Mannheim
Compact Memory

Die Welt · 1910-09-30 · 39 (30.9.1910) · page 1

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
14 (1910)
Issue
39 (30.9.1910)
Date
1910-09-30
Page
– (sequence 1)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/3315709-3316406-3316445--53723-3347490
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

DIE ELT KÖLN AM RHEIN, KAROLINGERRING 31 ERSCHEINT JEDEN FREITAG - ZENTRALORGAN DER ZIONISTISCHEN BEWEGUNG XIV. JAHRG. KÖLN, 30. September 1910 jmirf? ND"nn'N Wkm'd No. 39 Neuj ahrsbetrachtungen Von Israel Cohen Wieder einmal befinden wir uns am Vorabend einer der merkwürdigsten Erscheinungen im modernen jüdischen Leben. Wieder einmal wird es wie eine scheinbare geistige Wiederbelebung durch die zahllosen Gemeinden Israels gehen. Wieder einmal werden die Geschäftsviertel der bedeutendem Städte aller Länder, welche am Sabbat ein lebhaftes und bewegtes Schauspiel zeigen, still und verödet an einem Wochentage sein, und Synagogen und Gebetshäuser in Ost und West, in den Ländern derUnterdrückungund indenLändern der Freiheit, prachtvolle Tempel und niedrige Zimmer — zahllos wie der Sand am Meer — werden bis aufs letzte Plätzchen von Scharen frommer Andächtigen gefüllt sein. Wieder einmal wird der Schofar ertönen, einen mystischen Schauer durch die reuige Versammlung senden, und von Millionen von Lippen, von denen während des ganzen Jahres kein hebräisches Wort tönt, werden gleich einem Stöhnen die Gebete emporsteigen, in das Buch des Lebens eingeschrieben zu werden. Und wieder einmal nach Verlauf von zehn schnell dahineilenden Tagen wird der Bann, unter welchem das ganze Haus Israel zu stehen scheint, gebrochen werden, die Kinder Israels werden in ihre Zelte zurückkehren — oder vielmehr in ihre Läden, wo sie Sabbat um Sabbat bleiben werden, und das Haus des Herrn wird wieder zwölf Monate lang verödet stehen. Was bedeutet doch diese Erscheinung, die uns mit jedem Jahr auffallender wird, obzwar wir sie mit jedem Jahre aufs neue sehen? Was ist die Bedeutung dieses Augenblicks einer Wiederbelebung der Gemeinde, dieser Tage, welche in solch grellem Kontrast zu einem ganzen Jahre tiefen und ununterbrochenen Schlummers stehen? Welche sind die Lehren dieser Tage, was ihre Ziele? Der Tag, welcher diese unsere jährliche Neubelebung einleitet, ist der Neujahrstag. Das ist schon an sich merkwürdig. Denn bei andern Nationen wird der Jahresbeginn nicht in andächtiger sinniger Vertiefung, sondern! in lärmender physischer Freude begangen. Daß die! jüdische Art der Feier natürlicher, aber auch erhebender ist, muß nicht erst bewiesen werden. Denn am Beginn, eines neuen Zeitabschnitts werben wir alle von dem Empfinden beherrscht, daß unser Leben schnell verfließt; es drängt sich uns der Vorsatz auf, die Zeit, die noch vor uns liegt, aufs beste zu nützen. Es ist für uns kaum notwendig, solche Gedanken zu entwickeln, solche Wünsche und Absichten am Neujahrstage zu formulieren: das ist uns durch einen sorgfältig ausgearbeiteten Ritus erspart worden, pittoresk in Zeremonie .und poetisch im Ausdruck. Eine große und unter alle -Nationen der modernen Welt zerstreute Gemeinde betet inbrünstig, um in das Buch des Lebens eingeschrieben zu werden. Aber welche Kraft treibt alle diese Millionen Israels an diesem Tage in die Synagogen, vereinigt sie in Andacht? Ist es wirklich eine religiöse Gemütsbewegung? Sind alle diejenigen, die während des ganzen Jahres nicht die geringste Aufmerksamkeit den religiösen Gebräuchen und Gewohnheiten zeigen, plötzlich von Gewissensqualen erfaßt, wünschen sie ihre Indifferenz zu sühnen, indem sie beschließen, in Zukunft ein von der Thora bestimmtes Leben zu führen? Die Vernachlässigung der religiösen Vorschriften, die allenthalben, wo Juden wohnen, unmiüelbar nach den zehn Tagen der Buße wieder einsetzt, beweist ja, wie stark die in diesen Tagen hervorgerufene spirituelle Influenz wirkt. Ein Einfluß, der schon am Morgen nach dem Versöhnungsfeste, nein, sogar schon während des Intervalls zwischen Neujahr und Versöhnungsfest endet, ist zu schwach, um die allgemeine, der Tradition entsprechende Beobachtung des dazwischenliegenden Sabbats zu sichern, und kann kaum als etwas Wirkr sames gelten. Und doch ist die Gewalt, die Millionen von Juden, von denen Tausende schon mit einem Fuße außerhalb der Gemeinde stehen, und Zehntausende äußerst gleichgültig zu sein scheinen, veranlaßt, sich wieder einmal mit ihren Brüdern aus dem Hause Israel öffentlich und feierlich zu verbinden, eine elementare und zwingende. Ihre Erscheinungsform mag als religiös gelten, weil sie sich durch die Teilnahme am Gottesdienste manifestiert. Aber ihrem Wesen nach ist sie etwas anderes. Sie ist das Rassenbewußtsein des , Juden, der Instinkt, der in jedem aus jüdischem Blute Stammenden lebt, der in keinem erstickt werden kann,

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.