Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 14 (1910)
- Issue
- 39 (30.9.1910)
- Date
- 1910-09-30
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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Sprachen und Jargonarten, darunter auch diese, einbürgern; doch keine Sprache vermag in unserer Seele Wurzeln zu fassen. Eine Spräche geht und eine andere kommt, je nach den Bedürfnissen der Stunde; wir gebrauchen sie alle, und sie bleiben uns fremd; und es ist uns einerlei, welche heute die herrschende ist und welche morgen herrschen wird. Die. Nationalsprache verliert und gewinnt nichts durch diesen Wechsel. Sie kann mit ihnen in ihrem Kreise nicht wetteifern, und deshalb gerade können auch sie mit ihr in deren Kreise nicht wetteifern. Das hebräische Publikum der Gegenwart unterliegt keiner „Konkurrenz". Es sucht im Hebräischen nicht, wie im Zeitalter der „Haskala", die „Elementarbildung", um sich nachher einer anderen Welt zuzuwenden. Es liest Hebräisch, weil es ein Hebräerpublikum ist und sich durch ein inneres Band mit der nationalen Sprache und deren Literatur verknüpft fühlt. Solch ein inneres Bedürfnis ist keine „Ware", mit der man durch Preisermäßigung auf dem Markte konkurriert. Und wenn es uns manchmal scheint, daß der Jargon dem Hebräischen seine Leser „raubt", so ist es nur Einbildung. Schlimmere „Räuber" bedrohen es; und auch ihnen, davon bin ich überzeugt, wird es nicht gelingen, es zu vernichten.. Allerdings befindet sich unsere nationale Literatur gegenwärtig in einer Epoche des Niederganges. Aber so pflegt es einer von Anderen abhängigen Nation zu ergehen:, ihre Entwicklung schreitet nicht in gerader Richtung, sondern sprunghaft, durch äußere Einwirkungen plötzlich emporschnellend und niederstürzend. Unser Volk hat in der Stunde des Niederganges stets mit der Hoffnung auf einm neuen Aufschwung gelebt und sich nie der Verzweiflung preisgegeben. Ich weiß es, daß meine ßesinnüngsfreunde meine Worte nicht billigen werden; doch ist es meine Pflicht, meine Gedanken öffentlich #ä$#ssprechen: Ich teile die „Jargonfurcht" nicht! Mögen Sie immerzu gute Bücher im Jargon schreiben, und möge es die Masse lesen und daraus Bildung schöpfen». Eine „nationale Literatur" wird darin nicht geschaffen werden. Was der Aufbewahrung für spätere Generationen wert ist, das wird in hebräischer Überfragung aufgehoben werden, wie im Arabischen usw. geschriebene Werke in gleicher Weise aufbewahrt sind. Alles übrige wird mit dem Jargon zusammen der Vergessenheit anheimfallen und spurlos verschwinden. Oder kann denn jemand daran zweifeln, daß der Jargon nach zwei, drei Generationen in Vergessenheit geraten wird? Ganz gleich, ob wir es wünschen, oder nicht; den Gang des Lebens vermögen wir nicht aufzuhalten. Das lebendige Sprechen ist den ständigen Lebensforderungen unterworfen; und wenn diese dem Volksmunde eine andere Sprache zuführen, dann hilft keine „Strafpredigt", um die absterbende Sprache zu retten. An dem Tage aber, wo der Jargon aufhören wird, eine gesprochene Sprache zu sein, wird er sich auch als literarische Sprache nicht eine Stunde halten können, während unsere nationale Sprache seit nun zweitausend Jahren existiert. Denn es wird sich dann auch nicht ein einziger Jude finden, der es für eine nationale Pflicht halten würde, den toten Jargon zu erlernen oder seine Kinder zu lehren, wie sich stets Juden finden, die eine solche Pflicht betreffs unserer wahren Nationalsprache empfinden. Überhaupt