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Die Welt · 1910-09-23 · 38 (23.9.1910) · page 7

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Journal
Die Welt
Volume
14 (1910)
Issue
38 (23.9.1910)
Date
1910-09-23
Page
– (sequence 7)
Language
German
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No. 38 DIE ELT 915 letztere Klausel wird in ähnlichen Fällen von allen Regierungen angeordnet, zu deren Pflichten ja vornehmlich der Schutz der heimischen Arbeit gehört. Doch enthalten gewöhnlich solche Sicherungsvorschriften den Passus „wenn tunlich", da man ja auch an den Fall denken muß, daß gewisse Arbeiten nur in gewissen Ländern ausgeführt werden. Darum handelt es sich aber dem rumänischen Gesetzgeber nicht, und er sorgt dafür, nicht mißverstanden zu werden, indem er eine genaue Definition des Wortes „fremd" gibt: „Es ist festzuhalten, daß ein Nichtnaturaiisierter ein Fremder ist, auch wenn er beim Militär gedient hat. Er bleibt nach der Entscheidung des Kassationshofes vom 24. Mai 1910 ein Fremder." Diese angezogene Entscheidung bezog sich auf einen jüdischen Handwerker. Dieses Dementi des „Matin" ist wohl lückenlos. Aber den rumänischen Machthabern schien auch das noch nicht ausreichend. Denn zwei Tage darauf erließen der Minister des Innern und der Industrieminister ein gleichlautendes Zirkular an die Beamten, welches die Bestimmungen des Kriegsministers wiederholte. Zur russischen Judenfrage. Im „Berliner Tageblatt" vom 10. d. M. findet sich eirys Darlegung der Entrechtung der russischen Juden. Wir entnehmen dem „N. S." gezeichneten Artikel folgende interessante Stellen: - „In Rußland sind die Juden eine Klasse von Eingeborenen, die, außerhalb der Gerechtigkeit gestellt, keinen Schutz findet gegen die Äußerungen einer im alten Herkommen und in der Gewohnheit wurzelnden Abneigung und Geringschätzung. Das Beamtentum geht in dieser Weise voran. So verkittet sich von unten herauf und von oben herab die Abneigung, das durch das Gesetz hervorgerufene Gefühl der Superiorität auf der einen, das Gefühl unverdienter Erniedrigung auf der andern Seite mit der sozialen Stellung. Beide entfalten sich aufwärts durch alle bürgerlichen Verhältnisse und begründen eine gegenseitige Entfremdung. Tief schneidet die Gesetzgebung in das innere Leben des Juden ein: sie beunruhigt sein Gemüt durch die Unsicherheit seines.Wohnsitzes, sie verletzt sein Ehrgefühl durch unausgesetztes Mahnen an seine Zurücksetzung und seinen gesetzlichen „Strafzustand". Man fordert von dem Juden ausgezeichnete Moralität, bei dem christlichen Untertan genügt unbescholtener Ruf; man fordert von dem Juden persönliche Würdigkeit und Bildung, diese sind das Eigentum höhergestellter Klassen und kein notwendiges Erfordernis des redlichen Erwerbes; man fordert von den Juden Vermögen, dieses ist in allen Ständen ein Geschenk des Zufalls, und fast jede Art Erwerb ist den Juden dort erschwert. So ist das Juden recht in Rußland eine käufliche Ware geworden, wofür der Preis nicht immer in die Staatskassen fließt. Die ganze Polizei wird hierdurch korrumpiert. Es wäre nicht schwer für die russische Regierung, einen Bevölkerungsteil, der sich seit vielen Jahrhunderten im Lande befindet, durch die Bande der Zufriedenheit und Anerkennung zu fesseln, sein Vertrauen zu erwecken. Aber die Glaubensverfolgung kann nur den vaterländischen Sinn unterdrücken, das Versagen der gesellschaftlichen Achtung nur das Gefühl der Kränkung und Erbitterung erzeugen; und wer Mißtrauen und