Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 14 (1910)
- Issue
- 38 (23.9.1910)
- Date
- 1910-09-23
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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Aufmerksamkeit zugewandt wird. Judentum und Zionismus sind ihrem tiefsten Wesen nach nicht Sache einer Organisation, sie sind Sache des einzelnen Juden. Die bewußten Juden wollen sich gewiß zusammenschließen; aber den Grundstein des Gebäudes ihrer Organisation bilden der Wert und die Kraft des einzelnen, vor allen Dingen des genialen Mannes. Weshalb ist nun das Organisationsprinzip richtig und nützlich in den Dingen der äußern Natur und gefährlich oder sogar unbedingt schädlich in denen der innern Natur? . Weil in den äußern Dingen die Organisation, falls sie zweckentsprechend eingerichtet und mit möglichster Genauigkeit und Eifer gehandhabt wird, automatisch zum Ziele fuhren muß, während bei den Angelegenheiten des innern Lebens genau das Umgekehrte der Fall ist. Je mehr Energie und Aufmerksamkeit dort dem richtigen Funktionieren des Apparates zugewandt werden, — um so kläglicher sind die Resultate, die dabei herauskommen! In geistigen Dingen ist die Organisation nichts, der einzelne alles! Unser Fehler war es, daß wir uns begeistert haben für den Organisationsapparat und über dessen Form den Zweck vergessen haben; die Organisation ist uns zum Selbstzweck geworden. Wir haben die Einsicht verloren, daß unser komplizierter Mechanismus nur einen Wert hat, insofern er uns hilft, unsere Leute zu guten, bewußten, nationalen Juden zu erziehen; daß er aber schädlich wirkt, wenn er den Wert des Genies und die verschiedenen Pflichten des einzelnen verdunkelt. „Wir haben uns verwickelt in das Gewebe einer komplizierten Zusammenstellung von organisatorischen Einrichtungen, die gewiß auf praktischem Gebiete etwas leisten, die aber ohne Geist und Seele sind wie jeder Mechanismus. Aber, gottlob, die Natur bleibt der Wahrheit unverbrüchlich treu, sie führt einen ewigen Krieg mit der Lüge. Früher oder später werden wir alle die Überzeugung wiedergewinnen, daß das wahre Judentum nur selbst, individuell erlebt werden kann. Deshalb wird der wahre Einfluß ausgehen — nicht von Versammlungen und Komitees, sondern von Denkern und Gelehrten, Dichtern und Künstlern, die ihre innere Natur zur Entwicklung bringen, die ihr Form verleihen und die der Masse diese Form auferlegen. Jüdische Gesellschaften mögen verschiedene „Präsidenten" haben: aber die Präsidenten des Judentums sind seine teuren Söhne, seine großen originalen Denker, in denen es sich auflehnt gegen das System der Überschwemmung und Verflachung des menschlichen Geistes." * * * Es liegt uns fern, gegen diese Ausführung polemisieren zu wollen. Zwar ließe sich rein akademisch darüber streiten, ob nur unser Zeitalter so ganz hervorragend das der Organisation ist; ob z. B. nicht das westeuropäische Mittelalter seit dem 13. Jahrhundert hier einen fruchtbaren Vergleich bieten würde. Zwar ließe sich behaupten, daß der Beweis für die These, daß nur auf dem Gebiete der „äußern Natur" die Organisationsidee Anwendung verdient, Herrn Sokolow nicht gelungen ist, vielmehr nicht einmal von ihm versucht worden ist, — aber halten wir uns nicht auf. Für allgemeine geschichtsphilosophische Debatten sind die Spalten der „Welt" nicht da; und die unbewiesene These wollen wir auch ohne Beweis entgegennehmen. Also keine Polemik. Was will aber Herr Sokolow? Soll der Aufsatz nur dazu dienen, klar zu machen, daß eine Organisation keine neuen Geisteswerte schaffen kann? Oder soll er darlegen, daß das führende Komitee einer Organisation — sagen wir: ein Aktionskomitee — nicht notwendigerweise die geistige Führung der Bewegung, deren materielle Ausdrucksform die betreffende Organisation ist, repräsentiert? Öder daß man sich den Zionismus nicht aneignet, indem man einem Vereine beitritt, sondern daß man sich ihn individuell, geistig erringen muß? Man rennt doch keine offenen Türen ein, — namentlich, wenn man Besseres zu tun hat. Nein, wir haben Sokolows Aufsatz von einem höhern Standpunkt zu beurteilen. Und wenn wir diesen Standpunkt einnehmen, so ist das erste Wort, das zu sprechen ist, ein Wort des Dankes für den alten Kämpfer für den Geist und das Ideal im Judentum, der treu auf dem Posten ist und uns eindringlich warnt vor einer großen Gefahr, der Gefahr, den Wert unserer Organisation zu überschätzen. Die Liebe zum Selbsterzeugten, Selbsterrungenen, die eine veredelte Form der Liebe des eigenen Ichs, worauf die Welt beruht, darstellt, ist jeder Menschenseele eingeboren. Die Mutter liebt ihr Kind, der Künstler sein Werk. Liebe ist ihrem Wesen nach subjektiv. Wer liebt, könnte unmöglich dem Geliebten gleich objektiv gegenüberstehen wie allem übrigen. W7o wäre sonst die Liebe? Auch wir Zionisten lieben die Organisation, die wir in schweren Kämpfen gebildet und gebaut, die wir geschmiedet mit dem Eisen unseres Willens, gekittet und gesichert mit unserm Schweiß und Herzblut. Und die Liebe bringt uns dazu, unsere Aufmerksamkeit auf die Organisation zu konzentrieren, ihr all' unsere Sorge zuzuwenden, sie zu pflegen und zu hegen, in ihr und ihren Institutionen schließlich den Zionismus zu sehen. Wieviel heiße Kämpfe haben wir, zum Beispiel, nicht bis vor kurzem geführt um die Frage, wie die Leitung unserer Organisation einzurichten, wie sie zu wählen sei, ja sogar, wo sie ihr Bureau haben soll; eine Frage, die doch, wie Herr Sokolow richtig ausführt, für das geistige Leben im Zionismus und für den einzelnen Zionisten von so durchaus untergeordneter Bedeutung ist. Lieben wir unsere Organisation, aber hüten wir uns davor, ihfen Wert zu überschätzen; hüten wir uns, die Bewegung, den Zionismus, zu verwechseln mit ihrem Instrument, der Organisation. Hüten wir uns, über der Pflege des Körpers die Seele und den Geist zu vergessen! * * * Hüten wir uns aber auch vor der Unterschätzung unserer konkreten Machtmittel. Und da gilt es, gegenüber den Ausführungen des Herrn Sokolow ein ernstes Wort zu sagen. Keine Polemik — wir wiederholen es. Aber eine Warnung. Wir brauchen Männer, die uns immer wieder den geistigen Inhalt unserer konkreten Bestrebungen vor Augen halten. Und wir können es ertragen, wenn diese Männer einseitig sind. Sie sollen essein! Denn ihre Stimme und ihr Einfluß soll kräftig sein in unserm Lager. Und nur durch Konzentrierung, durch das Aufgeben der Vielseitigkeit, gewinnt der einzelne die Kraft, auf die Gesamtheit einzuwirken. Wenn unsere „Denker und Gelehrten, unsere Dichter und Künstler" die Resul-