Hof rat German gebildet hat. Der neuen Partei sind außer einigen gewesenen Allpolen und den Krakauer „Demokraten" auch die vier Polenklubsjuden beigetreten. Was sie in ihrer programmatischen Deklaration über die Judenfrage sagen, enthält nichts Neues. Es werden diejenigen Juden als Polen betrachtet, die nicht nur mit Worten, sondern mit Taten ihr Polentum beteuern und beweisen. Die neue -Partei verlangt also eine tätige Assimilation, keinen passiven Anschluß, sondern ein aktives Eintreten für die Interessen des Polentums. Welche sind diese Interessen? „Wir müssen uns im vitalsten nationalen Interesse, welches in der Anzahl polnischer Mandate im Osten des Landes, sowie in der Notwendigkeit der Loslösung der Juden vom Sozialismus und von dem uns feindlichen Zionismus zum Ausdruck kommt, bemühen, die jüdischen Volksmassen für unsere nationale Politik zu gewinnen.. Die polnische nationale Politik beruht also auf der Erhaltung ier Vorherrschaft der Polen im ruthenischen Osten des Landes und auf dem Kampf gegen den Sozialismus und den Zionismus. Vom letztern wird gesagt, daß er den Polen feindlich sei. Das ist eine nicht unwesentliche Entstellung. Der Zionismus war niemals gegen das polnische Volk gerichtet. Der beharrliche Kampf der besten Söhne dieses verstümmelten und national zerrissenen Volkes erfüllten die Zionisten stets mit Bewunderung und Mitgefühl. Aber die Zionisten kämpfen gegen die polnischen Parteien und wider die polnische Intelligenz, die sich anmaßen, über Sein oder Nichtsein des alten jüdischen Volkes zu entscheiden. Sämtliche polnischen Parteien, von den Konservativen bis zu den Sozialisten, verlangen die Auflösung des jüdischen Volkes. Sie weissagen nicht, sie erwarten nicht die Assimilation als ein Er_ gebnis geschichtlicher Entwicklung, sie heischen sie, sie drängen sie uns auf. Das Urteil ist gefällt, die jüdische Kultur als minderwertig befunden, drei Millionen Juden dem Untergang geweiht. Der Zionismus bekämpft die Assimilation, diese „Lüge des neunzehnten Jahrhunderts^" wie sie Graf Dzieduczycki, ein geistreicher vor, in.den größern jüdischen Zentren zunächst kleine Gewerbeschulen für jüdischeArbeiterinnenz'u gründen, etwafürSchneiderinnen, Modistinnen, Stickerinnen usw. An diese Schulen sollten auch Kurse für Schreiben, Lesen und Rechnen angeschlossen werden. Ohne jetzt schon eine ausgesprochene Ansicht über dieses Projekt zu äußern, möchten wir nur bemerken, daß es nur dann zu verwirklichen wäre, wenn gleichzeitig den Lernenden die Kosten für Wohnung und Unterhalt gewährt würden, da es sich hier nur um arme Mädchen handeln dürfte, die nicht ein paar Jahre lernen können, ohne gleichzeitig ihren Lebensunterhalt zu verdienen. Ein solches Mädchen-* resp. Arbeiterinnenheim würde allerdings große Kosten verursachen, aber eine Leistung ersten Ranges darstellen. Das zweite, wahrscheinlich viel leichter realisierbare Projekt ist ein Vorschlag zur Schaffung einer Arbeitsbörse für jüdische Frauen und Mädchen. Ein solcher Arbeitsnachweis, der auch mit Auskunfterteilung über billige Wohnungen, Mittagtische usw. verbunden werden könnte, müßte unseres Erachtens in allen größern Städten, wie Berlin, Wien, Breslau, Königsberg, und allen Durchgangstationen für östliche Auswanderer den größten Segen stiften und würde doch keine zu großen Ausgaben verursachen. Wir behalten uns indes vor, nochmals eingehender darauf zurückzukommen und bitten auch unsere Leser und Leserinnen, uns ihre Ansichten hierüber mitzuteilen, Wir werden gern von Zeit zu Zeit weitere allgemein interessierende Anregungen und Berichte veröffentlichen und erwarten von allen Freunden zionistischer Frauenarbeit weitere Beteiligung. politischer Schlachziz, bezeichnete, er ringt um die Existenz dieses aus polnischen Gründen totgesagten Volkes, um seine Ehre und Freiheit. Deshalb hassen ihn die Polen. Denn der zukünftige polnische Staat soll ein einheitlicher Nationalstaat sein. Die vernünftigsten Polen verlieren die Besinnung, wenn sie zugestehen müssen, daß eine jüdische Minderheit von drei Millionen die polnische Erde bewohnt und ihr Recht fordert. Wenn aber den Polen die Existenz des Judentums ein Greuel ist, warum die Polenfeindlichkeit des Zionismus vorschützen? Was die neue Partei aktives Polentum nennt, ist die Mitwirkung der Juden an der Niederhaltung der Ruthenen Ostgaliziens, Stellungnahme im Klassenkampfe gegen die Arbeiterschaft und völlige nationale Entäußerung. Nun muß aber festgestellt werden, das die Polen nicht bloß die einzigen sind, die aktive Assimilationspolitik treiben, die das Aufgehen der Juden gebieterisch, gewaltsam durchführen wollen. Sie besitzen in geringerern Maße als andere Völker das, was die Voraussetzung aller Verschmelzung ist, — die Wärme. Man fordert Anschluß, aber jedes Eindringen von Juden in die polnische Literatur, Kunst, Wissenschaft, Politik und Gesellschaft ruft Widerspruch hervor, der Eindringling wird in die Schranken gewiesen. Kein Wunder, die Abneigung gegen Juden und Judentum beruht bei den Polen in erster Linie auf der Vorstellung von unserer Minderwertigkeit. Wundern sich die Polen, daß der Zionismus diesen heuchlerischen Kampf gegen den „jüdischen Separatismus," d. h. gegen unsere nationale Existenz, energisch abwehrt, daß er die Wurzeln der Gesinnung der polnischen Gesellschaft bloßlegt und die Verwandlung der Juden in ein Werkzeug nationaler Unterdrückung rücksichtslos bekämpft? Wir müßten wirklich mausetot sein, um diesen Existenzkampf nicht bis zur völligen Emanzipation von der polnischen Umklammerung zu führen. Denn sie tut uns nicht wohl. Sie bedeutet wirtschaftliche Ausnahmestellung, kulturelle Niederhaltung, politisches Lakaientum. Das Programm der neuen Partei faselt zwar von einer „Berücksichtigung des jüdischen Massenelends." Wir wissen, was der Köder wert ist. Die Komödie der pünktlichen Vertagungen der galizischen Enquete, das hartnäckige Leugnen aller führenden Parteien, daß eine Judennot besteht, sagt mehr als eine auf Wählergewinnung berechnete Deklaration. Ist übrigens nicht Herr Dr. Löwenst'ein der Autor des „vielversprechenden" Satzes? 2* REVUE DER WOCHE