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Die Welt · 1910-09-23 · 38 (23.9.1910) · page 8

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
14 (1910)
Issue
38 (23.9.1910)
Date
1910-09-23
Page
– (sequence 8)
Language
German
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916 DIE3^ELT No. 38 Und es ist die Natur der Gedanken wie die des Sandes. Rollen hin, jeder Gedanke für sich, ohne Hang und Beziehung des einen zum andern, paaren sich nicht miteinander und können nicht zeugen. . . . Nur sind sie nicht zahlreich wie die Sandkörnlein, sondern wechseln und wandeln im Hirne: träge und schwer. Und infolge ihrer geringen Zahl kommen sie immer in kurzen Zeiträumen wieder, ja am Ende bleiben sie hängen und verharren. Und es war manchmal nur ein Schritt zwischen ihm und dem Wahnsinn. Weil jeder Gedanke, der im Hirne hängen bleibt und verharrt, schon Wahnsinn ist.... Und fügte hinzu, daß auch jenes Wahnsinn ist, wenn die Menschen immerwährend und starrsinnig „Brot! Brot!" schreien und um so mehr, wenn sie nach dem Gemeinen rufen. * Aber der Ewige war ihm zu Hilfe und das Verdienst seiner heiligen Ahnen stand ihm bei, so daß sich das Aussehen der Wüste veränderte. Einmal nun, als der vor der Wüste und ihrem Sande floh, traf er einen Schwärm Vögel, einen Schwärm von erheblicher Stärke. Der Schwärm bildete eine Art Dreieck. An dem einen Ende eine lange Kette von Vögeln, leibhaftig von einem Ende der Welt bis zum andern reichend, nach dieser die Reihen immer kürzer und dünner, bis ganz vorne ein Vogel nur die Spitze bildet. Und dieser ist der König der Vögel, dann kamen seine zwei Adjutanten, dann seine drei Räte, die vier Thronnächsten, fünf Eparchen, sechs hohe Fürsten, sieben niedrigere, und so immer weiter, bis zu den ganz gewöhnlichen Vögeln in der letzten Reihe. Und der Heilige seufzte und sprach: Heute tanzt ein Idiot an der Spitze, als aber die Zeiten noch ihren richtigen Gang hatten, ging Moses, unser Meister, — Friede mit ihm, — voran, nach ihm seine zwei Waffenträger, dann Fürsten, Greise, Hohepriester, Leviten, und als letzte Reihe — Israel überhaupt. Und dies ist der geheime Sinn des Satzes: Moses, unser Meister, wiegt gleich ganz Israel. Und darin läge das tiefste Geheimnis, worin sich die Menschen unseres Kreises zu versenken hätten, um zu verstehen die richtige Stelle des Zaddik, seiner Begleiter und Nahen, bis zu dem Geringsten der Chassidim. Und diese Dinge stammen aus alten Tagen her. Dann kehrte er zur Erzählung zurück und sagte, er sei ein Forscher von Natur. Sowie er ein Ding sieht, gelüstet es ihn, dessen Form und Wesen zu wissen, seinen Anfang und sein Ende. Und als er den Schwärm der Vögel sah, wollte er wissen, warum diese weder fliegen noch gehen, sondern nur hüpfend vorwärts kommen. Wie er aber näher zusah, bemerkte er, daß diese Vögel nur ganz, ganz kleine Flügelchen besaßen, und diese waren hart und so an den Körper geheftet, wie die Schuppen an den Körper der Fische. So können sie die Flügel gar nicht gebrauchen, nicht einmal der- König an ihrer Spitze. Und warum gehen die Vögel nicht, sondern hüpfen nur? Weil ihre kleinen Füßchen unbewegliche Gelenke haben. Auch wie der Heilige, er sei gepriesen, sie nährt und pflegt, wollte er wissen. Und sah wieder zu und siehe: Jedesmal duckten sich die Reihen, eine nach der anderen, mit den Köpfen hinunter und pickten die Leichen verdorrter Gewächse auf, — diese Nahrung dünkte sie süß wie Honig. Und da die Vögel hüpften, der Zaddik aber, wie es seine Gewohnheit war, schnell ging, kam er bald bis zu jenem Vogel, der voranging. Und da er wußte, daß dies der König sei und ihm schließlich alle Ehre gebühre, so grüßte er ihn, verneigte sich vor ihm, fragte nach seinem Befinden, und als der König ihm den Gruß erwiderte, fragte er, wohin jener gehe. Der König aber antwortete, daß nicht er gehe, sondern der Schwärm; daß nicht der König der Vögel den Schwärm nach sich zieht, sondern dieser ihn vorwärts drängt. Und fügte seufzend hinzu: Da man ihn zum König gesalbt, sei er verpflichtet, in der ersten Reihe zu gehen: Auge in Auge der Gefahr. Und Frage und Antwort fielen zwischen dem Zaddik und dem König der Vögel. Der Zaddik fragte: „Was für eine Gefahr?" Der König gab ihm zu wissen, daß die Vögel in den Krieg ziehen. „Gegen wen?" „Gegen den Enkel jenes Turmes des Riesengeschlechts, — ein ur, uraltes Haus". Der Zaddik wandte sich nach rechts und links und sah kein Haus-. Sagte ihm der König, daß er über einen Tag oder zwei es sehen werde, obwohl es sehr, sehr weit entfernt sei: denn jenes Haus stehe auf einem hohen, steilen Gipfel. Fragte der Zaddik: „Was haben die Vögel mit jenem Hause?" Antwortete der König, daß sie mit dem Hause uralte Abrechnung haben, und zwar verhielt sich die Geschichte folgendermaßen: In vergangenen Geschlechtern hatte man in den Wäldern Vögel gefangen, in jenes Haus gebracht, in Käfige gesperrt, damit sie zu den Mahlzeiten singen. Und im Laufe vieler Generationen eines Lebens in engen Käfigen, worin sie nicht fliegen und von ihren Flügeln gar keinen Gebrauch machen konnten, schrumpften diese ein und verdorrten, und die Enkel jener Vögel, die in den Käfigen gelebt hatten, erbten die vertrockneten Flügel von ihren Vorfahren. Das ist die uralte Rechnung, die zwischen ihnen und diesem Hause besteht. „Und was wollt ihr mit dem Hause tun?" „Es zerstören." „Und seid ihr denn dazu stark genug?" „Das Haus ist nicht so fest. Erstens ist es uralt, zweitens haben wir es nur mit den Wänden zu tun. Das Holz und auch das Geräte frißt ohnehin der Holzwurm — schon seit langer Zeit. Krieg von innen und außen!" „Und was werdet ihr mit den Mauern tun?" „Zunächst sie zerstören — bis auf die Ziegel. Die Ziegel werden wir zu Staub zerreiben und den Staub verschlingen." „Wozu?" „Um dem Magen einen Genuß zu bereiten. Wenigstens für kurze Zeit." „Und die Insassen des Hauses?" „Die werden so wie die Mauern enden. Nur wird, glaube ich, ihr Staub besonders angenehm schmecken." Der Zaddik überholte den Schwärm und erreichte nach vielen, vielen Tagen jenes Haus. Er erkannte es

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