Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 14 (1910)
- Issue
- 38 (23.9.1910)
- Date
- 1910-09-23
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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No. 38 DIE30KELT 917 gleich, wie es so auf dem Berge stand und ur-, uralt aussah. So betrat er das Haus, um seine Insassen vor dem nahenden Feinde zu warnen. Und er erzählt, daß er von Zimmer zu Zimmer ging und keinen Menschen traf. Die Wände mit Seide überzogen, die zur Hälfte von Motten zerfressen war. In den Zimmern kostbare Möbel, aber voller Löcher, — ein Werk der Holzwürmer. Auf Stühlen und Tischen kostbares Gerät umhergestreut, dessen niemand acht hatte. Und er ging voll Verwunderung von Zimmer zu Zimmer, bis er die Stimmen disputierender Menschen hörte, und er schritt den Stimmen nach. So kam er bis zu dem letzten, dem Winkelzimmer, darinnen sah er drei Fenster, sich gegenüber, zur Rechten und zur Linken. Nur drang durch die Fenster kein Licht, obwohl es heller Tag noch war, weil das Fenster vorne und das zur Linken vollgestopft mit Mauerwerk waren, während über das Fenster zur Rechten ein dicker schwarzer Vorhang gezogen war. Nur eine kleine rote Lampe hing von der Decke herab, beleuchtete mit mattrotem Lichte das Angesicht der Streitenden, die rings um einen Tisch standen, gerade unter der Lampe, und vor einem jeden lagen alte Pergamente mit großen roten Siegeln. Und es erzählte der Zaddik, daß er aus Anstand an der Schwelle stehen blieb und wartete, bis sie seiner gewahr würden und ihn zu sich riefen: dann würde er ihnen von dem Heeresschwarme der Vögel erzählen. Aber der Disput erging sich sehr heftig, und die Männer, die bei den Pergamenten standen, vertieften sich darein und sahen ihn nicht. Natürlich hörte der Zaddik auch den Disput, verstand, daß sie schon wußten, was er ihnen erst mitteilen wollte, und daß sie darüber stritten, wie und womit der Qefahr zu entrinnen sei. Einer sagte: man müsse sich bewaffnen, alle Diener bewaffnen und gegen den Schwärm zu Felde ziehn. Ein anderer meinte: dies sei unmöglich. Denn erstens sei ihr Kriegsgeräte rostig geworden in all der Zeit, da sie nur aßen und tranken und an allem Guten sich erquickten, und darüber die alte Rechnung vergaßen mit jenen Vögeln, den Enkeln der Gefangenen. Und zweitens seien sie gar geringer Zahl gegen die Vielen; auch würden die Diener ihnen nicht helfen, da diese schon geflohen seien, das Haus verlassen hätten, und dies gilt ihnen als böses Zeichen: Die Ratten fliehen ein Schiff, wenn es zu sinken anfängt. Ein Dritter riet, man müsse ohne Waffen ausziehen, Frieden heischen, sich mit jenen ausgleichen, versöhnen. Ein Vierter aber fragte: „Was willst du ihnen geben? Haben wir denn noch Geld oder Geschenke, um sie unter den großen Schwärm aufzuteilen, der gegen uns heranzieht?" Und noch einer meinte, daß wenn die Sache so stehe, man ihnen die Tore öffnen müsse. Da brachte aber auch schon ein anderer die böse Mitteilung, daß die Tore und Türen schon weit offen stehen, seitdem die Diener sie verlassen. Auch sind die Türangeln zerbrochen, die Schlösser rostig geworden wie die Waffen. „Aber der Heeresschwarm" — versetzte der Neunte oder der Zehnte — „weiß nichts davon: so werden wir uns verstellen, als wollten wir nur ihr Gutes. Als würdigten wir sie und überließen ihnen das Haus, mit uns darin zu wohnen!" Und einer unterbrach ihn mitten in der Rede. „Die wenigen Fleischesser können nicht in einer Gemeinschaft leben mit den vielen Sand Wühlern." Da sprang noch einer auf und sagte: „Man muß sich gänzlich ändern und jenen gleich werden, auch zu Vögeln werden, in den Heereschwarm eintreten und ganz in ihm aufgehen, jenen sagen: Ihr seid unsere Brüder, unseres Fleisches und selber im Sande wühlen." „Unsinn!" versetzten da viele, wir können uns doch nicht verkleinern an Gestalt, unser Fleisch wegnehmen und den ganz kleinen Vögeln gleich werden, selbst wenn wir ganze Jahre fasteten. Und außerdem — wo sind die Flügel? Flügel haben wir nicht. Nicht einmal verdorrte Flügel, Flügelschuppen, keine Spur von Vogelflügeln! Plötzlich verstummten sie. Und der Zaddik bemerkte einen alten Mann, der während der ganzen Zeit des Disputes geschwiegen hatte. Die Stirne dieses Greises war breit, doch voller Falten, Seine Wangen waren verschrumpft von lauter Leid, seine Augen voll Verzweiflung und Melancholie, und er biß in seine Lippen, um nicht in ein Weinen oder in ein heftiges Fluchen auszubrechen. Und der Zaddik mochte hintreten zu jenem Greise, ihm zu Herzen sprechen und ihn trösten, ihm sagen, daß alles in der Hand des Himmels liegt. Aber in demselben Augenblicke sprang einer der Streitenden auf den Tisch und rief: „Schon langt die Flut bis an das Leben. Kein anderer Rat und kein anderes Mittel, als daß man all die Pergamente verbrenne mitsamt den roten Siegeln, — dann würden ihnen sogleich Flügel wachsen." Und wirklich, wie der Zaddik sagte, hatte jener Recht. Denn es liege darin ein großes Geheimnis, daß das Verbrennen alter Pergamente eine Wunderkraft erzeuge für das Wachsen von Flügeln. Und er erzählte, daß jener Mann auch der Erste war, der seine Pergamente ergriff, zur Lampe trug und sie zu verbrennen begann, und ihm sprangen viele seiner Gefährten nach auf den Tisch, ihm gleichzutun. In diesem Augenblicke ermannte sich jener Greis, der bis nun geschwiegen hatte, sprang in die Höhe und brüllte wie ein Löwe: „Verräter!" Sprang ihnen nach auf den Tisch und verlöschte die Lampe mit einem heftigen Blasen, daß alle im Dunkeln blieben. Und ich, — so endete der Zaddik, — floh von den Menschen, die im Dunkeln wohnen. Als der Zaddik verstummte, saßen wir alle einige Augenblicke regungslos, atemlos. Man hörte nur das Summen der Fliegen und das leise Knistern der Flammen in den Leuchtern und den Tiktakschlag der Uhr. Bis einer der Nahen sich zur Frage ermannte: „Und das Ende der Geschichte?" Der Zaddik seufzte nnd antwortete, daß das Ende noch nicht geschehen ist; denn die Vögel mit den Schuppenflügeln und steifen Füßchen, die nicht fliegen und nicht gehen, sondern nur hüpfend sich bewegen, haben jenes Haus noch nicht erreicht.