Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 14 (1910)
- Issue
- 39 (30.9.1910)
- Date
- 1910-09-30
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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so kalt man auch den Gebräuchen und Zeremonien des Judentums gegenüberstehen mag, so entfernt man auch von den Zentren jüdischen Lebens wohnen mag, und der immer wieder nach Betätigung strebt. Dieses Bewußtsein zeigt sich eindringlich, wenn unser Volk wieder einmal in irgendeinem Lande der Unterdrückung heimgesucht worden ist. Dann beeilen sich die Brüder in den Ländern der Freiheit, die Wunden zu heilen. Dieses Bewußtsein tritt aber auch zutage, wenn irgendein Sohn Israels irgendwo zu Ehren gekommen ist. Alle Stammesgenossen freuen sich mit ihm. Und es ist dieses selbe Bewußtsein, welches auch den Schlaffsten und Gleichgültigsten, der die Nichtbeachtung des reli-, giösen Gesetzes durch die feinste und wissenschaftlichste Beweisführung zu rechtfertigen pflegt, drängt, sich mit seinem Volke an dem Tage «u identifizieren, an dem es sich in feierlicher Versammlung zusammenfindet, um sein Neujahr zu feiern. Die Neujahrsfeier ist mit so vielen Bußübungen, mit so reichem Zeremoniell verbunden, daß sie einen rein geistigen und ethischen Charakter zu besitzen scheint. Im Gegensatz zu den drei Pilgerfesten, welche das Andenken an wichtige Ereignisse der Geschichte und des nationalen Lebens des alten Israel lebendig erhalten, scheint dieses Fest jeder Beziehung zum Nationalismus zu ermangeln. Es erweckt keinerlei Erinnerungen an eine in sich abgeschlossene Episode der Entwicklung und des nationalen Lebens unseres Volkes in Palästina, und deshalb ist es auch für so viele Anhänger der Idee von der nationalen Wiederherstellung Israels schwer, die nationale Bedeutung dieses Festes zu sehen. Aber obgleich die Feier in hervorragender Weise religiös in der Form ist, so ist ihre Einrichtung doch national im Ursprung. Eine nur religiöse Gemeinschaft braucht kein Neujahrsfest; dem geistigen Leben ist die bloße Idee der Zeit fremd und ein kalendermäßig festgestellter Zeitabschnitt ist ihm bedeutungslos. Die Einrichtung des Neujahrsfestes setzt die Existenz einer im eigenen Lande Tebenden Nation voraus, mit ihr eigenen spezifischen Gebräuchen und Gewohnheiten, mit eigenen Beschäftigungen und Industrien, mit eigener Kultur, mit ihren nationalen Idealen, ihrer eigenen Sprache, Geschichte und Entwicklung. Und die durch alle Qeschlechter mit der gleichen eindrucksvollen Feierlichkeit und mysteriösen Einheitlichkeit bis zum heutigen Tag wiederholte Feier des Neujahrsfestes ist ein sprechender Beweis für die Existenz der Nation, obgleich sie selbst durch zweitausend Jahre nicht auf ihrem eigenen Boden, sondern in die vier Ecken der Erde zerstreut gelebt hat. Israel ist die einzige Nation, die kein Land besitzt, um ihr Neujahr zu feiern; darum trägt die Beobachtung desselben den Charakter einer religiösen Feier; darum fühlen sich diejenigen Juden, die während des ganzen Jahres den religiösen Formen und Zeremonien fernbleiben, in denen aber das Rassenbewußtsein immer wach ist, instinktiv gezwungen, in die Synagoge zu gehen, wo allein sie öffentlich das Neujahrsfest des jüdischen Volkes feiern können. Und worin besteht die Feier? Was sind die herrschenden Ideen, die mit diesem Feste verbunden sind, was sind die Erinnerungen, die es hervorruft, die Hoffnungen, die es weckt? Die herrschende Idee ist in dem ßeinamen „der Tag des Gerichts" ausgedrückt. Nach altersgrauen Traditionen wird das Register unseres Lebens an diesem Tage einer sorgfältigen Untersuchung durch den Allmächtigen unterworfen, und die Vorsehung bestimmt,: wer leben und wer sterben soll. Das ist ein poetisch-schönes Bild. Und der Tag, da All-Juda gebeugt ist von dem Gedanken, daß die Taten des vergangenen Jahres mun einer göttlicheri Prüfung unterzogen?