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Die Welt · 1910-09-30 · 39 (30.9.1910) · page 8

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
14 (1910)
Issue
39 (30.9.1910)
Date
1910-09-30
Page
– (sequence 8)
Language
German
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bezeichnet, soll das Sinnen und Trachten, die Arbeit und Mühe der jüdischen Frauen gelten. Und wahrlich, wir stehen inmitten einer Zeit, in der es für den edlen Juden „eine Lust ist, zu leben". Erhabene Geister holten mit Götterhänden das Ideal zweier Jahrtausende aus ehrwürdigen, geheiligten Büchern, aus frommen Herzen und goldenen Wolken — und stellten es fest und sicher auf die starke, lebenstrotzende Erde, darauf .hinweisend mit mahnender Hand. „Wenn wir wollen, ist es kein Märchen." Es ist erreichbar, wenn wir die kurze Mühe nicht scheuen! Eine einzige Generation, erzogen in wahrer Kenntnis, in tiefem Verständnis der Vergangenheit und Gegenwart unseres Volkes, muß in dem neuen Geschlechte den heißen Wunsch, das unabweisliche Bedürfnis nach einer freien und glücklichen Zukunft der Judenheit erwecken. Dann aber wird der Wunsch den Wilien und dieser die Tat schaffen. Und dann wird das älteste Kulturvolk der weißen Rasse gerettet vor dem schmachvollen, dem häßlichen, für alle Zeiten entehrenden Tode durch Selbstmord. Es sage keine: „Zeit und Umstände erschweren das gigantische Werk — oder gar machen es unmöglich". Nein! „'Es ist die Zeit dem weißen, unbeschriebenen Blatte gleich — das Papier ist ohne Makel — doch die Schrift darauf seid ihr — wenn die Schrift nicht just erbaulich — nun, was kann das Blatt dafür?" Diese Worte eines edlen Freiheitssängers dünken mich die beste Antwort auf jenes Argument, hinter dem Indolenz und Gleichgültigkeit meist sich bergen. Inhaltsreich und an köstlichen Folgen schwer soll die Schrift werden, welche die Geschichtsblätter unserer Tage enthalten. Nicht nur als Erzieherin und Bildnerin der Jugend, d. h. der Zukunft unseres Volkes — auch sonst als tätiges Glied soll sich die jüdische Frau der endlos langen Kette freiwilliger Arbeiter im Dienste der augenblicklichen nationalen Aufgaben anschließen. Jede nach Maßgabe ihrer geistigen und materiellen Kräfte und Mittel. Die einen durch Wort und Schrift, die andern durch stilles, emsiges Wirken im Hause, in Vereinen, Kinderhorten, Jugendbünden — alle zusammen aber, durch das kleinste, das unter Umständen das größte ist: durch finanzielle Unterstützung unseres physisch vielgestaltigen, wenn auch geistig einheitlichen Werkes. Alle zusammen! Denn, wenn: „der Starke allein am stärksten ist", so ist es nicht minder wahr, daß der Schwache, und besonders die Schwache allein, am schwächsten bleibt. Und wir sind noch im einzelnen schwach: schwach an Mut, an Unternehmungssinn, an Erfahrung, an Mitteln aller Art. Aber geschlossen werden wir eine Macht bilden, die derjenigen der Männer ebenbürtig und auf dem Gebiete der Opferwilligkeit und Opferfreudigkeit überlegen sein wird. Und ob die Jüdin einen großen Verein in jüdischem Geiste leitet, oder nur ihre Kinderstube, ob sie als begeisterte Rednerin tausende Verblendeter, Schwankender mit sich fortreißt und bekehrt, oder mit ihrem festen Glauben und still beharrlichen Beispiel einen einzigen überzeugt — ob Mütter und Töchter die winzigste Spende oder Hunderte und Tausende dem erhabenen Zwecke widmen, — in jedem Falle haben sie voll ihre Pflicht getan, wenn sie in Wahrheit ihren Mitteln gemäß geben und wirken — und wenn sie alle geben und alle arbeiten. Organisation heißt das große Losungswort unserer Zeit! Nutzen wir es! Organisieren wir uns! Die organisierten zionistischen Frauen sollen und können mit Eifer an dem größten Stück sozialer Arbeit "und zugleich sozialer Gerechtigkeit mitwirken, das darin besteht, dem bedrücktesten, unglücklichsten Volke der Erde dasjenige wiederzugeben, was die Grundlage der Existenz, der gedeihlichen, für sich und andere segensreichen Entfaltung jeder Nation ist: die eigene Heimat! „Es ist des Unglücks eigentlichstes Unglück, daß selten drin der Mensch sich rein bewahrt" -~ dies gilt in viel höherem Maße von einem ganzen Volke. Das jüdische Volk will endlich das Unglück der Heimatlosigkeit von sich streifen, um an Leib und Seele, an Kopf und Herz wieder ganz zu gesunden. „Der Treue seiner Frauen wird es seine Erlösung verdanken..." Zionistische Frauenarbeit Wir geben nachstehend eine Zuschrift der