Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 14 (1910)
- Issue
- 37 (16.9.1910)
- Date
- 1910-09-16
- Page
- – (sequence 15)
- Language
- German
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37 DiE^ELT 899 - er seiner Leitung eines der besten und meistgelesenen jüdischen i Itter Deutschlands wurde. Für die Alliance IsraeJite Universelle, r ren Geschäftsführer er nachher werden sollte, war eT jahrzehnte- .g in aufopferungsvoller, überaus erfolgreicher Weise tätig. Als rsammlungsredner war Klausner unerreicht und gefürchtet; er herrschte alle Register der hinreißenden Begeisterung sowohl e der ätzend scharfen Polemik. Ein beißender Sarkasmus war n eigen, der seine Gegner in der Debatte förmlich vernichtete, ich als Dichter hat sich Klausner hervorgetan. Seine Nach- .htungen der poetischen Teile der Bibel, namentlich derPsalmen, hören zum Besten, was auf diesem Gebiete geschaffen wurde. * * * Über das Leichenbegängnis Klausners wird uns aus Berlin meldet: Heute haben sie seine irdische Hülle zur letzten Ruhe bestattet. . ist ein regnerischer Septembersonntag. Schwer und bleiern mgt das graue Gewölk herab. Trotz des schlechten Wetters zieht ne unübersehbare Menschenmenge nach dem jüdischen Friedhof in /eißensee. Eine endlose Reihe von Droschken und Automobilen ,11t die lange Straße. Stumm und ernst schreitet die Menge in . e Friedhofshalle, in der sie nur zum Teil Platz findet. Viele iunderte bleiben draußen stehen. Nach Verrichtung der vorcschriebenen Gebete besteigt Rabbiner Dr. Eschelbacher das )dium. Mit tränenerstickter Stimme gibt er dem tiefen Schmerze . nd der Trauer der Hinterbliebenen sowohl wie der Berliner Judenheit greifenden Ausdruck. Darauf spricht Rabbiner Dr. Weiße im amen der „Alliance". Er schildert die großen Verdienste des erblichenen um diese Gesellschaft;, seine hingebungsvolle Opfereudigkeit, wenn es galt, das harte Los seiner Brüder zu lindern, in innerstes Mitempfinden mit dem Leidenden, seine glänzende, elfältige Begabung, die er rastlos in den Dienst des Judentums '■stellt hatte. Gesenkten Hauptes steht die Trauergemeinde; die iesichter drücken tiefe Ergriffenheit aus. Dann setzt sich die knge langsam in Bewegung, um sich mit den vor der Halle /artenden zu einem Zuge zu vereinen. Lautes Schluchzen schallt, als der Sarg in die Gruft gesenkt wird. Rabbiner Dr. sch elbacher legt als Erster ein Häuflein Erde darauf. Es Vgen dann die nächsten Angehörigen, die Spitzen der Gemeinde .nd der großen jüdischen Organisationen, sowie viele Vertreter er Literatur und Wissenschaft. Lange währte es, ehe die tausendöpfige Menge in stummer Bewegung den Friedhof verläßt. . . . * * * Von ariderer geschätzten Seite schreibt man uns: M. A. Klausner war ein Mann, der sehr oft, ja zumeist in Jen Reihen unserer Gegner zu finden war, und die Art, wie er ansere Sache und ihre Vertreter, vor allem Herzl und Nordau bekämpft hat, war nicht derartig, wie wir wünschen, daß je ein geistiger Kampf ausgefochten wird; aber das soll und darf uns nicht hindern, es offen auszusprechen, daß dieser Mann einer der begabtesten Leute war, die das Judentum im letzten Jahrhundert hervorgebracht hat.;£ine wahrhaft glänzende, vielseitige, leichte Begabung, ein hervorragendes Schriftsteller- und Rednertalent waren im Verein mit dem kompliziertesten Charakter das Hauptbild an diesem vielgewandten Manne, bei dem ein hoher Idealismus neben Eigenschaften einherging, die diesem Idealismus auszuschließen schienen. Man hat gelegentlich Klausner mit Harden verglichen, und seine Art zu schreiben stand hinter der Hardens nicht zurück. Aber ein himmelweiter Unterschied offenbart sich an der Stelle, wo die Treue zum angestammten Judentum in Frage kam. Klausner ist nicht bloß, wie dieser Herr Witkowski, seinem Stamme nicht untreu geworden, er hat vielmehr zu allen Zeiten ein so reges und lebendiges Interesse am Judentum bekundet, daß er sich nicht zu schämen brauchte, wenn er sich seiner im Judentum gelehrten Vorfahren erinnerte. Der Mann, der ohne eigentliche hebräische Kenntnisse, lediglich infolge von Sprachgefühl und poetischem Schwung schöne Übertragungen biblischer Peesie hinterließ, die allein schon seinen Namen nicht so schnell vergessen lassen werden, hat seit langen Jahren im jüdischen Leben besonders Berlins eine große Rolle gespielt. Daß er in unsern zionistischen Versammlungen als der beredte und geistreiche Gegner mit glänzendem und schlagendem Witz auftrat, ist das Geringste an dieser jüdischen Betätigung. Immerhin hat er, ohne es zu beabsichtigen, die zionistischen Versammlungen dadurch besonders interessant und anziehend gemacht und direkt unserer Bewegung durch seine Gegnerschaft genützt. Aber lange Jahre hindurch war er der nicht