Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 14 (1910)
- Issue
- 39 (30.9.1910)
- Date
- 1910-09-30
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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Nationale Pflichten der jüdischen Frau Von Rosa Melzer, Lemberg Um über das obige Thema in überzeugender Weise zu sprechen,;st es notwendig, unsern Frauen immer wieder die Definition der Bezeichnung „Volk" in Erinnerung zu bringen: unter dem Sammel- ,,orte „Volk" oder „Nation44 versteht man einen gewissen, sei es och so kleinen Bruchteil der Menschheit, welcher in Jahrtausende inger Entwicklung eine eigene Kultur hervorgebracht hat, d. h. ine eigene Religion, eine eigene Ethik, eine eigene Sprache, Gesetzgebung und Literatur, eigene Sitten und Bräuche. Aus dieser eigenartigen Kultur ging eine eigenartige Weltnschauung hervor, die vielfach befruchtend auf andere Menschheitsgruppen, also Nationen, wirkte, und aus der sich als letzte Konsequenz ein ganz eigenartiger, von allen andern sich untercheidender Volkscharakter entwickelte, das feinste, weil unvergängliche Merkmal eigenen Volkstums. Die gemeinsamen vielhundertjährigen Schicksale, die jene gestimmte Menschengruppe durchgemacht hat und die man die ieschichte dieses Volkes nennt, trugen ebenfalls dazu bei, seine inzelnen Glieder zusammenzuschweißen, zu einem untrennbaren janzen zu verbinden, das nunmehr in der Welt, im Leben und in der Universalgeschichte als ein Volk unter den Völkern dasteht. Ein solcher kultureller und/ politischer Prozeß, ein solch gewaltiger Vorgang, aus dem als grandiose Schöpfung ein Volk hervorgeht, ist demnach nicht das Werk einer kurzen Spanne Zeit, iniger weniger Geschlechter, sondern die bewußte und unbewußte Arbeit zahlloser Generationen, an die sie oft und oft ihr Gut und Blut gesetzt, an der Schweiß und Tränen kleben, der sie in Lust nd Leid, mit Opferwilligkeit und Selbstverleugnung ergeben waren, •iie sie immer und überall mit Mut und Liebe fortgeführt haben is zum letzten Atemzuge, — worauf stets neue Generationen an ire Stelle traten, die das alte Völkererbe, die Arbeit ah;xlem olke für das Volk, weiterführten. — Und so wie die jun&e Eiche ahr für Jahr in Sonnenschein, Regen, Sturm und Eis unaineuem rühling Ring um Ring an ihrem Stamme ansetzte, bis sie'^u dem mächtigen Waldriesen wurde, — ganz so, nach geheimhielten,;,mern Gesetzen und äußern Einflüssen, entstand aus einemi kleinen, :nansehnlichen Stamm, der einst aus dem Dämmer der Vergangenheit aufgetaucht, ein großes, geschichtliches Kulturvolk. Und ebenso wenig wie sich die Eiche je in eine Buche verwandeln ließe, ebenso wenig vermag man ein bestimmtes Volk in ein anderes zu verwandeln. Ja, man kann wohl die Eiche verwandeln - in Kohle und Asche 1 — aber niemals, durch keine Kunst und Macht der Welt, kann man aus der ausgewachsenen Eiche einen andern Baum machen. Ihr kleinstes Zweiglein, wenn auch verpflanzt in andern Boden, wird entweder verdorren oder wieder zur Eiche werden. Ganz so verhält es sich mit einem Volke, das einmal die Höhe seiner Entwicklung auf eigner Heimatscholle erlebt, d. h. eine eigne Weltanschauung geschaffen hat. Und die ältesten Verkündiger der Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit, die Lehrer der ethischen Weltanschauung, der sozialen Gerechtigkeit, — denen die unsterblichen Wahrheiten nicht bloß philosophische Erkenntnis, sondern strenges Gebot, lebendiges Gesetz waren und sind, — die Juden sind am Werke ihrer Renaissance. Da das Volk einst infolge tragischer Schicksale ein einziges wichtiges Attribut eignen Volkstums, — die eigne Heimat — verlor und seinen Fuß zur Wanderung erhob, gab ihm ein Held und Weiser das Trostwort mit auf den Dornenweg: „Der Treue eurer Frauen werdet ihr eure Erlösung verdanken." Nun ist die Zeit erfüllt, — und an uns, den