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Die Welt · 1910-09-23 · 38 (23.9.1910) · page 13

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
14 (1910)
Issue
38 (23.9.1910)
Date
1910-09-23
Page
– (sequence 13)
Language
German
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kursen am Rabbinerseminar, also eine quasi „Ecole normale", in Aussiebt gestellt. Bis heute konnte von einer Realisierung dieses Planes keine Rede sein, da das Seminar nicht einmal genügende Mittel für seine ureigensten Zwecke, die Rabbinerausbildung, zur Verfügung hat. An eine Vermehrung der existierenden Schulen konnte erst gar nicht gedacht werden; der Neuaufbau einer einzig, verfallenen, mußte schon als außerordentlicher Fortschritt begrüßt werden. Es muß nun aber immer und immer wieder hervorgehoben werden, daß die Anzahl der vorhandenen Schulen für die hiesige jüdische Bevölkerung nicht ausreicht. Ja, wenn den Ziffern genau nachgegangen wird, offenbart sich ein geradezu erschreckender Mangel an jüdischen Bildungsstätten. Bei einer Seelenzahl von fünfzig- bis sechzigtausend Juden, die man für Konstantinopel annimmt, besuchen alles in allem nicht mehr als 4400 Kinder die Schulen, die entweder von der Alliance israelite oder vom Hilfsverein der Deutschen Juden unterstützt werden und neben denen es erwähnenswerte, in einigem Maße modernen Anforderungen entsprechende jüdische Schuten nicht mehr gibt. Der ganze ungeheure Rest verteilt sich auf die völlig unzulänglichen Talmud-Thoras und die Maestras, aller Hygiene und Pädagogik hohnsprechende Kinderkrippen, auf die eifrige Bekehrungsarbeit leistenden Schulen der Missionen, der Klosterbrüder und -Schwestern, auf die paritätischen höhern Anstalten, in deren Programm ein jüdischer Religionsunterricht keinen Platz hat; und viele, viele Hunderte noch entbehren vollkommen der Schulerziehung oder sind schon im zarten Alter geist- und gesundheitstötender Erwerbstätigkeit überliefert. Das gibt ein trauriges Bild, dessen Farben immer noch düsterer werden, je tiefer man in die Zustände eindringt, je näher man dem ökonomischen Elend kommt, das die mangelhafte Erziehung in den Talmud-Thoras oder gar das Herumlungern von Kindern in den Straßen über diese Juden, bringt, und je aufdringlicher die moralische Verderbnis sich breit macht, die durch die Mission und die ihr veiwandten Bestrebungen in die jüdischen Familien getragen wird. Die Väter und Mütter, die ihre Kinder so ohne weiteres auf die schiefe Ebene der Verchristlichung hinüberführen, sind nicht in allen Fällen zu verdammen. Selbst wenn die Resultate des Wirkens der Allianzschulen ihnen als genügend erscheinen, so fehlt doch in diesen einfach physisch der Raum, all diesen Kindern Unterkunft zu gewähren; und so sind nicht wenige in die Missionsschulen verurteilt. Man darf ohne Übertreibung sagen,* daß erst die doppelte oder dreifache Anzahl von Schulen für den Bedarf der Konstantinopeler Juden ausreichen würde. Mit bitterem Schmerze muß man von Jahr zu Jahr diese Zustände dulden und mit verschränkten Armen zuschauen, wie — nichts geschieht. Die beiden großen europäischen Hilfsorganisationen warten darauf, daß aus dem Schöße der Bevölkerung heraus eine initiative ergehe und tun der Vermehrung ihrer Institute Einhalt. Aber nichts erfolgt aus der Mitte der Bevölkerung. Zwar die Armen leisten, was sie können; sie unterhalten die Maestras und Talmud Thoras, deren anspruchslose Budgets — schon gerade über das Maß ihrer Kräfte reichen. Aber die Reichen vernachlässigen ihre sozialen Pflichten sträflich. Es ist ein weit verbreiteter Irrtum, daß es solche reiche Juden in Konstantinopel nicht gäbe. Es gibt ihrer in nicht unbeträchtlicher Anzahl, und auch ein ziemlich umfangreicher, in gesunden Verhältnissen lebender Mittelstand ist vorhanden. Aber ein jeder denkt hier nur an sich selbst. Ein unverhältnismäßig hoher Prozentsatz Konstantinopeler Juden schickt seine Kinder in die höhern Schulen, in das „Robert College", die „Ecole des Freres Chretienne", in die „Deutsche Oberrealschule" usw. und leistet Schulgelder an diese Anstalten, die weit über das Maß der in Europa üblichen hinausgehen. Diese Gelder, rationell zusammengefaßt, würden nicht nur ausreichen, eigene jüdische höhere Schulinstitute in genügender Zahl zu schaffen, sondern auch zur Beschulung eines großen Teiles der armen Bevölkerung beizutragen. Aber der Gedanke, sich dergestalt auf eigene Füße zu stellen, mit eigenen großen stolzen Instituten das Prestige und die Volks- und Religionstreue der Konstantinopeler Judenschaft zu erhöhen, ist wohl kaum jemals einem der hiesigen „Großen" gekommen, und an eine gerechte Verteilung der Schullasten, die der demütigenden Bevormundung durch Wohltätigkeits-Organisationen von draußen ein Ende machen könnte, wird man in der Konstantinopeler jüdischen Gemeinde noch lange nicht zu schreiten wagen. < Es fehlt eben vollkommen hier an einem öffentlichen Gewissen und an den leitenden Männern, die den Willen oder das Verständnis hätten, es