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Die Welt · 1910-09-30 · 39 (30.9.1910) · page 3

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
14 (1910)
Issue
39 (30.9.1910)
Date
1910-09-30
Page
– (sequence 3)
Language
German
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eichen Geschichte rühmen, die bis in die Dämmerung zurückgeht, da alle die Dynastien und Reiche der Gegenwart loch ungeboren waren. Aber gar viele von uns haben ein zu kurzes Gedächtnis, um an unsere Geschichte zu denken, und sie vergessen ihre Pflicht. Diese Pflicht ist einfach: die Zukunft soll würdig der Vergangenheit gestaltet werden. Erinnern wir uns an all die großen Episoden unserer Geschichte, an unseres Volkes ethische und intellektuelle Leistungen, an seine Leiden und Wandelungen; erinnern wir uns an die Werke unserer Psalmisten und Propheten, unserer Dichter und Denker; denken wir in das Blut unserer Märtyrer, das fast in jedem Lande geflossen ist und dessen roter Strom bis zum heutigen Tag nicht, aufgehört hat zu fließen. Wenn unser Gedächtnis voll ist der Bilder der Vergangenheit, dann werden wir auch in der Gegenwart den Forderungen der Zukunft gerecht werden können. Und in dem Bewußtsein der vieltausendjährigen Geschichte unseres adeligen Volkes werden wir dann stark und begeistert in dem Werk mitarbeiten, die Zukunft dieses Edelvolkes in dem Land seiner Herkunft zu sichern. Sprachenstreit Von Achad Haam (Aus dem Hebräischen übertragen von Joseph Lin) Als unsere Vorfahren zur .Zeit des zweiten Tempels pürten, daß der „Boden" unter den Füßen des Volkes y.[\ schwinden begann, konzentrierten sie den „Nationalonds" in „Mobilien", damit er nicht zusammen mit dem ationalen Lande* verlorenginge. Das Gesetz, die Liteatur, und als Grundelement beider — die Sprache, das yar der nationale „dreifache Faden", welcher seither alle verstreuten Volksteile und alle kommenden Geschlechter imschlang und vereinigte. Diese" drei Nationalgüter varen ursprünglich „bodenständig", und sie mußten, iin transportfähig zu werden, auf jene Wurzeln Verzicht eisten, die sich der Stätte ihres natürlichen Wachstums licht entreißen ließen. Der Kultus mußte auf den Tempel iid alle an den Boden geknüpften Gebote verzichten; die Jteratur mußte die lebendige Poesie einbüßen, die von -Feldgeruch" des heimatlichen Bodens genährt wird, und üe Sprache — den mündlichen Gebrauch, der sich in einem fremden Milieu, auf fremdem Boden nicht zu halten vermag. Mit einem gesunden nationalen Instinkt, der das Kommende voraussieht und der Krankheit mit einem Heilmittel zuvorkommt, rüstete sich unser Volks- ^eist und traf Vorbereitungen für die nationale Katastrophe, noch ehe sie eingetreten war. Wie einer, der sich auf einen weiten Weg begibt und seine Sachen rechtzeitig nach den ■ Reisebedürfnissen und der bequemeren Handhabung im voraus ordnet. Noch als der Tempel dastand und Israel in seinem Lande wohnte, begann jene Reisevorbereitung. Das religiöse Zentrum wurde allmählich vom Tempel in die Lehr- und Bethäuser verlegt; das „Hohelied" und „Ruth" machten den Halacha- und Agadasammlungen Platz, und die hebräische Sprache wurde immer mehr vom Lebensmarkt entfernt und zu einer bloßen Buchsprache gemacht. Und so wurde der Rest des Nationalvermögens dazu befähigt, sich* zusammen mit dem Volke auf die „Reise" zu begeben, um dort in den finsteren Tagen des langen Golus sein Dasein zu fristen. Die Nahrung war allerdings zumeist nur ärmlich und knapp bemessen, dafür aber war das „Grundkapital" gut aufbewahrt/ Und so tauchte in all jenen Zeitaltern keinerlei Frage darüber auf, ob die Juden noch als eine gesonderte Nation gelten können, und man hielt es nicht für ne&ig, dies durch kasuistische Begründungen zu „beweisen"; denn die Existenz des nationalen Habitus , war, bei all seiner Umschränkung, zu sehr im Volksleben ausgeprägt. Bis die neue Zeit in unserm Volke wiederum das Gefühl hervorgerufen hat, daß eine abermalige nationale Krisis im Anzüge sei. Zwar sind wir selbst heute zur eigentlichen Krisis in ihrem vollen Umfang noch nicht gelangt, diese tritt jedoch seit hundert Jahren täglich näher heran; der „nationale Instinkt'* empfindet es während dieser ganzen Zeit und sucht Wege zur Rettung des Volkstums. Als sich die. Gefahr zuerst in den Westländern gezeigt hatte, rief sie eine furchtbare Verwirrung im Geiste des Volkes hervor und veranlaßte es, seine Rettung in einem „Abwenden des Antlitzes" zu suchen: zu verkünden, daß die Nation nicht mehr existiere, zugleich aber deren Existenz fortzusetzen, indem sie sich in das von der Nation ererbte Kleid einer „Religionsgemeinschaft" einhüllen sollte. Zu diesem Zwecke mußte der Religion ihre alte Form genommen werden, damit das Nationale an ihr nicht hervortrete; und mußten die hebräische Sprache und ihre Literatur den „Altertumsforschern" preisgegeben werden. Die Ergebnisse dieser „Rettung" sind jetzt allen offenbar. Was man preisgegeben hatte, das "ist verlorengegangen; was aufbewahrt werden sollte, ist nicht konserviert worden, und was man verbergen wollte, das vermochte man nicht zu verbergen. Nach kurzer Zeit schon wurde das Geheimnis enthüllt, daß es eine bloße Namensänderung war: Durch eine „Kundmachung" läßt sich eben die Existenz eines Volkes nicht zunichte machen, und eine ^Gemeinde" kann nicht das Erbe einer Nation antreten ... Dann machten sich auch im Osten Krisensymptome bemerkbar. Hier waren jedoch die Lebensbedingungen andere als im Westen. Und nach einer kurzen Epoche der Versuche nach westlichem Muster war die fremde Maske heruntergerissen, und das „nationale Gesicht" zeigte sich in seiner Echtheit: mager und verzerrt, voller Wunden und Verletzungen;, es trug aber noch das „nationale Bildnis" an sich. Und so begann man hier andere, geeignetere Mittel zu suchen, um dem Untergang entgegenzuwirken. Man ist allgemein zur Erkenntnis gelangt, daß der „dreifache Faden" im Auflösen begriffen ist: die Religion büßt ihre Wirkungskraft ein, die Sprache gerät in Vergessenheit und ihre Literatur wird verlassen; der Rest des „Nationalvermögens" schmilzt so immer mehr zusammen. Was soll denn daraus am Ende werden? Wir wollen zwar glauben, daß der Existenzwille im Herzen der Nation noch lebendig ist und schließlich eine richtige Antwort auf jene bittere Frage finden wird. Doch konnte bisher eine endgültige, für alle befriedigende Antwort noch nicht gefunden werden. Die Ansichten hierüber sind verschiedenartig, vielerlei Versuche sind gemacht worden — ohne die ersehnte Beruhigung zu bringen. Die einen meinen: Die Befestigung der Religion — das ist die einzige Lösung. Die Religion hat unsere nationale Existenz bisher bewacht, und sie werde es auch in Zukunft tun, wenn wir nur unsere ganze Kraft für die Erziehung des Volkes in ihrem Geiste einsetzen. Die andern erwidern

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