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Die Welt · 1910-09-23 · 38 (23.9.1910) · page 4

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
14 (1910)
Issue
38 (23.9.1910)
Date
1910-09-23
Page
– (sequence 4)
Language
German
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Zufluchtspunkt in der Sturmflut der Assimilation, die das Judentum zu verschlingen droht, ist davor gefeit, kompromittierende Bündnisse einzugehen. „Sie geht in kein anderes Lager." Ein stolzes Wort, aber — es widerspricht den Tatsachen. Der letzte (VIII.) Jahresbericht des Hilfsvereins der Deutschen Juden verzeichnet als beitragende Mitglieder, neben einer Anzahl prominenter Vertreter der freien Vereinigungsorthodoxie, den Mann, der die Politik der „Freien Vereinigung" maßgebend bestimmt, wie er auch tatsächlich der eigentliche Redakteur des „Israelit" ist, in dem er fortgesetzt das Prinzip verficht, jedes Bündnis orthodoxer Juden mit religiös Andersdenkenden sei verwerflich. Und daneben findet sich (Seite 5 des Mitgliederverzeichnisses) alsVertrauensmann der unentwegteste und energischste Vertreter des Trennungsgedankens, dem jedes Handinhandgehen mit religiös andersgesinnten Juden Ströme von Gift und Galle entlockt hat Welch merkwürdige Bekehrung! Wir Zionisten haben die, rein objektiv betrachtet, national gerichtete Tätigkeit des Hilfsvereins, ebenso wie das Bemühen seiner Leitung, in den Schulen traditionell-jüdischen Geist zu pflegen, immer gern anerkannt. Wie aber dürfen die Führer jener Orthodoxie, die „in kein anders Lager geht", als beitragende Mitglieder oder gar als Vertrauensleute dem Hilfsverein dienen? Wie können sie sich einer Organisation unterordnen oder einverleiben, deren Statuten keinerlei religiöse Garantien gewähren und deren Leiter, trotz aller guten Absichten, religiös auf dem Boden der äußersten Linken stehen? Wie dürfen sie mit ihrem Oelde und ihrem Rat ein Schulwerk unteistützen, das die von ihnen so sehr verhätschelten Vertreter des alten Jischub geradezu verdammen, noch viel mehr als den Schmittah-Heter des Jaffaer Oberrabbiners, und das dem bekannten Cherem unterliegt, den der „Israelit" stillschweigend anerkennt? Haben sie Garantien dafür oder haben sie sich irgendwie davon überzeugt, daß jene Schulen religiös ganz einwandfrei sind und besonders, ob alle Lehrer in Lehre und Lebensführung den auch von uns verlangten Anforderungen des orthodoxen Judentums entsprechen? Und nun möge uns J. B. oder ein anderer die Frage beantworten: Sind diese Vertreter der Orthodoxie — denn als solche dürfen wir sie bezeichnen — nicht in ein anderes Lager gegangen? Warum werden hier auf einmai die schönen Prinzipien, mit denen der Zionismus im allgemeinen und der arme Misrachi insbesondere alle paar Wochen so konsequent verfolgt werden, auf einmal in die Tasche gesteckt? Woher diese kompromittierende Konipromißsucht? Politik, lautet die Antwort und A. J. K. 0. die Erklärung. Denn dieses Bündnis hat die freie Vereinigung auf Veranlassung der Männer geschlossen, die im „Israelit" und von der Kanzel herab den Zionismus und speziell, den Misrachi vom prinzipiellen Standpunkt aus bekämpfen, wobei sie es mit Tifteleien und Haarspaltereien als etwas anderes hinzustellen suchen als das Verhältnis der gesetzestreuen Juden zum Zionismus. Aber für den gesunden Menschenverstand sind die beiden Verhältnisse einander ähnlich, wie ein Ei dem andern; das is: auch die Autfassung von maßgebenden Mitgliedern der A. J. K. O. Und warum dieses Bündnis? Weil eben die unentwegte Orthodoxie sich im