Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 14 (1910)
- Issue
- 38 (23.9.1910)
- Date
- 1910-09-23
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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DIE »ELT KÖLN AM RHEIN, KAROLINGERRING 3I^V/ ERSCHEINT JEDEN FREITAG;:entralorgan der zionistischen Bewegung K1V. JAHRO. KÖLN, 23. September 1910 tminb Nö"nn'N W?*t d"' No» 38- VOM WILLEN ZUR TAT Von S. Hoofien Die Frage, die Herr Sokolow im „American Hebrew" \ m 26. Augüst behandelt, ist weder neu, noch besiränkt sich ihre Tragweite auf unsern zionistischen Ii teressenkreis. Sie ist vielmehr eine Frage aller > iten und aller Völker; sie hat die besten Geister er Jahrhunderte in vielerlei Formen beschäftigt; sie; zehntausendmal gelöst worden und zehntausendmal ieder aufgetaucht. Denn die Lösung ist eine individuelle; j nutzt nur dem, der sie selbst erringt und lebt, und jeder Mensch und jede Gemeinschaft, an diedie rage herantritt, hat aus eigenem Geiste und eigenem mpfinden heraus sich die Lösung zu erarbeiten. Die Frage ist letzten Endes die: „Wie wird der Ville zur Tat?" Diese Frage haben wir Juden, die wir die Aufrstehung unseres Volkes zu einem neuen normalen eben anstreben, gelöst! Herzl war es, der uns die ösung formuliert hat. Jetzt kommt Herr Sokolow und rollt sie noch einnal auf. Da wollen wir uns auch wieder von neuem nit ihr beschäftigen. Wir wollen nicht, wie man gean hat, als Franz Oppenheimer seine Anschauungen iber „Volks- und Stammesbewußtsein" in der „Welt" /eröffentlichte, uns darüber aufregen, daß man ,,an den urundsäulen des Zionismus rüttele". Wir wollen uns m aller Ruhe mit den von Herrn Sokolow vertretenen Anschauungen oder vielmehr mit den Schlußfolgerungen, die er nicht zieht, die er aber suggeriert, auseinandersetzen. Noch steht unsere Organisation da, und ein Zweifel an ihrer Daseinsberechtigung wird, wenigstens unter Zionisten, nicht so leicht durchdringen.^ * * * Resümieren wir, soweit uns dies die Schranken eines Leitartikels gestatten, den Inhalt von Sokolows Aufsatz. Unser Jahrhundert ist das Jahrhundert der Organisation, des Zusammenschlusses, der weit durchgeführten Arbeitsverteilung und der Machtübertragung. „Association and Delegation." Diese Prinzipien haben sich auf weiten Gebieten des menschlichen Gesellschaftslebens unwidersprechlich bewährt. Nun ist es aber eine allgemeine Eigenschaft des menschlichen Geistes, die Bewertung des an sich Guten bis ins Unendliche zu steigern, das nützliche Heilmittel zur Panazee, zum Allheilmittel zu erheben. So hat man es auch mit der Idee der Organisation gemacht. Jeder Jude hat zwei Naturen, eine innere und eine äußere. Mit der innern Natur sollen die geistigen und seelischen Fakultäten gemeint sein, sofern dieselben' sich ausdrücken in ihrer Beziehung zum nationalen Geiste, zum Leben des Individuums als Teil der jüdischen Nation. Zum Gebiet der äußern Natur gehören die * allgemeinen Eigenschaften des Menschen in ihrer Beziehung zum Gesellschaftsleben und zu den Vorgängen in der Außenwelt. Alle materiellen Beziehungen gehören zu der äußern Natur. Für die Befriedigung der Bedürfnisse der äußern Natur ist jedes Mittel gut, das zum Ziele führt.. Ob individuell oder gemeinschaftlich vorgegangen wird, ob auf irgendeinem Gebiete jeder für sich oder wenige für alle arbeiten, ist an sich nicht wesentlich. In unserm Zeitalter hat sich nun aber , gezeigt, daß auf diesem Gebiete die Idee des Zusammenschlusses, der Organisation und der Machtübertragung (Delegation) sich überaus glücklich bewährt hat. Hüten wir uns aber, diese Idee über die Grenzen ihres eigentlichen Gebietes hinausschreiten zu lassen und sie auch ,auf dem der innern Natur anzuwenden. Daß wir es getan haben, ist unser großer Fehler. Die Anwendung der Organisationsidee in geistigen Angelegenheiten ist gefährlich, denn der Mensch ist so veranlagt, daß er sich nur durch langsame, intensive und ununterbrochene Selbstkultur entwickeln kann. Kein Organisationsapparat kann dem innern Juden in seiner Entwicklung von Nutzen sein. Nationales und geistiges Judentum läßt sich nur von innen heraus, nicht von außen hinein entwickeln. Wenn man den Zionismus nicht als eine Unternehmung mit einem genauen mechanischen und kommerziellen Zweck, sondern als eine breite Strömung im jüdischen Leben auffaßt, so wird man einsehen, daß den Komitees, den Körperschaften, Organisationen und Institutionen zu viel, dem eigentlichen und wahren Zionismus zu wenig l