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Die Welt · 1910-09-30 · 39 (30.9.1910) · page 5

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Journal
Die Welt
Volume
14 (1910)
Issue
39 (30.9.1910)
Date
1910-09-30
Page
– (sequence 5)
Language
German
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No. 39 DIE1 „höhere Welt" wurde, dawar auch das innere Empfinden in bezug auf das echte Wesen der Religion geschwunden; da war es nicht mehr schwer, sie aus der Ferne in einer Gestalt zu sehen, die sie nie gehabt. Und so verhält es sich auch mit dem Jargon. Solange er tatsächlich die Umgangssprache aller Ostjuden, der Eltern wie der Kinder, und mit ihrem ständigen Leben wirklich verbunden war, — konnte in keinem Gehirn ein siolcher Gedanke entstehen, daß er, der Jargon, unsere „nationale Sprache" sei; denn zusammen mit dem Jargon selbst lebte im Volksgeist auch die Erkenntnis über seinen wahren Wert. Alle wußten und erkannten aus der Nähe, welche unsere Nationalsprache ist, mit der die Seele des Volkes durch Gefühle der Liebe und Achtung und des nationalen Stolzes verknüpft ist. In Alltagsangelegenheiten, zu Hause und auf ^dem Markte bedienten sie sich der „erborgten" Sprache. Aber ihr Sinnen und Trachten, ihre heiligen Regungen, ihre Freude und Trauer, ihre Tränen und Seufzer; alles, was sie durch ein Denkmal zu verewigen und den kommenden Geschlechtern als Erbe zu hinterlassen für wert hielten, — all dies brachten sie in den Schatz der einzigen Nationalsprache. Selbst die Frauen und Unwissenden, denen es nicht gegönnt war, „die nationale Sprache" zu verstehen, und für die man „Techinoth" und Lesebücher in der Umgangssprache v^fasste, — wußten es auch, daß diese ihre Sprache nrcht die Nationalsprache sei. Und sie erfüllten ihre Pflicht zü der von ihnen nicht verstandenen nationalen Sprache, indem sie sich mit aller Kraft bemühten, ihren Kindern die Kenntnis derselben beizubringen; während sie die andere Sprache, die sie verstanden, nur als Gebrauchsmittel für ihre Bedürfnisse betrachteten und keinerlei besondere Liebe zu ihr empfanden.*) Jetzt erst, da die Lebensbedingungen den Jargon bereits aus dem Volksmunde zu verdrängen begonnen haben und er in vielen jüdischen Häusern (namentlich in jenen Orten, von denen die Lehre des Jargon ausgegangen ist ... .) nicht mehr vernommen wird, jetzt, da die Jugend ihn nicht einmal zu verstehen bemüht ist, — jetzt, da der Jargon selbst sich immer mehr vom Leben entfernt, erblaßt nun auch das lebendige Empfinden in bezug auf den Platz und Wert, den er im Herzen des Volks erlangte. Dadurch ist es jetzt ermöglicht worden, den- Jargon durch einen romantischen Spiegel zu betrachten, und ihn mit einem falschen Glorienschein zu umgeben, als wäre er dem Volke tatsächlich, wie eine „nationale Sprache", lieb und wertvoll. Wenn sich aber von Zeit zu Zeit das wahre Verhältnis des „Volkes1' selbst, in dessen Namen man spricht, zu ') Die „Volkslieder" im Jargon, die Ginsburg und Marek gesammelt und herausgegeben haben, Lieder, die auch nicht eine Spur von Poesie und Gedanken, sondern bloße Wortklaubereien enthalten, sind treue Zeugen dafür, daß das Volk in seiner Gesamtheit diese Sprache nicht für würdig hielt, sein Seelenleben in ihr wirklich zum Ausdruck zu bringen und sie zum Spiegel seines inneren Geistes zu machen. Und wer die schmutzige Sammlung von „Liebessprüchen" im Jargon zu sehen Gelegenheit hatte, die Herr Bernstein aus Warschau zusammengestellt und als Beitrag zur jüdischen Ethnographie herausgegeben hat (ich glaube, daß nur wenige Exemplare davon hergestellt wurden, die nicht zum Verkauf gelangt sind), — der wird erkennen, wer das „Volk" war, das seinen „Geist* im Jargon in derartigen „Schöpfungen" offenbarte, die bei jedem