Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 14 (1910)
- Issue
- 38 (23.9.1910)
- Date
- 1910-09-23
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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No. 38 DIE MKE LT 911 tante der vielen Kräfte, die zusammen den Zionismus bilden, in ihre Richtung zwingen sollen, so müssen sie einseitig sein. Uns ist es recht. Nur wissen sollen wir es! Wissen sollen wir, daß Sokolow einseitig ist, wenn er einen Aufsatz schreibt wie den im „American Hebrew". Wissen sollen wir, daß es nicht der normale Zionismus ist, den er predigt, sondern ein durchaus einseitiger.1) Die Bewegung, die Idee, ist unbestritten das Primäre. Sie hat nicht nur die Organisation geschaffen. Sie belebt und durchgeistigt sie noch heute, sie gibt ihr überhaupt erst ihre Daseinsberechtigung. Aber ohne die Organisation ist die Idee ein eitles Geistesspiel, das mit Händen nicht zu fassen ist, das kommt und geht und sich verflüchtigt, ohne im Leben eine sichtbare Spur zu hinterlassen. Die Tat des bewußten Menschen beruht sicherlich auf seinem Willen. Aber um den Willen zur Tat zu vollenden, braucht er seinen Körper. So braucht auch eine Gemeinschaft, um einen gemeinschaftlichen Willen in die Tat umzusetzen, einen Körper ad hoc, eine Körperschaft, eine Organisation. Es ist nicht wahr, daß es dem Zionismus nur darum zu tun ist, geistig vollwertige Juden zu schaffen. Er hat ganz konkrete Ziele, Er will in denkbar konkretester Weise dem jüdischen Volke eine Heimstätte in Palästina bereiten. Dazu braucht er eine Organisation. Das wird er nie und niemals ohne ganz konkrete Mittel, ohne Geld, ohne Institutionen, ohne Komitees, ohne Bureaus zustande bringen. Das wird uns auch Herr Sokolow zugeben, der ja selbst diese konkreten Sachen zum Gebiete der „äußern Natur" rechnet, auf dem die Organisation nützliches leisten kann. Aber es ist auch nicht wahr, daß auf dem Gebiete der „innern Natur" die Organisation wertlos oder unbedingt schädlich ist. Nur daß sie dort eines der vielen Instrumente ist, das öfters wenig leistet, kann man behaupten. Sicherlich kann kein Komitee, kein Verein x) Wie sehr Sokolows Aufsatz auf jeden unbefangenen Leser den Eindruck macht, daß dem Autor die Organisation eine durchaus unwichtige Nebensache ist, die heute sogar eher als schädlich denn als nützlich zu betrachten ist, geht am besten aus der Notiz hervor, mit der die Redaktion des „American Hebrew" den Aufsatz und dessen Autor, nach amerikanischem Brauch, beim Leser einführt. Am Schluß dieser Notiz schreibt die Redaktion: „Es ist klar, daß Herrn Sokolow die letzten Ereignisse in der zionistischen Bewegung vor Augen gestanden haben. Sein Standpunkt ist dem der alten Chowewe-Zion-Bewegung nahe verwandt. Dieser Artikel macht die Gerüchte glaubwürdig, daß die russischen Zionisten die Absicht hatten, auf der Berliner Konferenz aus der Organisation auszutreten und daß nur der Friedensschluß zwischen den Parteien sie davon abgebracht hat." Die etwas komische Politikastern der Redaktion, die gewiß Herrn Sokolow7 unangenehmer sein muß als irgendjemand sonst, beweist klar, daß der Eindruck, welchen der Aufsatz auf den unbefangenen Leser macht, der der Mißachtung der Organisation ist. Dieses Zeugnis der Redaktion ist wertvoll,'-da Herr Sokolow selbst eigentlich keine direkten Schlüsse zieht, diese vielmehr dem Leser überläßt. dem Juden das Werk der Selbstktiltur, der innern Entwicklung aus den Händen nehmen. Aber sie können und müssen die Vorbedingungen schaffen, die ihm überhaupt diese Entwicklung ermöglichen und die ihn dazu anregen sollen! Sie können und sollen die Ausgabe der Bücher und Zeitungen ermöglichen, sie sollen die tausenderlei Äußerungen des jüdischen Geistes materiell unterstützen, ohne die vielleicht