Frauen der Judenheit, ist es, jenes Wort wahr zu machen, das ein so starkes Maß an Vertrauen, eine so ehrende Hoffnung auf uns setzt. Wie vermögen wir das? Vor allem, indem wir uns der Pflichten bewußt werden, die unsere Zugehörigkeit zu dem „ewigen" Volke uns auferlegt. Alle Höhen und Tiefen moderner Erziehung trennen uns von dem Geist und Wesen unserer Großmütter. — Eines verbindet uns mit ihnen und den zahllosen Generationen verschwundener Zeiten: das Judentum in uns, — das latente Jndentutn! Und eines soll uns darin von unsern ungelehrten, fromm-gläubigen Ahnfrauen unterscheiden: das bewußte Judentum! Treue zu dem eignen Volkstum, edler Stolz auf die Zugehörigkeit zu ihm — kann bei den modern Gebildeten nur der genauen Kenntnis desselben entspringen. Vertiefung in das Wesen der Lehre, den Geist der Sprache und Dichtung, in die Erfahrungen der historischen Schicksale ihres Volkes, soll der jüdischen Frau nicht bloß Herzensbedürfnis sein — wie dies bei den Frauen aller Völker ist — sondern auch noch heiligste Gewissenspflichit, die in erster Linie eben dazu berufen ist, das große Erbe der Vergangenheit durch die jedesmalige Gegenwart in die Zukunft hinüberzuleiten. Wenn bei den Nationen, die in eigner freier Heimat leben, Staat und Gemeinde die nationale Erziehung der jungen Generation fördern und im wesentlichen selbst vollbringen, muß bei einem Gastvolke, wie die Juden es sind, jene hohe Mission ausschließlich der Familie zufallen. Die Familie aber — sagt der weise Talmud- „das ist die Frau!" mstfN IT OTD die Frau als. Mutter und Erzieherin. Als solche darf sie nicht länger die heuchlerische Phrase von nationaler Assimilation, der Schlange gleich, an ihrem Herde hausen lassen. Es gibt nur nationale Treue einerseits, nationale Fahnenflucht und gemeinen Verrat andererseits. Des einen müssen wir stets eingedenk bleiben: Es gehört ein ungleich längerer und viel qualvollerer Prozeß für das Vergehen als für das Entstehen des geschichtlichen Kulturvolkes, dessen fast 4000jährige Tradition heute noch mit alter Kraft in ihm lebendig ist. Mütter geben nie den Tod! Dös Leben kommt von ihnen! Auch das nationale Leben, jedem neuen Geschlechte in frühester Jugend eingeimpft, durch ^p^Setst der Erziehung eingehaucht. Wie soll aber die selbstHfest durchweg uniüdisch erzogene Mutter diese verantwortungsvolle Aufgabe vollbringen? Indem sie mit ihren Kindern zum Kinde wird -— belehrend lernt, lernend belehrt! Doch nicht bloß bei ihren eignen Kindern und überhaupt nicht nur bei Kindern — das Weib wirkt stets und überall erzieherisch. Wenn die berühmte schwedische Denkerin Ellen Key behauptet: „Das Weib bildet sich nach den Träumen des Mannes von dem Weibe", — so behaupte ich von meinem jüdischen Standpunkte das Gegenteil: Der Mann wird zu dem, was das Weib von ihm erwartet, begehrt und fordert. Lasset uns unser Judentum erst selber kennen und lieben, ihm treu bleiben und dienen wollen aus ganzer Seele und mit allen Kräften, dann wird auch der jüdische Jüngling und Mann kein anderes Ideal suchen und hegen. Vor allem die wahrhaft gebildete, denkende Jüdin muß zur begeisterten Vorkämpferin ihres Judentums werden, da nur in ihm die erhabenen Gedanken und Strebungen des Fortschrittes, die ihre Seele bewegen, nicht bloß als schöne Theorie und erträumter Idealzustand, sondern als historische, von einem ganzen Volke gelebte Wirklichkeit ihr entgegentreten, als beglaubigtes Faktum der Vergangenheit, die zu noch schönerer, von modernen Errungenschaften getragener Gegenwart werden soll in dem Augenblick, da der einzig wahre Träger jener großen Traditionen — das jüdische Volk — in normale Verhältnisse, d. h. auf die eigne Scholle zurückgekehrt sein wird. Der baldmöglichsten Verwirklichung dieses Strebens, das man mit dem Namen „jüdische Renaissance" oder populärer „Zionismus" 2