gern als solcher anerkannte, aber wirkliche Führer der konservativen Partei in der Gemeinde, der er zum großen Teile seinerzeit zum Siege verholfen hat. Dann aber begann eine besonders fruchtbringende Tätigkeit als Geschäftsführer der deutschen Konferenzgemeinschäft der Alliance, die er von Grund auf mit neuem Leben zu erfüllen begonnen hat Da hat er tatsächlich den langjährigen Stillstand beendet und neues frisches Leben entstehen lassen, so sehr, daß der Hort dieser Stangnation in Paris um den Bestand seiner auf das allmähliche Einschlafen des Judentums, gerichteten Tätigkeit zu fürchten begann. Die letzten Monate sahen eine Krise in der deutschen Konferenzgemeinschaft, in der zwar Klausner zurückzutreten schien, in der aber jeder Unbefangene überzeugt war, daß er erst jetzt seinen Kampf innerhalb der Alliance für die Erhaltung des Judentums aufzunehmen gesonnen war. Die vorsichtige und kluge Abfertigung die er noch in der letzten Woche im „Frankfurter Israelitischen Familenblatt" Salomon Reinach entschieden zuteil werden ließ, zeigte, daß er eben dabei war sich für einen entscheidenden Kampf innerhalb der Alliance vorzubereiten. Mitten in diesen Plänen hat der plötzliche Tod auf der Straße diesem viel bewegten und noch viel Bewegung verheißenden Leben ein Ende gesetzt, das uns erschüttert. Denn man mag zu Klausner gestanden haben, wie man will, man mag sein grimmigster Gegner sein, das muß man erkennen und anerkennen, daß er eine Persönlichkeit war und daß er seinem angestammten Judentum volle Treue und Anhänglichkeit bewiesen hat. In der Geschichte der Berliner jüdischen Gemeinde und der deutschen Konferenzgemeinschaft der Alliance wird der Name Klausners nicht zu löschen sein, aber auch in der zionistischen Geschichte wird er unvergessen bleiben als der geistreichste Gegner, der gegen die entstehende und wachsende Bewegung aufgetreten ist. Er bleibt unvergessen, denn er war eine Persönlichkeit. Ein neuer zionistischer Orden in Amerika Wie das Newyorker Blatt „Das jüdische Volk" mitteilt, hat der „Ahavath-Israel-Orden" in seiner Anfang September in Newyork unter dem Vorsitz des Großmeisters Mr. Louis Morris abgehaltenen Konvention einstimmig beschlossen, das Baseler Programm anzunehmen. Die Konvention, an welcher 300 Delegierte teilnahmen, faßte ihren diesbezüglichen Beschluß unter stürmischen, enthusiastischen Kundgebungen. Sie nahm ferner einen Antrag an, wonach der Großmeister ein Komitee bilden soll, welches sich mit der Federation der amerikanischen Zionisten in Verbindung zu setzen hat. Weiter soll der Großmeister ein Komitee bilden, welches mit allen anderen jüdischen Orden Amerikas zwecks Schaffung eines großen Verbandes verhandeln soll. Brief aus Konstantinopel (Von unserm Berichterstatter) Babylonische Verwirrung Das ottomanische Judentum ist gegenwärtig auf einen moralischen Tiefstand herabgesunken, der sich von allgemeiner Anarchie nur noch wenig unterscheidet. Das Konsistorium ist demissionär, der große Ratskörper steht vor gewaltsamer oder freiwilliger Auflösung, und kein Mensch weiß, was beide ersetzen wird. Die konstituierenden Gesetze der jüdischen Gemeinschaft in der Türkei sind als rückständig, lückenhaft und unhaltbar erkannt, kein Mittel aber in Sicht, sie abzuändern. Die größten Gemeinden des Landes sind in der Rabbinatskrise; zu Jerusalem, das noch nicht befriedigt ist, ist heute schon wieder Saloniki hinzugekommen. Jaffa, Haifa, Safed, Tiberias, Beirut und Damaskus sind ohne Organisation und Leitung. In der Hauptstadt liegt das Schulwesen nach wie vor darnieder. Weder in der Westhälfte des Reiches mit den Türken, noch in der Osthälfte mit den Arabern hat die von Seiten der Juden so ersehnte Annäherung Fortschritte gemacht; im Gegenteil sind die Beziehungen schlechtere geworden. Die Regierung betrachtet nach wie vor die Juden als quantite" negligeable, und ihre Beamtenschaft übt hier und da an ihnen ihre Willkür. Die Judenheit als Ganzes ist weder als Nation noch religiös organisiert, besitzt kein politisches Programm und keine politische Führung. Ihr sozialer Habitus ist unverändert, ökonomisch immer dieselbe niedrige Stufe. Kein einziger Lichtblick. Das ist das Resultat der Schau über die zwei Jahre jüdischer Geschichte unter der türkischen Konstitution. Eine allgemeine Apathie macht sich in den leitenden jüdischen Kreisen bemerkbar, die selbst das Oberhaupt der Nation ergriffen zu haben scheint. Man weiß nicht mehr aus noch ein, und man ist gezwungen, die Richtigkeit aller Kritik, wegen der die nationalgesinnte Presse bisher so angefeindet wurde, heute zuzugeben. Man sucht auch bereits krankhaft u nach den Ursachen der Stagnation, aber man bleibt befangen an Äußerlichkeiten und Persönlichkeiten