das Genie zum Volljudentum gelangen kann, ohne die aber der Durchschnittsmensch in einer geistigen Wüste elend verkommen müßte! Weshalb haben die Freunde der hebräischen Sprache und Kultur denn sonst ihre Histadrus geschaffen? # iH * Wir, die Männer der Synthese, die wir einsehen, daß ohne unsere Organisation das jüdische Volk heute * keinen Zionismus mehr hätte, wir wollen den geistigen Inhalt unserer Bewegung lieben und ehren, pflegen, ausbauen, weiterentwickeln, — aber die Freude an der konkreten Arbeit, die erst den Willen zur Tat machen soll, die werden wir uns nicht nehmen lassen! Prinzipietireiterei oder Politik? Von einem orthodoxen Zionisten Kaum zwei Jahre sind verflossen, daß in Baden Zionisten und Orthodoxie gemeinsam einen siegreichen Wahlkampf gegen die Assimilationsgelüste des Oberrats führten, und nun haben wir dort auch eine — „jüdische Großblockaffaire. Denn der orthodoxe Blockbruder schleudert im „Israelit", unter dem Signum J. B., dem ehemaligen Kampfgenossen, der bei den kommenden Wahlen seine eignen Wege gehen will, zornig die Drohung entgegen: Und willst du nicht mehr mein Bruder sein, so schlage ich dir den Schädel ein. Die wirklichen Vorgänge, die den Schmähungen gegen den Zionismus zugrunde liegen, sind auf dem deutschen Delegiertentage bereits richtiggestellt worden, und Herr Dr. Moses hat nachgewiesen, wie die Tatsachen verzerrt werden mußten, um in dem liebenswürdigen „Begrüßungs-"artikel „Zionistisches Assimilantentum" offensichtliche Stimmung gegen die in Frankfurt versammelten Zionisten zu machen. Wie der glänzende Verlauf der vornehmlich aus gesetzestreuen Kreisen besuchten Veranstaltungen, insbesondere der öffentlichen Volksversammlung bewiesen hat, ohne den erwarteten Erfolg. Ob unsere badischen Gesinnungsgenossen gut daran tun, die Kampfstellung gegen den Oberrat zu verlassen, mag dahingestellt bleiben; wenn auch die Gebetbuch- und die Ausländerfrage erledigt ist, so bleiben immerhin noch manche Beschwerden gegen den Oberrat übrig. Besonders ist der von dieser Behörde ausgeübte Religionsunterrichtszwang nicht nur vom Gesichtspunkte der religiösen Toleranz, der für einen Zionisten selbstverständlich ist, zu bekämpfen. Denn dem weitaus überwiegenden Teile der jüdischen Jugend bietet dieser Unterricht, — leider sogar oft für das ganze Leben — die einzige Gelegenheit, sich jüdische Kenntnisse, jüdisches Wissen zu erwerben. Und es kann uns durchaus nicht einerlei sein, in welchem Geiste dieser Unterricht erteilt wird. Daß es der Geist des wahren Judentums nicht ist, weiß jeder Kenner der Verhältnisse. Wir gesetzestreuen Zionisten sind die letzten, die alles, was im Zionismus und unter seiner Flagge geschieht, für gut und wünschenswert halten. Aber das Verhalten der badischen Gesinnungsgenossen ist gewiß nicht assimilatorisch und zumindest ebenso einwandfrei wie dasjenige des orthodoxen Vertreters in der Synode, der dem Ausländerparagraphen seine Zustimmung gab. Der „Israelit" leitet neuerdings seinen den Zionismus ablehnenden Standpunkt ausschließlich von festen a priori gegebenen Prinzipien ab. Gegen solche Prinzipien läßt sich schwer kämpfen; sö lange sie unentwegt festgehalten und konsequent zur Direktive der Handlungen gemacht werden, sind sie, rein logisch betrachtet, indiskutabel. Aber die Situtation ändert sich sofort, wenn diese Prinzipien nur als Kampfmittel gegen andere gebraucht werden und, — sobald es die eigne Politik erfordert — aus Utilitätsgründen in die Tasche gesteckt werden und aufhören, zur Richtschnur des eignen Handelns zu werden. Eine solche Kampfesweise muß «inmal gebührend gekennzeichnet werden, selbst wenn, es sich dabei nicht umgehen läßt, persönlich zu werden. Also nur die „Israelit"orthodoxie, nach J. B. der einzige feste 1*