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Die Welt · 1910-09-23 · 38 (23.9.1910) · page 12

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
14 (1910)
Issue
38 (23.9.1910)
Date
1910-09-23
Page
– (sequence 12)
Language
German
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gegeben. Die Nachmittags-Frauenabteilung wird eröffnet, sobald sich genügend Teilnehmerinnen gemeldet haben. Wiesbaden. Dienstag den 13. ds. Ms. fand in Wiesbaden im großen Saale der Loge „Plato" eine Versammlung zugunsten der „Organisation für hebräische Sprache und Kultur" statt. Den Vorsitz führte Herr Redakteur Goldmann-Frankfurt. Herr Dr. Klatzkin hielt ein Referat über das Thema: „Original und Übersetzung". In der Zerstreuung, führte der Redner u. a. aus, ist das jüdische Volk gezwungen, seinen Geist, sein Ich, seine Kulturwerte fortwährend zu übersetzen. Oft muß es, in ein neues Milieu versetzt, eine langjährige Übersetzungsarbeit aufgeben und in einer neuen Übersetzung seinen Geist verkümmern lassen. Die Tragik besteht darin, daß diese Übersetzung im Laufe der Zeiten unserm Ich in einer Weise eigen wird, daß sie uns als unser Selbst erscheint und wir somit die Urquelle vergessen. Die nationale Idee bedeutet die Rückkehr des Judentums von der verstümmelten Übersetzung zu seinem Original; sie ist die Wiedererinnerung des jüdischen Geistes. Die hebräische Sprache als die Form der jüdischen Originalschöpfung ist daher Vorbedingung der nationalen Wiedergeburt der jüdischen Kultur, und sie hat den großen Vorzug, daß durch sie die gesunden fremden Elemente, die wir aufnehmen, mit dem Judentum eine organische Verbindung eingehen. Die hebräische Sprache ist daher der beste Schutz gegen jede innere Assimilation. Auf Wunsch der Versammlung sprach dann Herr Dr. Klatzkin auch hebräisch über die Aufgaben der hebräischen Organisation im allgemeinen. Österreich Gablonz a. N. Am 3. d. M. fand die diesjährige Generalversammlung des Vereins „Theodor Herzl" statt. Dem abtretenden Ausschuß wurde Dank und Vertrauen ausgesprochen. Eine ganze Reihe von Veranstaltungen wurde im verflossenen Vereinsjahr abgehalten und der Verein „Theodor Herzl" zu einem wichtigen Faktor in der hiesigen Judenheit gemacht. Auch die Sammeltätigkeit für Nationalfonds, Ölbäume, Siediungsgenossenschaft u. dgl. war eine ganz ausgezeichnete. Das Hauptverdienst an dem Erfolge gebührt den Herren Hojtasch und Duschak. Gewählt wurden folgende Herren in den Ausschuß: Ludwig Hojtasch als Obmann, M. D. Urabin als Stellvertreter, Simon Fi sc hl als Kassierer, Heinrich Duschak als N. F.-Kommissär, Karl Kafka als Bibliothekar, Jacques Duschinsky als 1. Schriftführer, Samuel Rapp als II. Schriftführer, Dr. Hugo Low als Berichterstatter. Ohne Funktion die Herren: Karl Singer, Ernst Fleischer, Ignaz Brada und Siegfried Weil. In den Ersatz die Herren: Karl Kohn, Markus Kohn und Ludwig Steiner. In das Damenkomitee wurden gewählt: Frau Singer, Frau Meta Bunzl, Frau Steiner, Frau Fischl, Frau Duschak und Frl. Brössler. Lemberg. Die zion. akad. Verb. Judäa konstituierte sich für das XVII. Semester: stud. iur. Heinrich Fast, senior; stud. iur. Jakob Brenner Kosenior; stud. iur. Salomon Leder, Sekretär. Brief aus Rumänien Von unserm Berichterstatter Kinderentführung durch die evangelische Mission Es scheint, als ob wir in Rumänien nicht genug unter den Beschränkungen durch die Regierung zu leiden hätten, die alle Monate ein neues Zirkular versendet, durch das jüdische Familien brotlos gemacht werden. Es scheint, daß es nicht genug ist, daß uns die Beamten das letzte Stückchen Brot vom Mund wegreißen, — wir müssen uns auch noch für unsere Kinder wehren. Denn außer der Regierung beglückt uns auch die Mission. Ich teile Ihnen folgenden Fall mit, der in ganz Rumänien große Erregung erzeugt hat: Vor einigen Monaten starben in Brailadie Eheleute Mosco vi ci und hinterließen zwei Kinder, einen Knaben und ein Mädchen. Eine Tante aus Bukarest nahm sich der Waisen an. Da sie sich ihnen aber nicht widmen konnte, so vertraute sie sie der evangelischen Schule an. Als sie nun vor ein paar Tagen die Kinder sehen wollte, wurde ihr mitgeteilt, die Kinder seien schon in Deutschland. Die Frau gab sich nicht zufrieden und drohte mit der Polizei! Darauf erhielt sie den Knaben zurück. Das Mädchen blieb unsichtbar, und Pastor Zimmermann erklärte der Frau, es sei unmöglich, ihr