eigensten Herzen nicht verhehlen kann, daß sie in ihrer splendid isolation nicht imstande ist, auf die Hebung der materiellen Lage unser Brüder im Osten utid im Heiligen Lande einzuwirken, denn das bißchen sogenannte Chalukahrevision allein tuts 'nicht — und weil sie darum in die Gefahr kommt, nachgerade allen Kredit bei den Massen zu verlieren. So mußten denn der unentwegte Redakteur und die nicht minder unentwegten Kanzelredner durch das Mittel der A. J. K. O. ihr Interesse für jene Armen bekunden, denen man doch nicht fortgesetzt schöne Reden und hochtrabende Leitartikel statt Brot reichen kann? Wir tadeln sie darum nicht, denn wir freuen uns jeder Arbeit, die wirklich jüdische Werte in Palästina schafft. Aber die Herren Prinzipienreiter sollten so ehrlich sein, einzugestehen, daß sie ihr eigenstes Prinzip verleugnet haben und sollten in Zukunft nicht mehr verlangen, daß andere sich nach diesen Prinzipien richten, die sie selbst, von Fall zu Fall, treulos verlassen. Vergegenwärtigt man sich so die Entwicklungsfähigkeit dieser „Nichtsalsorthodoxie", so erscheint es recht gewagt von J. B. unter die Propheten zu gehen. Das ist heutzutage, nach mehr als einer Richtung unvernünftig. Hätte er denn vor drei Jahren nötigenfalls nicht auch prophezeit, sein kompromißfeindlicher Bruder würde nie und nimmer im Lager des Hilfsvereins zu finden sein? Und heute? Heute hat sich mit dem Rabbinerposten zugleich der eines Vertrauensmannes des Hilfsvereins gefunden. Der „Israelit" weiß ja so rührend schön zu beteuern, daß er den gesetzestreuen Zionisten nur das Gewissen stärken will. Will er nicht einmal seinem eifrigen Mitarbeiter etwas eindringlich ins Gewissen reden? Ist am Ende gar Unentwegtheit andern gegenüber ein Freibrief für das eigene, prinzipienlose Verhalten? Der „Israelit" wagte es zu verkünden, der Zionismus werde auf immer darauf verzichten müssen, die Orthodoxie in seine Reihen zu sehen. Auf immer? Haben wir nicht heute schon die große, einflußreiche Misrachiföderation? War R. Samuel Mohilewer s. A. kein Orthodoxer? Will er Rabbiner Reines die Zugehörigkeit zu Orthodoxie bestreiten, jenem Manne, der sich als einziger unter den russischen Rabbinern bemüht, der Idee Hirschs, torah im derech erez, Eingang in den Jeschiboth zu verschaffen, und den man bekämpft, weil er, mit J. B. zu reden, die westliche Kultur dem Ostjudentum assimilieren will. J. B., der meint, sein Judentum allein sei das wahre, gegen jede Assimilation Schutz verleihende, kennt nur das Frankfurter Judentum, und auch das wohl nicht einmal. Er besuche einmal im Winter die Vortragsabende der literarisch, künstlerisch und philosophisch so außerordentlich „fortschrittlichen" Frankfurter Gesellschaften. Wer sind denn deren Besucher? -Zum größten Teile doch nur junge Juden und Jüdinnen aus feinen Kreisen, die da der modernen Kultur recht kräftig assimiliert werden. Dabei sind jüdische Vereine, die dem „Israelit" recht nahestehen, in Gefahr, aus Mangel an Beteiligung (leider!) liquidieren zu müssen. Und wenn J. B. Gelegenheit hätte, sich außerhalb Frankfurts umzusehen, so könnte er froh sein, wenn er hoffen dürfte, ein Teil des Nachwuchses seiner Orthodoxie würde wenigstens noch zionistisch sein. Einmal wird ja, wenn die Abwanderung vom Lande aus natürlichen Gründen ihr Ende" erreicht, auch das Reservoir erschöpft sein, aus dem heute G. s.D. die Orthodoxie nach Kraft zu schöpfen vermag. Was dann? Die Orthodoxie braucht den Zionismus, ebensosehr wie der Zionismus der Orthodoxie nicht entraten kann. Nicht die Kultur des