Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 14 (1910)
- Issue
- 38 (23.9.1910)
- Date
- 1910-09-23
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
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914 DIE^ELT No. 38 REVUE DER WOCHE ^SJ □ □□□□) # ~ o f, -o ' O (□□□□□ o o *Q > ■ Wiener Wahlen. Seit den Tagen, als Dr. Karl Lueger nach einer wilden, tobenden Wahlschlacht das liberale Wien eroberte und seine Gegner in den Staub warf, wurzelte sich in dieser Stadt der Irrtum ein, Politik und Wahlen zu identifizieren. Es hat keinen Zweck den Beweis zu führen, daß der Führer der Christlichsozialen viel früher gesiegt hatte, daß nicht an der Urne, sondern in den wirtschaftlichen Organisationen des Wiener Bürgertums, in den Wirtshäusern und im Gerichtsaal, der Niedergang des Liberalismus entschieden worden war. Die Massen, auch die jüdischen Wählermassen, sehen nur den sichtbaren Vorgang, den feierlichen Abstimmungsakt, und wähnen, daß aile politische Macht aus der Wahlurne blüht. Politik treiben ist in Wien gleichbedeutend mit Wahlen. Und so konzentriert sich auch jetzt die Aufmerksamkeit der Juden Wiens auf die bevorstehenden Wahlen zum niederösterreichischen Landtag in der Leopoldstadt. Freilich die Juden sind nicht sichtbar. Ihre politische Vertreterschaft ist „deutsch" in allen möglichen Kombinationen mit den Worten: fortschrittlich, freiheitlich, demokratisch und sozial. Wer zählt die Namen der Gruppen und Grüppchen, der Trümmer der einstigen liberalen Partei! Und das kostbarste ist, daß die enterbten Erben im ununterbrochenen Kleinkrieg miteinander leben. Was unterscheidet grundsätzlich die Deutschdemokraten von den Freiheitlichsozialen, und alle beide von den Deutschfortschrittlichen, die im „Donaiiklub" Wiens Geschicke bestimmen? Alle drei Gruppen vertreten die jüdische Plutokratie und die assimilierte Intelligenz Wiens, und je nach dem Verhältnis der beiden Bestandteile überwiegt der Börsengeist und der Duft der Seitenstettengasse, oder es schillert demokratisch und sozialradikal. Aber eben diese Gemeinsamkeit des Ursprungs und die Identität der gesellschaftlichen Schichten uud Cliquen, die von Hock, Ofner und dem „Donauklub" vertreten werden, ist die unversiegbare Quelle ihres Kampfes gegeneinander. Jede Tischgesellschaft hat ihre Gruppen, die nach Geltung ringen. Ein liberales Organ kennzeichnet in folgender Art den Leopoldstädter Froschmäusekrieg: „Da eine Wahl bevorsteht, bieten natürlich die Freiheitlichen der verschiedenen Couleur ein jammervolles Bild. Statt unter allen Umständen mit Unterordnung aller persönlichen und Vereinsrückrücksichten sich auf einen aussichtsreichen Kandidaten zu vereinigen, beharren die Vertreter der liberalen Richtungen auf die verschiedenen Mandatswerber, obwohl sie sehr gut wissen, daß nun beide die Rollen von Zählkandidaten spielen werden. Der „Freiheitlich-soziale Verein" hätte einerseits von Haus aus eine vernünftigere Taktik einschlagen sollen, und es wäre ihm wohl gelungen, in Verbindung mit dem „Donauklub" die Aufstellung des Gemeinderats Dr. Schwarz-Hiller durchzusetzen. Anderseits hätte es dem „Donauklub" nicht geschadet, wenn er es unterlassen hätte, aus purer Vereinspolitik dem schon nominierten Kandidaten rasch einen andern entgegenzustellen. Fehler sind auf beiden Seiten geschehen, was um so bedauerlicher ist, als sowohl Dr. Schwarz-Hiller wie dessen Gegenkandidat Dr. Mittler, jeder in seiner Art, die Sympathien der Wählerschaft besitzt." Wir lassen es unerörtert, was sich die „Wählerschaft", wenn sie nicht alle Vernunft verloren hat, üb r die sich in den Haaren liegenden Klubgenossen Schwarz-Hiiler und Mittler denkt, denen ihre Personellen und die Landtagsdiäten wichtiger zu sein scheinen, als das Liberalismus benannte Gemisch von Deutschtümmelei, Antiklerikalismus, Manchestertum, Sozialreform, Plutokratie, Judenassimilation, Demokratie und Klubintriguen. Es ist