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Die Welt · 1910-09-23 · 38 (23.9.1910) · page 5

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Journal
Die Welt
Volume
14 (1910)
Issue
38 (23.9.1910)
Date
1910-09-23
Page
– (sequence 5)
Language
German
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No. 38 DIESaKELT v 913 wegung kraft des Rechts der Mehrheit dem jüdischen Gesetze zu unterstellen, so muß diese Arbeit auch von den Gesetzestreuen geleistet werden." So hieß es vor sechs Jahren im „Israelit." Freilich damals war die politische Konstellation im Judentum eine andere. Und heute? Nicht nur Prinzipienreiterei, sondern auch Politik. Briefe aus Berlin i. Die Qroßgemeinde In der deutschen Judenschaft vollzieht sich eine Wanderung, die nach dieser Richtung vor einem Jahrhundert begonnen hat und die noch keineswegs zum Abschluß gekommen, ist. Die Juden verlassen allmählich das flache Land, zum Teil durch die wirtschaftlichen Verhältnisse gezwungen, zum Teil aus dem Bedürfnis iach der großen Stadt und der städtischen Bildung. Vor hundert Jahren kamen auf hundert Einwohner der jetzigen Provinz Posen 25 Juden, während heute dort nur noch 1V* °/o der Bevölkerung Juden sind. Im Jahre 1817 hatte Berlin unter 196 429 Einwohnern 3700 Juden, während heute das zur Weltstadt gewordene Groß-Berlin eine jüdische Gemeinde von 150 000 Seelen in sich schließt.. Diese Wanderung setzt sich fort. Das hierdurch bedingte Verhältnis, wonach in Berlin und den zugehörigen Vororten jetzt der vierte Teil aller in Deutschland ansässigen Juden wohnt, gibt bereits heute dem ganzen deutschen Judentum die bestimmte Richtung. Und obwohl außerhalb gegen "die Unterordnung unter die Berliner jüdische Leitung eine ganz bewußte Abneigung herrscht, die in einer großen Stadt Südwestdeutschlands am allerschärfsten in die Erscheinung tritt, so ist es doch keine Frage, daß der Zuzug iach Berlin um so viel größer als nach andern großen und mittelgroßen Städten ist, daß in absehbarer Zeit die Mehrzahl der deutschen Juden in Groß-Berlin sich sässig gemacht hat, während die übrigen Juden sich mit geringen Ausnahmen in einigen großem und Industrie- und handelsreichen Städten niedergelassen haben werden. So kommt es, daß selbst dort, wo die allergrößte Abneigung ^egen Berlin herrscht, doch die jüdischen Verhältnisse vom berlinischen Einfluß nicht frei zu machen sind. Hinzu kommt, daß die großen jüdischen Organisationen, die stückwerkweise bei uns die nationale Organisation vertreten, zu allermeist in Berlin ihren Mittelpunkt und zum Teil ihren Ausgangspunkt haben. Der Zentralverein deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens und der mit ihm v erwandte Verband deutscher Juden haben in Berlin Entstehung und Sitz, genau wie die in einem Verbände zusammengeschlossenen Literaturvereineundwie der Hilfsverein deutscher Juden. DieBnS-Brith- Logen, die für eine bestimmte soziale Schicht, die zwischen den Reichen und dem wohlhabenden Bürgerstand die Mitte halten, die jüdische und gesellschaftliche Organisation bilden, haben für Deutschland in Berlin ihren Mittelpunkt Die Alliance Israelite Liniverselle folgte diesem Zuge der Zeit, indem sie die Deutsche Konferenzgemeinschaft in Berlin ins Leben rief. Besonders im Osten, wirkt das berlinische Vorbild sehr stark auf die kleinern Gemeinden. Vielfach zum Guten, nicht immer zum Besten. Vor allem hat man vieles vom Äußeren und Äußerlichen der berlinischen Gemeindeeinrichtungen in den kleinen Gemeinden übernommen. Die Synagoge muß eine Orgel oder wenigstens ein Harmonium, der Rabbiner den Doktortitel und der Kantor einen schwarzen Talar haben. Wie man sich in Berlin räuspert und spuckt, das gilt in den kleinen Gemeinden vielfach für das erstrebenswerte Vorbild. Und manche angebliche Reform hat den einzigen Grund darin, daß der Vetter vom Vorsteher jetzt in Berlin wohnt. Aber es wäre ungerecht, Berlin nur als den gebenden Teil hinzustellen. Das Verhältnis ist ein gegenseitiges. Berlin hat nicht bloß den größten Teil seiner Juden aus den Landesteilen empfangen, die man jetzt die deutschen Ostmarken nennt, sondern es hat mit ihnen auch die Eigenheiten dieses Bevölkerungsteiles zum Teil mit angenommen. Das gilt von der ganzen Stadt, natürlich in gesteigertem Maße von der jüdischen Gemeinde. Der spezifische „Killegeist", der den kleinen posenschen und westpreußischen Gemeinden ein so bestimmtes ^Etwas verleiht, das unverkennbar ist und in jeder Gemeinde je nach ihrer Größe, Verkehrslage