Westens hat das Judentum zu fürchten. Sein Befand ist nicht von dieser Welt und wird nicht von ihr allein garantiert sein. Aber die sozialwirtschaftliche Entwicklung des Westens und ihre Einwirkung auf seine Institutionen hat es zu fürchten. Es ist eine alte geschichtliche Erfahrung, wenn an irgend einem Orte der Welt das Judentum dem Untergange geweiht schien, war ihm von der gütigen Vorsehung an anderer Stelle schon längst eine Stätte bereitet. Und darum muß die Orthodoxie froh sein, wenn der Zionismus, — und der allein tut es mit planmäßiger, zielbewußter Arbeit, — dem Judentum eine Heimstätte schaffen will, in der es weiter leben kann; wo es selbstverständlich ist, daß der Schabbos gehalten wird, wo die Gebote beobachtet werden können, und wo man als Jude leben und sterben kann. Aber der Haß macht blind. Darum wird mit Gewalt eine dem gesetztreuen Judentum entgegengesetzte Weltanschauung des Zionismus konstruiert, weil die Anschauungen einzelner Zionisten zum religiösen Judentume in geradem Gegensatze stehen. Als ob es eine nationale Weltanschauung gäbe! Was da als Wesen des Zionismus ausgegeben wird, das ist willkürlich in sein Programm hineininterpretiert, indem man die Ansichten einzelner, unverantwortlicher Zionisten, als das Wesen des Zionismus bezeichnend, rezipiert. Man hält sich, weil es gerade paßt, an Buber und Calvary als Kronzeugen für den Zionismus, aber Herzl und Reines, oder gar Erklärungen des Kongresses sind belanglos. Ist das Wahrhaftigkeit, ist das Ehrlichkeit? Der Zionismus ist die Judenheit auf dem Marsche nach Zion. Oder wie Franz Oppenheimer in der Frankfurter öffentlichen Volksversammlung es ausdrückte: der Zionismus ist eine Kampfgenossenschaft zur Erreichung ganz bestimmter, allen Juden gemeinsamer Ziele. Er umfaßt viele Richtungen und Parteien, die vereint für dieses Ziel arbeiten, die aber auseinanderfallen und im Kampfe mit einander ihre Daseinsberechtigung zu erwjisen haben werden. Wir wissen uns frei von der Angst um die Zakunft des Judentums, denn wir vertrauen auf seine göttliche Lebenskraft. Wir wissen, daß die große Mehrheit des jüdischen Volkes in Gesinnung und Tat der Thora die. Treue wahrt und daß es heute schon, wo wir noch auf dem Marsche sind, möglich ist, im Zionismus und auf dem Kongresse eine Mehrheit zu erringen. „Das ist es denn auch, so lesen wir einmal im „Israelit", was die Politik des gesetzestreuen Intransigententums so ungeheuer verantwortungsvoll erscheinen läßt. Keine Konstellation aus dem jüdischen Gesamtleben des letzten Jahrhunderts läßt sich mit der Lage der Dinge im Zionismus vergleichen. In den Gemeinden waren die Gesetzestreuen zu verschwindenden Minoritäten geworden, als der Austritt und die Bildung völlig selbständiger Gemeindeverbände den Führern der. einzige Rettungsweg erschien. In den Logen, dem Hilfsverein der Deutschen Juden, dem Gemeindebund, dem Lehrerverband, nirgens können die Gesetzestreuen hoffen, jemals die Mehrheit zu erlangen. Überall sind sie dazu verurteilt, dauernd durch Diplomatisieren, persönliche Liebenswürdigkeit und andern, für die Reinheit der eigenen Uberzeugung höchst gefährliche Mittel sich eine gewisse Anerkennung zu erkaufen.....Ein gleiches Verhalten dem Zionismus gegenüber aber würde, weil es hier lediglich gilt, der faktisch vorhandenen Mehrheit die organisatorische Geltung zu erobern, einer leichtfertigen Preisgabe der heiligsten religiösen Interessen gleichkommen. Wenn es . .. gelingen kann, die ganze zionistische Be-

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