will es mich bedünken, daß jener ganze „junge Nationalismus", der sich um den Jargon konzentriert und mit heldenhaften Gesteh die „tote Vergangenheit" verjagt —. nicht sonderlich „gefährlich" ist. Jetzt ist er noch freudetrunken über den großen „Fund" einer „lebendigen nationalen Sprache", und er glaubt wirklich mit dem Zauber dieser Worte Welten umstürzen und unser nationales Leben auf einer sichern Grundlage aufbauen* zu können. Nicht lange wird es aber währen, und er wird aus der Erfahrung die bittere Wahrheit erkennen, daß er die Rechnung ohne den Wirt gemacht hat. Die „lebendige nationale Sprache" wird unser Volk nicht dazu bewegen, sie zum Zentrum seines nationalen Lebens und zur Grundlage der nationalen Erziehung zu machen, geschweige denn, daß sie unsere „Nachbarn" dazu veranlassen wird, ihretwegen unsere nationalen Rechte anzuerkennen..... Wenn wir es auch vergessen sollten, sie werden es nicht vergessen, wann, wie und woher diese „nationale Sprache" zu uns gekommen ist, — und sie werden sie nicht als ein ausreichendes „Dokument" ansehen. Jetzt schon können wir aus vereinzelten Äußerungen selbst wohlmeinender Nichtjuden den Charakter der „klaren Antwort" erkennen, die wrir zu erwarten haben, wenn wir nicht auf Grund der „toten Vergangenheit", sondern auf Grund der „lebendigen Sprache" „nationale Rechte" verlangen sollten. Die Antwort dürfte ungeÄpr folgendermaßen lauten: „Wenn Ihr zugesteht, dal? das Band zwischen euch und den nationalen Gütern eurer Vorfahren zerrissen ist, so ist auch euer Nationalismus wertlos und ohne Existenzberechtigung. Vergebens „beweist" Ihr durch „Gleichnisse", daß eine Nation auch ohne „väterliches Erbe" leben könne, da die eine Nation trotz diesem, eine andere Nation trotz jenem Defekt an ihrem Erbbesitz existiere. Mit einer solchen Argumentierung könnte man ebenso die „soziale Frage" widerlegen uhd klar zeigen, daß auch der Ärmste der Armen reich sein könne, wenn er es wolle, da der eine Reiche keine Bargelder habe, der andere Reiche keine Grundstücke besitze, ein dritter Reicher keine Ware habe und so ein vierter und fünfter usw. Woraus hervorgehe, daß man ohne Barmittel und ohne Grundstücke und ohne jede andere Art Güter reich sein könne. Nur daß der Arme, wenn er auf Grund dieses Beweises vom Bäcker Brot verlangen sollte, die Antwort erhielte: „Mein scharfsinniger Freund, reich ist, wer etwas hat, einerlei, ob Geld oder Geldeswert, Grundstücke oder Mobilien. Das Besitztum kann sich in verschiedenen und wechselnden Formen verkörpern, nur hat es in all seinen Gestalten eine unwandelbare Grundeigenschaft: — es ist das Gegenteil vom Nichts. Ihr gleicht allerdings den Reichen in dem, was sie nicht haben, Ihr gleicht ihnen aber nicht in dem, was sie haben; und deshalb können sie diesen Namen führen, nicht aber Ihr. — Auch eine Nation ist nur jene, die einen Nationalfonds besitzt, der sich sukzessiv von Generation zu Generation aufhäuft und als Grundlage für das nationale Leben dient. Dieser Fonds kann groß oder klein sein, diese oder jene Form annehmen, an Ausdehnung gewinnen oder zusammenschrumpfen. Die Welt hat aber noch keine „proletarische" Nation gesehen, die ihren Nationalfonds, „Immobilien und Mobilien" bis zum letzten Rest verschwendet und nichts mehr hat als eine leere Sprache, die sie von andern erborgt hat, und leere Hände, mit denen sie alles vom Anfang zu beginnen sich anschickt. Mit leeren Händen geht man in fremde Fabriken arbeiten".