Zentralstelle für zionistische Frauenarbeit wieder: Das Interesse an unserer Arbeit wächst besonders unter den jüdisch-nationalen Frauenvereinen in höchst erfreulicher Weise. Die Korrespondenz beschränkt sich nicht mehr auf Anfragen und Informationen jeglicher Art; wir erhalten von verschiedenen bedeutenderen Vereinen ausführliche Berichte über ihre bisherige Tätigkeit, Angaben über eventuelle Erweiterungen ihres Arbeitsgebietes und vor allem wertvolle neue Anregungen für eine erfolgreiche Frauenarbeit. Besonders interessant ist ein Tätigkeitsbericht des „Cercle des Dames Sionistes", Antwerpen (eingesandt von Frau Oscar Fischer) über einen Zeitraum von sechs Jahren und ein Auszug aus dem Protokoll der ersten Sitzung des „Jüdischen Frauenbundes für Galizien und Bukowina", den uns die verdienstvolle Präsidentin des Bundes, Frau Rosa Melzer-Porneranz zur Verfügung stellt. Der „Cercle des Dames Sionistes" in Antwerpen wurde im Jahre 1904 von der leider inzwischen verstorbenen Frau Heinrich Grünau-Grünzweig begründet. Gleich im ersten Jahre seines Bestehens konnte der Verein durch ein großes Künstlerkonzert und einen ausgezeichneten Vortrag von Frl. Prof. Schach aus Paris über „Die jüdische Frau" ein bedeutendes Anwachsen seiner Mitgliederzahl konstatieren. Der in der ersten Zeit dem Frauenverein ziemlich fernstehende „Cercle Polyglotte", in dem verschiedene Sprachen gepflegt wurden, hat sich langsam zu der Tendenz des „Cercle des Dames Sionistes" hin entwickelt und bildet heute eine wesentliche Stütze desselben. Die Mitgliederzahl der Frauengruppe hat sich immer auf etwa 100 gehalten; im letzten Jahre ist außerdem ein Zweigverein, die Jugendabteilung, hinzugekommen, welche sich die Aufgabe gestellt hat, die Jugend zu ernster Arbeit heranzuziehen. Von Anfang an hat der Frauenverein sich eifrig um die Jugend von Antwerpen bemüht. Die in jedem Jahre zwei bis dreimal stattfindenden Kinderfeste genießen den Ruf künstlerisch vollendeter Veranstaltungen und echt jüdischer Gemütlichkeit. Es werden Aufführungen jüdischer Stücke geboten, deren Mitwirkende natürlich Kinder sind; eine kurze Ansprache erläutert den Kleinen die Bedeutung der jüdischen Feste und gibt ihnen leichtverständliche Aufklärungen über jüdisch-nationales Wesen. Eine reichliche Bewirtung und das Singen von jüdischen Liedern sichern bei den Kindern eine längere Erinnerung an das schöne Fest. Der Cercle hat außerdem eine nachahmenswerte Einrichtung zum Besten des Nationalfonds getroffen, die wir allen Frauenvereinen warm empfehlen können. Jedes Kind erhält beim Fest eine Nationalfondsbüchse, die es im nächsten Jahre zurückzubringein hat; die zehn besten Sammler werden öffentlich belobt und erhalten eine Auszeichnung. — Selbstverständlich bietet der Cercle seinen Mitgliedern weiteste Möglichkeiten zur Vervollkommnung in jüdischen Dingen durch Vorträge, regelmäßige Zusammenkünfte mit Diskussionen, hebräische Sprachkurse usw., und ist durch tätigste Mithilfe in allen Angelegenheiten eine sehr willkommene, unentbehrliche Kraft der belgischen Zionistenföderation geworden. Das Parteiblatt „Hatikwah" bringt fast in jeder Nummer Mitteilungen des Vereins und literarische Beiträge von Mitgliedern. Der „Cercle des Dames Sionistes" kann allen zionistischen Frauenvereinen als Muster dienen und wird hoffentlich noch recht viel Gutes in Antwerpen und ganz Belgien schaffen. Einen weitern interessanten Überblick über Frauenarbeit bietet das Protokoll über die konstituierende Versammlung des „Jüdischen Frauenbundes für Galizien und Bukowina". Der Bund umfaßt alle Frauenvereine mit zionistischer Tendenz in den genannten Ländern und ist von Frau Rosa Melzer in richtiger Erkenntnis der Wichtigkeit eines geschlossenen Zusammenwirkens aller Mittel und Kräfte im Februar d. J. gegründet worden. Er will die zionistische Idee unter den jüdischer Frauen in jeder Weise fördern und nicht nur ideale, sondern auch praktische Erfolge erzielen. So stehen auf dem Arbeitsprogramm des Frauenbundes einige sehr beachtenswerte Punkte, die der zionistischen Frauenarbeit ganz neue Perspektiven eröffnen. In seiner ersten Sitzung wurde die baldige Gründung eines Internats beschlossen, in dem vorläufig 15 Mädchen in nationalem Sinne erzogen werden und eine gute Mittelschulbildung erhalten sollen. Sobald indes das Internat sich bewähren wird, gedenkt der Frauenbund an die finan-

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