bezeichnend für die Leopoldstätter Politikaster, daß sie nach einem „liberalen Lueger" rufen. Nun, Lueger ist ja in ihren Augen die modern angestrichene, demagogisch herbeigeführte Renaissance des alten Klerikalismus. So sehnen sie sich auch nach einer Wiedergeburt des Altliberalismus. Daß es möglich und notwendig ist, über ihn hinauszugehen, dämmert den Staatsmännern am Kai gar nicht ein. Sie haben die Entwicklung der letzten zwei Jahrzehnte verschlafen. All das könnte uns gleichgiltig lassen, würde es sich nicht um Gruppen handeln, die ausschließlich aus Juden bestehen. Dieses „jammervolle Bild" bietet nicht der Liberalismus, sondern die Judenheit Wiens. Dieses Turnier der Ehrgeizlinge ist der Exponent der politischen Reife dieser Zehntausende von Juden. Eine doppelte. Assimilation hat sich hier vollzogen. Die Judenheit der „heimischen" Ghettonachkommen samt den böhmischmährischen Juden besitzen eine deutschliberale Tradition, die sie mit derselben Inbrunst bewahren, wie ihre Vorfahren die jüdischen Überlieferungen. Aber die Mehrheit der heutigen jüdischen Bevölkerung Wiens sind jüdische Einwanderer aus Ungarn und Galizien. Es ist erstaunlich, mit welcher Leichtigkeit sie den politischen Anschluß an die „Deutschliberalen", vollzogen haben! Die zionistische Propaganda hat diesen Händeln und diesem politischen Getriebe zu lange ferngestanden, um eine gründliche Wandlung in den Ansichten der jüdischen Wählermassen herbeiführen zu können. Die Stimmung ist dem nationaljüdischen Gedanken gewiß günstig. Was alle Welt weiß, nämlich, daß der Liberalismus in Wien bankrottierte, ist auch in der Leopoldstadt nicht unbekannt geblieben. Ein dumpfer Groll lebt wohl in den Massen, aber ihn zu einem klaren jüdischen politischen Bewußtsein zu verdichten, erfordert noch jahrelange Arbeit. Auch sind die Voraussetzungen für ein erfolgreiches Wirken jüdischer Vertreter im niederösterreichischen Landtag noch nicht gegeben. Weder herrscht Klarheit über die nationalen Forderungen einer sprachlichassimilierten Minderheit in einem immerhin national-einheitlichen Lande, noch ist das Rückgrat und die Grundlage aller jüdischen Politik — die jüdische Gemeinde — vom nationaljüdischen Gedanken beherrscht. Und so will es uns scheinen, daß man sich vom Tageslärm nicht beirren lassen und den Leopoldstädter Landtags-Ersajzwahlen keine allzu große Bedeutung beimessen soll. Die Erfüllung der größten jüdischen Gemeinde Österreichs mit wahrhaft jüdischem und zionistischem Geist dünkt uns wichtiger als der Schwarz-Hiller- Mittlersche Wettbewerb. Die bevorstehenden Kultuswahlen sind bedeutsamer als der Kampf um den Nachlaß Luegers. Neues aus Rumänien. Der Zufall ist ein boshafter Geselle. Er treibt sein Spiel unbekümmert um die Verlegenheiten, die er hervorruft. Da hat sich vor wenigen Tagen der Pariser „Matin" angestrengt, Rumäniens Kreditwürdigkeit zu beweisen, und hat zu diesem Zweck auch den Satz hingeschrieben: „Rumänien hat aile Verpflichtungen, die es auf dem Berliner Kongreß auf sich nahm, erfüllt." Der blutigste Laie weiß, daß diese Behauptung unwahr ist. Die hauptsächlichste Verpflichtung, die Rumänien auf sich nahm, die der Gleichstellung seiner jüdischen Bürger, ist bis heute noch nicht eingelöst. Um dies schlagend zu zeigen, griff der Zufall ein. Am Tage nach dem Erscheinen des „Matin"-Lobes veröffentlichte die Presse eine Verordnung des rumänischen Kriegsministers Crainiceanu über die Vergebung militärischer und mit militärischen Zwecken in Verbindung stehender öffentlicher Lieferungen. Diese Verordnung enthält eine Wiederholung des schon bekannten Artikels 95 des Handwerkergesetzes und verfügt: Bei Lieferungen, welche den Befrag von 30 000 Lei übersteigen, sind rumänische Offerenten zu bevorzugen, auch wenn ihr Offert um 5 % teurer ist als das anderer Konkurrenten. Bei der Ausführung der bezüglichen Arbeiten dürfen fremde Arbeiter nicht verwendet werden. Diese