und dadurch bedingten Bildung ein wenig abgetönt und g-farbt ist, wurde von den Bewohnern der Kleinstadt und der wenigen Mittelstädte getreu mit nach Berlin genommen und wird erst sehr langsam bei künftigen Generationen vielleicht verschwinden. Der Mangel an jedem großen Zug, der für die gewählte Gemeindevertretung und für den leitenden Vorstand der Gemeinde so kennzeichnend ist, ist ein solches Erbteil aus den engen, kleinbürgerlichen und kleinstädtischen Verhältnissen. Der überwiegende Einfluß der reichen und reichgewordenen Juden in der Gemeinde, soweit sich diese Kreise überhaupt um jüdische Verhältnisse bekümmern, ist ebenfalls ein Erbstück aus der Kleinstadt der Ostmarken. Huridertfünfzig Tausend Juden, — das ist ja die Einwohnerschaft einer guten Mittelstadt. Da liegt doch das Bedürfnis nach politischem Gemeindeleben eigentlich auf der Hand. Der Etat der jüdischen Gemeinde .entspricht diesem Verhältnis, über von einem großzügigen Gemeindeleben, ja überhaupt von einem wirklichen Gemeindeleben, ist sehr wenig zu spüren. Der enge kleine Geist, der jahrhundertelang natürlich und selbstverständlich war, als die Juden in den kleinen Städten der jetzigen Provinzen Westpreußen und Posen durchschnittlich die Hälfte der Stadtbevölkerung ausmachten ist in Berlin noch lange nicht einem Geist der Großstadt gewichen; und zum großen Teile ist auch dies dadurch verschuldet, daß die gebildeten und kaufmännisch hervorragenden Elemente, die die ostdeutsche Judenschaft im letzten Jahrhundert in so überreicher Zahl hervorgebracht hat, wenn sie sich oder ihre Kinder schon nicht taufen ließen, sich zum mindesten von allem jüdischen Leben fernhielten. Erst in der allerjüngsten Zeit scheint unter dem Einfluß der in der Studentenschaft erwachenden jüdisch-stammestümlichen Stimmung eine kleine Wendung zum Bessern eingetreten zu sein. Die Vereine jüdischer Studenten an den verschiedensten deutschen Universitäten sind nicht ohne Einfluß geblieben. Aber es handelt sich da auch erst um Anfänge. Immerhin kann es keinem Zweifel begegnen, daß die große und immer mehr wachsende Gemeinde mit einem neuen Geist angefüllt werden muß. Nicht der Kleingeist der Juden darf herrschen, die ihn aus der engen Heimat hierher mitgebracht haben, sondern der weite Sinn, den die große, mit im Mittelpunkte des Weltinteresses liegende Stadt mit sich bringen soll. Im November wird die Wahl zur Repräsentantenversammlung stattfinden, die alle drei Jahre zur Hälfte ergänzt wird. Diese Wahlen haben sich bisher auch trotz des großen Urnfangs immer-noch im Rahmen der kleinstädtischen Interessen abgespielt. Die Entstehung des Neuen Jüdischen Gemeindevereins, der zum ersten Male ein politisches demokratisches Prinzip in die Wahlschlachten hineinträgt, wird zwar noch nicht mit einem Schlage eine umwälzende Änderung herbeibringen, liegt aber in ganz derselben Richtung wie die Bewegung, die in den Vereinen jüdischer Studenten an den Hochschulen zum lebendigen Ausdruck ringt. Es ist das Streben nach neuen Verhältnissen, nach weitem und umfassendem Bestrebungen, nach größern Gesichtspunkten im kernhaften Festhalten an das durch die Jahrhunderte und Jahrtausende überkommene Judentum, ohne Ansehung der bestimmten Parteistellung, aber in unverkennbar positivem jüdischem Sinne. Aber so wenig Rom an einem Tage erbaut ist, wird es gelingen, in einer oder einigen Wahlperioden den kleinen „Killegeist" zu bannen, der noch immer in der Verwaltung und im ganzen Gemeindeleben vorherrscht und gerade die Begabtem und Beweglichem unter der jüdischen Bevölkerung von der Tätigkeit in der Gemeinde fernhält. Auch eine Reihe von Wahlsiegen in mehreren Perioden vermag da nur vorzuarbeiten, zu helfen und zu ergänzen. Der Geist in der Gemeinde, der aus den Kleinstädten ererbt und fortgepflanzt ist, läßt sich nicht so schnell beseitigen oder gar ausrotten. Aber doch wird es in systematischer Arbeit und unter dem Einfluß der großstädtischen Verhältnisse gelingen, diesen Geist zu bannen, wenn erst auch die begabtere akademische und kaufmännische Jugend in immer reicherm Maße sich mit positivem jüdischem Interesse,, mit dem lebendigen Willen, die jüdische Geschichte auch ihrerseits fortzuführen, anfüllt. Dann wird die jüdische Gemeinde Berlins, die vorbildlich für die deutschen Genieinden sein wird, wirklich eine Großgemeinde werden. Heute ist sie nur eine große, recht große Kleingemeinde. Ham-Mab bit. 'Ii! i$iB*aiB^s«i&*iiS».'iK(V 2

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