Volke als das Produkt des allgemeinen nationalen Geistes gelten. Solche unflätigen „Sprichwörter", vor denen sich selbst Immanuelaus Rom die Ohren zustopfen würde, können unmöglich vom Geist des israelitischen Volkes in seiner nationalen §präche hervorgebracht sein. JK-LT 935 dieser seiner Sprache zeigt, — dann dreht man die Sache um und wendet sich zu ihm, dem Volke, mit Strafpredigten darüber, daß es „die nationale Sprache" nicht liebe. . . .2) Ich muß gestehen, daß diese ganze „Frage4' betreffs der „nationalen Sprache", die in letzter Zeit „heiße Debatten" in der Presse und in Versammlungen hervorruft, mir mehr als ein Thema für ein schönes Feuilleton geeignet erscheint. Man bedenke, ein mehrtausendjähriges Volk weiß nicht, welche seine Nationalsprache sei. Die einen behaupten: Diese ist es, und die andern meinen: Nein, diese ist es; und da kommen „Friedensstifter" und machen ein Kompromiß: Mögen beide Sprachen zusammen als „nationale" gelten, auf daß kein Zwist unter Brüdern herrsche! . . . Man schlage die Geschichtsbücher aller Völker und Sprachen auf und suche lange nach, ob eine derart seltsame Erscheinung irgendwo zu finden ist.:$) Nun hat aber die Sache eine Seite, die das Lachen von unseren Lippen weichen läßt: die Furcht, welche die „Jargon-Bewegung" den „Hebräern" eingeflößt hat, als glaubten auch diese im Herzensgründe an die Möglichkeit eines Emporsteigens des Jargons zum Range der nationalen Sprache; als befürchteten sie wirklich, daß die „Magd ihre Herrin beerben" könnte. Diese grundlose Befürchtung, deren Vorhandensein allein ein trauriges Zeichen für uns ist, erzeugt auch betrübende Folgen und bringt Verwirrung in unsere Reihen. Gibt es denn z. B. etwas Sonderbareres als dies, daß man in nationaljüdischen Versammlungen, in denen alle Sprachen durcheinander gemengt werden, Proteste gegen den Gebrauch einer Sprache erhebt, die die meisten Juden sprechen, und sicherlich noch zwei, drei Generationen sprechen werden? Auch die Feindseligkeit gegen die Jargon- Literatur und der Neid über ihr „Wohlergehen" — sind seltsame Erscheinungen, Erzeugnisse der „Angst". Viele Zehntausende von der Mässe unserer Brüder können in keiner andern Sprache lesen, als in dem ihnen geläufigen Jargon. Haben sie denn deshalb ein geringeres Anrecht darauf, aus ihrer Finsternis herauszukommen, ihr Wissen und ihren Anschauungshorizont zu erweitern? Und haben sich denn jene, die ihnen, all diesen Massen, die Mittel zu ihrer geistigen Entwicklung bieten, eines Vergehens schuldig gemacht, weshalb wir uns zu ihren Leistungen mit Haß verhalten und über „das Gelingen der Handlungen der Bösen" Klage führen sollen? Gewiß, es wäre schöner, wenn alle Juden, Männer, Frauen und Kinder, ihre nationale Sprache beherrscht und alle geistigen Bedürfnisse aus deren Literatur befriedigt hätten. Ein solcher Idealzustand ist aber im dolus eine Unmöglichkeit. Nicht der Jargon hat unsere Nationalsprache aus dem Munde unsers Volks verdrängt. Andere Vernichtungsfaktoren haben dies vor Jahrtausenden noch bewirkt. Und weil unsere natürlich-eigene Sprache aus unserem Munde verdrängt wurde, konnten sich bei uns alle möglichen 2) Siehe z. B. den Artikel: „Wo ist der Wille des Volkes" im „Fraind" Nr. 23 d. J. 8) Ich entsinne mich, in einer Zeitung einen „Beweis" dafür gelesen zu haben, daß ein Volk auch zwei nationale Sprachen besitzen könne, da doch das Schweizervolk drei Wioiiale Sprachen habe. Ich weiß nicht, ob der Beweisführer die Leser zum besten halten wollte oder wirklich übersehen hat, daß das Schweizervolk aus drei verschiedenen, drei Nationen zugehörigen Stämmen zusammengesetzt ist, von denen , jeder einzelne Stamm nur die Sprache seiner Nation gebraucht.

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