^ werden, utid der -Hinweis auf endlose Anflehungen um Verzeihung ist ein Ereignis, das die ruhige Betrachtung selbst des hartgesottensten Rationalisten verdient. In keiner Liturgie einer andern lebenden Nation findet sich eine so länge Reihe voii Gebeten künstlerisch-poetischer Form, deren einziger Zweck es ist, sich die göttliche Bewilligung eines weitern Lebensjahres zu sichern. Es könnte wirklich scheinen, als ob der Jude immer das Leben so süß und angenehm gefunden hat, daß er nicht genug davon haben konnte, und doch betet er gerade in den Ländern, in welchen sein Leben am bittersten ist, am inbrünstigsten, daß seine Tage verlängert werden mögen. Aber welche Beziehung hat dieses Fest und seine Beobachtung zu der Wohlfahrt des Judentums im ganzen? Die Gebete dieses Festes bitten nicht, daß nur der Andächtige selbst in das Buch des Lebens eingeschrieben werde, sondern sie flehen, daß alle „Kinder des Bundes", „Dein ganzes Volk aus dem Hause Israel" darin eingeschrieben werden mögen. Die Aufrichtigkeit dieser Bitten kann und darf nicht bezweifelt werden. Aber die Haltung der Beter während des übrigen Jahres gibt einen sonderbaren Kommentar für ihre Gefühle am N.eujahrstage. Es ist .in der Macht eines jeden dieser Andächtigen, besonders in den freien Ländern d^s Westens, nicht bloß zu beten, daß das Haus Israels in das Buch des Lebens eingeschrieben werde, sondern dafür zu arbeiten, daß diese Gebete verwirklicht werden. Aber leider ist eine große Anzahl während des ganzen Jahres ganz von den eigenen egoistischen Interessen in Anspruch genommen und äußerst unbesorgt um das Schicksal ihres Volkes. Wenn nur ein Zehntel der Andacht, welche am Tage des Gerichts entfaltet wird, während des ganzen Jahres bewiesen würde, und wenn nur diese Frömmigkeit eine praktische Form annehmen würde, so wären die Schmerzen, unter denen Israel zu leiden hat, bald zu Ende. Saadiah sagt, daß, der Klang des Schofars uns unter andern Dingen auch an die Erlösung Israels erinnern soll. Aber leider gibt es nur verhältnismäßig wenige, die, wenn sie den durchdringenden Ton des Widderhorns hören, ihre Gedanken dem großen Problem der jüdischen Zukunft zuwenden. Und doch sollte es nur eines Geringen bedürfen, die Menge der Andächtigen zu überzeugen, daß, wenn sie ernstlich wünschen, daß das Volk Israel in das Buch des Lebens eingeschrieben werden soll, sie zunächst darnach streben sollten, das Land Israels wiederzuerlangen, denn dort allein kann es vor den Mächten des Zersplitterns und Verfalles, denen es in jedem andern Lande unter der Sonne ausgesetzt ist, gesichert werden. Unser Neujahr ist auch ein Tag der Erinnerung. Der Weltenschöpfer wird an seinen Bund mit den Patriarchen erinnert und um Verzeihung für sein Volk angefleht. Aber die Pflicht der Erinnerung liegt auch uns und sogar in einem größern Maße ob, denn nur, wenn wir in den Geist der Vergangenheit tief eingedrungen sind, können wir uns Mut holen zu dem Werk der Zukunft. Wir können uns einer langen und rühm-