zu wecken, und was noch viel mehr ist: die Kraft, es in fruchtbare Taten umzusetzen. Und so soll denn ewig alles beim Alten bleiben? Sollen immer weiter unglückliche Kinderseelen in den schmutzigen Gassen verkommen, in verpesteten engen Stuben zusammengepfercht verkümmern, in den Straßen mit Kreuz und Heiligenbildern, Ave Maria psalmodierend spazieren lernen und dem Bräutigam Jesus in die Arme geführt werden? Es ist eine Ehrenpflicht der gesamten Judenheit, diesem Skandal ein Ende zu machen. Und wenn denn nun einmal die eingesessenen Juden, trotz des neuen aufgeklärten Regimes und modernen, fugendlichen Großrabbiners, nicht die Einsicht und die Kraft dazu aufbringen können, so müssen eben die Organisationen von draußen bis auf weiteres noch ihre Anstrengungen verdoppeln, um diesen Sumpf endlich trocken zu legen. Es müssen in Galata-Pera und in sämtlichen Vororten Kindergärten errichtet und neue Schulbauten aufgeführt werden, und wenigstens eine höhere jüdische Anstalt müßte entstehen, die dem Volke sein Selbstbewußtsein wiedergeben und ihm die — echt jüdisch gesinnten — geistigen Kräfte schaffen würde, deren es zu seiner wahren Selbstemanzipation bedarf. Palästina Nach der Weinlese Einer der erhebendsten Momente im Leben der weinbauenden Kolonien ist die Zeit der Weinlese, des „Bazir" oder „Vendenge", wie man es teils hebräisch, teils französisch hier nennt. Voll sind die Weinberge von Arbeitern, die die süßen Trauben vom Weinstock pflücken und sie sodann in Körbe auf vollbeladenen Wagen nach dem Keller führen. Freilich betrübt es den Anblick, daß die vielen Scharen der Arbeiter in den Weinbergen nicht Juden sind. Dies geschieht nicht einmal in der Kolonie Rechowoth, die die größte Anzahl billiger jüdischer Arbeitskräfte in den jemenitischen Familien besitzt. Immerhin aber werden alle Arbeitskräfte aufgeboten und Männer, Frauen und Kinder sind in Anspruch genommen und eine große Anzahl von Juden aus Jerusalem finden in der Bazirzeit eine sehr einträgliche Beschäftigung. Im großen Weinkeller in Rischon arbeiten in dieser Zeit mitunter bis 200 Arbeiter, alle Juden. Dafür hat ja schon die Vorschrift über „Nessach" gesorgt. Auch der Rechowoth er Keller des Weinbauern-Syndikats beschäftigt mitunter bis 80 Arbeiter. Ein reges Leben herrscht hier. Das im Lande sonst übliche langsame „orientalische" Arbeitstempo wird schneller und lebendiger unter dem Einfluß der im Keller arbeitenden Maschinen, die in rasender Schnelligkeit ganze Kantare von Trauben im Nu verschlucken, den Saft auspressen und die kolossalen Fässer füllen und leeren. Man arbeitet mitunter 15 — 16 Stunden im Tage, und arme Jerusalemer Schlucker verdienen bis 5 und 6 Francs täglich. Die ganze Kolonie lebt in einem freudigen Rausch und vergißt vorübergehend die üblichen Klagen. Und in diesem Jahre gibt es mehr als sonst zu klagen, weil die Ernte zumeist ziemlich schlecht ausgefallen ist. Mehrere Tage mit besonders heißem Sirokko-Winde haben die Baumblüten zu schneller, allzu früher Entfaltung gebracht, die Ende April eingetretenen allzu heftigen Spätregen mit Sturm und Hagelwetter haben sodann die zarten Früchte vernichtet und die Fruchtbäume entblößt. Dadurch ist insbesondere die Trauben- und Mandelernte eine viel schlechtere als im vorigen Jahre. Man schätzt in Rischon den Minderertrag der diesjährigen Ernte gegen das vorige Jahr auf 50 000 Frcs. Auch die Getreideernte, besonders von Weizen, ist in Judäa, wie überhaupt fast in ganz Palästina, ziemlich mißraten. Zu dieser schlechten Ernte tritt die andauernde Weinkrisis hinzu, welche große Verstimmung in den Kolonien hervorruft und zu Reibungen zwischen den Kolonien und Spaltungen innerhalb der einzelnen Kolonien führt. Es gibt eine Partei, die als radikales Mittel gegen die Krisis das Aushacken eines großen Teiles der Weinberge, namentlich der vom Rischoner Keller entfernter gelegenen Kolonien betrachtet. Ein Teil aber der zum Aushacken ihrer Gärten verurteilten Kolonisten widerstrebt diesem Vorschlage der Kellerverwaltung mit großer Heftigkeit, trotzdem eine Entschädigung von 30 Frcs. für jeden Dunam vernichteten Weinbergs ausgesetzt wurde, die aus dem Reservefonds des Syndikats bezahlt werden, damit den betroffenen Kolonisten die Anlage neuer Pflanzungen, insbesondere von Mandelpflanzungen, ermöglicht wird. Ein Teil derKatraer Kolonisten hat sich nach vielem Zögern und innern Kämpfen entschlossen, nahezu 500 Dunam Weinberge, die 1000 Kantar Trauben lieferten, auszuhacken. Die Aufregung wurde jedoch dadurch noch größer, daß, wie man erst nach dem Aushacken erfahren hat, in diesem Jahre eine große Menge unseres Weines verkauft werden könnte. Fast in allen weinbauenden Ländern, hauptsächlich in Spanien und Frankreich ist in diesem Jahre die Weinernte vollständig mißraten, so daß eine große Nachfrage nach Wein vom Auslande her beim Karmel erfolgt ist. Wenn auch mit der Mißernte dieses Jahres als einem zufälligen Ereignisse nicht für

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