das Mädchen zu geben, denn dieses befinde sich tatsächlich bereits in Deutschland. Er schloß mit den herzlosen Worten: „Sie können jede Hoffnung aufgeben, es wieder zu bekommen. Denken Sie, daß das Kind niemals existiert hat!" Die Frau hat nunmehr die Klage eingereicht. Zionistische Arbeit Die zionistische Propagandaarbeit hat in diesem Sommer speziell in der Moldau sich befriedigend entwickelt. Herr Oberlehrer J. Goldenthal aus Galatz hat in selbstlosester Weise ohne jedwede Vergütung eine Vortragstournee vom 28. Juni bis 8. September unternommen und in 32 Orten zionistische Vorträge gehalten. In zehn Orten hat. er heue Vereine gegründet, die schon bestehenden wurden zu neuer Tätigkeit angespornt. Da infolge der Choleragefahr die Eröffnung der Schulen verschoben wurde, hat Herr Goldenthal eine zweite Reise angetreten und besucht nunmehr die jüdischen Gemeinden in der Walachei und der Dobrudscha. Außer ihm bereist im Auftrage der Federation Herr Sc ha üb, einer der Gründer der rumänischen Kolonien Palästinas, gegenwärtig Rumänien und hält in den zionistischen Vereinen Vorträge im Jargon. Joel ben Aaron. Brief aus Amerika (Von unserm Berichterstatter) Stimmung gegen Rußland Die hiesigen Zeitungen sind beinahe ausnahmslos in sehr feindlicher Stimmung gegen Rußland. Täglich liest man in einer oder in der andern einflußreichen Zeitung Meinungen, die .auf eine ernste Feindschaft mit Rußland schließen lassen. Selbst solche Blätter, die die Masseneinwanderung verdammen und dieselbe einzuschränken bestrebt sind, finden für das russische Treiben gegenüber den Juden nur Worte der Verachtung und Geringschätzung. Sogar in Regierungskreisen läßt sich eine Stimmung gegen Rußland wahrnehmen. So kommt es, daß jeder Versuch Rußlands, die Vereinigten Staaten um einige Millionen Dollar anzupumpen, Schiffbruch leidet und eine Anleihe auch seitens der Bankhäuser Amerikas nur in Ausnahmefällen bewilligt wird. Woher dieser Haß Amerikas gegen Rußland? Der „Boston G!obett, eine einflußreiche Zeitung in Boston, schreibt hierüber folgendes: „Obwohl die Juden dieses Landes genug Takt- und Anstandsgefühl besitzen, unsere Regierung nicht zu einer Einmischung in die russische Politik zu bewegen, so ist es doch ganz natürlich, daß wir allmählich die grausame Behandlung unserer jüdischen Bürger in Rußland satt bekommen und Amerika früher oder späte? für Rußland abgekühlt und gegen das Land der Unterdrückungen gestimmt sein werde. Wir können, — fährt das Blatt fort, — Rußland keine friedliche Rechte bieten, wenn wir in Anbetracht nehmen, daß Hunderttausende unserer Bürger, ohne Unterschied der Rasse oder Religion, diese unsere Begrüßung nicht teilen könnten." Eine Ehrung Dr. Herzls Der Ungarische Zionistenverein in New-York wandte sich an das Executive Committee der Federation of American Zionists mit dem Ersuchen, es bei der städtischen Behörde durchzusetzen, daß eine Straße oder ein Park in New York nach unserm seligen Führer Dr. Herzl benannt werde. Der Verein begründet diesen Vorschlag damit, daß diesbezügliche Wütische anderer Nationalitäten von der Stadtbehörde bereits günstig erledigt worden seien und daher auch dieser Wunsch mit Rücksicht auf die enorme Zahl jüdischer Einwohner in New-York bewilligt werden müsse. Das Executive Committee wird — wie verlautet, — das Ansuchen der Stadtverwaltung unterbreiten. Brief aus Konstantinopel (Von unserm Berichterstatter) Das jüdische Schulwesen in Konstantinopel Der Streit, der sich hier seit kurzem über das Rabbinerseminar in Kusgundschuk erhoben hat, das man für alle bösen Zustände in der türkischen Judenheit verantwortlich machen möchte, veranlaßt wieder einmal, sich mit dem gesamten jüdischen Schulwesen hierorts überhaupt zu beschäftigen. Die wahre Ursache des schrecklichen Tiefstandes, in dem es sich befindet, ist der Mangel an Finanzen, der seinerseits nicht nur in der Armut der Bevölkerung, die nicht alle Stadtteile für sich anzuführen haben, sondern auch, und das in höherm Grade, in der Indolenz des Großrabbinats und der übrigen „Führer" der hauptstädtischen Judenheit begründet ist. Seit der Wahl Chaim Nachum Effendis ist zwar von einer Hebung des Schulwesens viel gesprochen, im Grunde aber nichts oder so gut wie nichts getan worden. Noch vor seiner Wahl hatte der Großrabbiner die Einrichtung von Lehrer-

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