Argwohn sät, erntet Zwietracht und Heuchelei. Der russische Jude muß ja der Regierung mit innerm trotzigen Groll oder mit ängstlicher Scheu gegenüberstehen, solange sein Rechtszustand ein schwankender ist, solange die Gesetze den Rechtsgrundsatz der Gleichstellung von Rechten und Pflichten aller Untertanen verletzen. Ungeachtet dieser schwierigen Lage haben die Juden aber seit der Regierungszeit Alexanders II. bedeutende Fortschritte gemacht und ihre Bildsamkeit, Tüchtigkeit und Brauchbarkeit erprobt. Vortreffliche jüdische Schulen sind an den verschiedensten Punkten des Reichs entstanden. Gewerbeschulen und Vereine zur Förderung der Handwerke sind ins Leben gerufen worden. Die Leistungen der russischen Juden in Kunst und Literatur, im juristischen und medizinischen Fach, in der Industrie, im Handel und in den Handwerken sind überall bekannt. Jetzt wohnen beinahe sechs Millionen Juden in Rußland; in die Hände der Staatsgewalten ist ihr künftiges Schicksal gegeben, die Entscheidung darüber, ob ein konsequent durchgeführtes Widerstandssystem zur gänzlichen Entfremdung eines Voiksteils führen soll oder seine Kräfte für die Gesamtheit nutzbar gemacht werden." o \\Tod□ □ □ □ © vs FEUILLETON Die Vögel und die Pergamente (Aus den Erzählungen des R. Nachmanke) Aus dem Hebräischen des J. L. Perez. (Schluß aus Nr. 36) □ □ □ □ □ □ 1] O _Jj o Der Himmel blieb in seiner vollen Reinheit sichtbar, und er konnte förmlich sehen, wie Sonnen, Sterne und Tierkreisbilder an seinem Schmerze teilhatten; ihre Strahlen zitterten so, als ob sie ihn bedauerten, und manchmal, — dies ging schon über den Verstand, — gab ein Stern für ihn sein Leben hin, entwurzelte sich selbst von seiner Stelle, flog eilend aus der Höhe und begrub sich im Sande, — hinschwebend aber wies er ihm den Weg, der aus der Wüste emporführt. Und nach alledem, — erzählte der Zaddik, ^- war seine Seele müde und sehr erschöpft. In lauter Müdigkeit und großem Leid konnte er nur noch sein Haupt zum Himmel heben und für wenige Augenblicke das Licht in sich saugen. Sonst blickte er zur Erde, in den grauen Sand.*) Der Sand zog ihn an, dürstete nach seiner Seele. Und er blickte nur auf den Sand und auf die letzten Kräuterleichen im Sande und empfand, daß der Hauch des Niedrigen, das unter seinen Füßen rollt, in seine Fußsohlen dringt und, von hier aufsteigend, über all *) Die Bezeichnung des Sandes ist im Hebräischen dieselbe wie die des Unheiligen, Profanen. seine Glieder sich verbreitet, in seinen Verstand dringt, bis er nur mehr Gedanken des Niedrigen denken kann oder solche, die irgendeine Beziehung dazu haben. Und alle übrigen Gedanken, — was noch des „Wohnkreises" übrig war, — schweben aus seiner Seele gleich Vögeln auf, und er hat keine Macht, sie wieder in ihr Nest zu bringen. Und hart und mühselig sind die Gedanken des Sandes! Ohne Zweifel gibt es auch hier in den Fernen irgendein Meer, ein endloses Meer, da der Sand doch nur als Grenze des Meeres erschaffen war. . . . Und die Sandkörner sind rund wie Eier, die Sinnbilder des Todes und der Trauer. . . . Auch die Söhne Israels sind dem Sande verglichen Klein sind sie, wühlerisch, und rollen, wie der Sand, von Ort zu Ort, — ohne Hang und Beziehung zueinander. Und auch die Zahl der Söhne Israels wäre wirklich dem Sande gleich, wären nicht die Schicksalsschläge, Verleumdungen, Verfolgungen und Vertilgungen. . . . Und, wie es scheint, nagen noch andere Sandgedanken in seinem Hirn. 2*

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