Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 14 (1910)
- Issue
- 39 (30.9.1910)
- Date
- 1910-09-30
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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Die Religion hängt vom Glauben ab, und der Glaube — vom Qeiste des Zeitalters; den Zeitgeist vermögen wir aber nicht zu lenken. Wir tun deshalb besser, alle Kräfte der Entwicklung unserer Sprache und Literatur zu widmen, jener nationalen Güter, die auch ihrerseits die Religion beim Unterhalt des Volkslebens stets förderten; nun, da die Religion geschwächt dasteht, wollen wir jene Güter pflegen, damit sie das ergänzen, was dieser ermangelt. Dann kommen wieder andere und argumentieren: Was nutzt uns alle Mühe, wenn die Sprache doch nicht im Munde des Volkes im Golus lebt — und nicht leben kann — und sie, wie ihre Literatur, aus diesem Grunde notwendig nur der Besitz der „auserwählten Minderheit" bleiben muß! — Was soll denn aber aus der Mehrheit werden? Es gebe deshalb keinen andern Weg für die Erweckung unseres Seins, als den „Nationalfonds" nach seinem Ursprung zurückzubringen und ihn, wie vormals, aufs neue „bodenständig" zu machen. Diesem Zwecke müssen wir all unsere Kraft hingeben; und wenn der erreicht ist, werde die Krisis von selbst überwunden sein. Alle nationalen Güter würden dann auf natürlichem Wege neu verjüngt werden und keiner künstlichen Mittel zu ihrer Aufrichtung bedürfen. Doch während diese Parteien — von denen jede einzelne unter sich mannigfache Meinungsverschiedenheiten aufweist — miteinander in der „Theorie" streiten, siehe, da ist in der „Gasse" eine neue Partei erstanden, welche die Frage unserer nationalen Existenz auf eine bewundernswürdig einfache und leichte Weise lösen will. Ihr Toren! — ruft diese Gruppe — wozu vergeudet Ihr, jeder auf seine Art, zwecklos Eure Kraft und sinket unter dem schweren Joch der „Erblast", die uns doch nicht mehr tax retten vermag? Die Religion — hat sechshundertunddreizehn Gebote; die Sprache und die Literatur — erfordern Studium, und nach Palästina — ist ein weiter Weg. Wozu denn all diese Mühe? Wir können auch ohne Beihilfe des alten Nationalvermögens als besondere Nationalität existieren. Dazu bedarf es nur, daß wir den „aristokratischen Hochmut" eines Volkes mit einer uralten Kultur aus unserm Herzen ausrotten und uns vorstellen, als wäre unser Volk plötzlich, vor vierhundert Jahren, aus dem Boden Polens und Litauens hervorgeschossen mit einer jüdischdeutschen Sprache im Munde. Muß denn ein Volk unbedingt einen Stammbaum bis zur Epoche der ägyptischen Pyramiden aufweisen? Hier habt Ihr also, ohne besondere Anstrengung, eine neue Basis für unsere nationale Existenz: eine nationale Sprache! Eine Sprache, die nicht in Büchern, sondern im Munde des Volkes lebt. Werden wir nun unsere ganze Kraft für diese einsetzen, um sie zu pflegen und auf eine hohe Stufe zu bringen und ihren Literaturschatz zu bereichern, — dann werden wir im Laufe der Zeit dazu gelangen, ein nagelneues „Nationalvermögen" in dieser Sprache zu schaffen, das uns in Ehren ernähren wird, statt der trocknen Knochen, die uns die „Hebräer" vererbt haben, um an ihnen bis in die spätesten Generationen zu nagen ..." Einfach und klar! Nur hat sich in diesen schönen Traum ein kleinerlrrtum eingeschlichen, der ihnillusorisch macht. „Nationale Sprache" bedeutet gar nicht: eine Sprache, die von den Volksgliedern gesprochen wird. Die Deutschen, Franzosen, Engländer, Italiener — jede dieser Nationen, die die Fahne der menschlichen Kultur in unserm Zeitalter tragen, ist sprachlichen vielfache Dialekte geteilt, die mitunter von der Nationalsprache so sehr abweichen, daß die Masse des Volkes, die diese nicht von Lehrern und aus Büchern erlernt hat, sie gar nicht versteht. Denn damit eine Sprache zum Range einer Nationalsprache erhoben wird, muß sie nicht bloß die „Muttersprache" sein; sie muß zugleich auch den geistigen Habitus der Nation in seiner Gesamtentwicklung umfassen. So gilt das Holländische, obgleich es dem Deutschen nahe verwandt ist, als Nationalsprache, weil sie nicht nur gesprochen wird, sondern auch den Geistesbesitz des sie sprechenden Volkes enthält. Wiewohl in Deutschland selbst noch vielerorts ein „Dialekt" herrscht, der dem Holländischen vielleicht näher ist als dem Deutschen, betrachten doch die ihn sprechenden Deutschen nicht ihn als ihre nationale Sprache, sondern jene Sprache, die in der Schule gelehrt wird und in der die nationalen Ideale, die durch ihre Vermittlung das Gemeingut des Volkes in jeder Generation geworden, aufbewahrt sind. Verhält es sich nun so bei den andern Nationen, die, seitdem sie zu Selbsterkenntnis und Nationalbewußtsein gelangt sind, ihre Sprache nicht gewechselt haben und die von ihr jetzt gebrauchte Sprache als die ihrige seit jeher besitzt, — was sollen wir denn sagen? . . . Wir hatten eine „nationale Sprache" im vollsten Sinne. Das bestreitet niemand. Besitzen wir sie nun auch jetzt noch, oder ist sie schon längst verschwunden? Angenommen, sie existiere nicht mehr. Dann müßten wir wunden Herzens ausrufen: „Unsere nationale Sprache ist tot! Der geistige Schatz, aus dem unser Nationalismus genährt wurde, ist vernichtet, — und wir haben keinen Ersatz für ihn!'* Wenn nun aber selbst ganz Israel eines Morgens aufstände und mit machtvoller Stimme verkündete: Die nationale Sprache ist tot! — Es lebe die nationale Sprache! — so bedeutete das gar nichts. Durch eine Kundgebung oder „Salbung" erhebt sich eben eine Sprache nicht auf den „Thron". Eine Nationalsprache steigt zu diesem Range von selbst empor, kraft der in ihr aufgespeicherten Wirksamkeit aller Geschlechter. Wenn sie aber tot ist, dann ist auch der Volksgeist mit ihr abgestorben; da gibt es keine Rettung mehr. Das nationale Leben kennt keine „zweite Ehe". . . Nicht grundlos, scheint mir, ist das Banner des „Jargon-Nationalismus" grade jetzt, da der Jargon selbst bereits in Vergessenheit zu geraten beginnt, erhoben worden. Auch die Glaubenskirche im Westen entstand erst dann, als der Glaube selbst erschüttert war. Diese beiden Erscheinungen haben wohl eine und dieselbe Ursache. Eine Sache, die in unserem nächsten Gesichtskreise liegt, ist unserer umgestaltenden Phantasie nicht unterworfen; erst wenn sie sich von uns entfernt und uns nicht mehr in all ihren Formlinien sichtbar ist, vermögen wir sie mit Erdichtetem auszuschmücken. Solange die Juden ih*er Religion wirklich ergeben waren, solange diese ihren Lebenswandel ganz beherrschte, fühlten sie auch ihr echtes Wesen aus der Nähe, unmittelbar, und sie konnten unmöglich auf einen solchen sonderbaren Einfall kommen, daß sich die jüdische Religion vom jüdischen Nationalismus trennen lasse. Wann ist dies erst njöglicb, geworden? Als die Religion aufgehört hatte, in die Tiefen des inneren Lebens des westlichen Juden einzudringen; als sie ihnen nur noch ein vom Alltagsleben entfernte