Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 14 (1910)
- Issue
- 37 (16.9.1910)
- Date
- 1910-09-16
- Page
- – (sequence 14)
- Language
- German
- Belongs to
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heit zu geben, durch Erweiterung ihrer Bekanntschaften in den Kreisen der einheimischen Familien, die Propagandatätigkeit auf eine weitere Basis zu stellen, als es ihnen allein möglich gewesen wäre. Es dürfte auch in weitern Kreisen nicht genügend bekannt sein, daß sich zu den, sagen wir allgemein beobachteten Hindernissen, die sich unserer Bestrebung entgegenstellen, hier noch ein nicht zu unterschätzendes hinzugesellt: Die Folgen der Erziehung im Geiste des italienischen Liberalismus, welche die heranwachsende jüdische Generation zu eifrigen „Italiani" erzieht, denen es absurd und unbegreiflich erscheint, von einer jüdischen Nation, der auch si e angehören, überhaupt zu sprechen. Jedoch durch unentwegtes und zielbewußtes Vorgehen auf der einmal betretenen Bahn hoffen wir, nach und nach auch über diesen Feind unserer Bewegung triumphieren zu können; unsere Hoffnung hat insofern auch schon eine solidere Basis gewonnen, als es uns tatsächlich gelungen ist, auch aus jenen Kreisen dem Circolo bereits einige Mitglieder zuzuführen. Am 4. September fand ein sehr gelungener Ausflug auf der Adria statt. Das Schiff trug die jüdische Flagge. Kroatien Agram. Schon anfangs Oktober sollen die Neuwahlen für den kroatischenSabor (Landtag) vorgenommen werden. Für diese Wahlen, die zum erstenmal nach der neuen Wahlordnung durchgeführt werden, gibt sich lebhaftes Interesse kund, nachdem das erstemal die breiten Massen des kroatischen Volkes zu Worte kommen werden. Für uns Juden sind die bevorstehenden Wahlen doppelt wichtig. Bei den letzten und vorletzten Wahlen gingen die kroatischen Juden nämlich vollkommen leer aus, hauptsächlich weil sie bedingungslose Anhänger jeder Regierung waren. Im Jahre 1906 trat das letztemal der BankierWeiszmayer in Essegg auf, unterlag aber, weil er Regierungskandidat und Jude war. Diesmal wird die Regierung des Banus TomasiC ebenfalls zwei jüdische Kandidaten aufstellen, und zwar in Hercegovac den Mühlendirektor Leopold Singer und in Pisarovina den Advokaten Dr. Edo Frank. Ersterer, dessen Vater bereits kroatischer Landtagsabgeordneter war, hat Aussicht, gewählt zu werden; doch dürfen wir von seiner Wahl nichts Besonderes für das Judentum erwarten, trotzdem Singer Präsident der Kultusgemeinde in Bjelovar ist. Zum erstenmal wird auch die kroatischserbische Koalition einen jüdischen Kandidaten aufstellen, hauptsächlich um die jüdischen Wähler, die in einigen Bezirken ausschlaggebend sind, für sich zu gewinnen. Die neugegründete christlichsoziale Partei, an deren Spitze der getaufte Jude Dr. Josef Frank steht, fordert die Juden ebenfalls auf, ihr Gefolgschaft zu leisten! Eigene national-jüdische Kandidaturen sind wegen der geringen Zahl der Juden Kroatiens (25Ö00) unmöglich. Auf jeden Fall wäre die Wahl eines bewußten Juden angesichts des überhandnehmenden Antisemitismus lebhaft zu wünschen. Berliner Brief Es ist ein mehrfach erprobtes Mittel, in Zeiten politischer oder sozialer Beklemmungen den Juden als Sündenbock und Blitzableiter für die Massenerregungen zu gebrauchen. Diese altbewährte Methode soll nun auch hierzulande in Anwendung gebracht werden. Die allgemeine politische Lage in Deutschland ist an einem Wendepunkt angelangt. Die gegenwärtigen innerpolitischen Kämpfe und Parteikonstellationen haben nicht bloß vorübergehende Bedeutung. Sie sind von historischer Tragweite. Es wird hier jetzt der Entscheidungskampf ausgetragen zwischen der wirtschaflich und kulturell längst zurückgedrängten Feudalkaste um die sich alle fortschrittsfeindlichen Elemente scharen, und dem modernen, mit der allgemeinen intellektuellen und technischen Entwicklung wachsenden Industrie- und Gewerbestaat. Dieser letzte Kampf konnte nicht ausbleiben. Es ergibt sich als entwicklungsgeschichtliche Notwendigkeit aus der bestehenden Ungleichheit und Disharmonie zwischen der ökonomischen und kulturellen Funktion und der politischen Machtverteilung der beiden Bevölkerungslager. Die Bülowsche Blockpolitik, die „konservativ-liberale Paarung" bedeutete bloß einen Versuch, den Entscheidungskampf hinauszuschieben.. Er konnte aber nicht von Dauererfolg begleitet sein — wie jeder Versuch, den ehernen Gang der Evolution durch künstliche Kombinationen aufzuhalten. Fürst Bülow mußte dieses vergebliche Unternehmen mit seinem Kanzleramt bezahlen — und sein philosophischer Nachfolger von Bethmann-Hollweg, durch die Erfahrungen seines Vorgängers belehrt, läßt den Dingen ihren freien Lauf. Und die Entscheidung naht mit laut vernehmbaren Schritten. Wie sie ausfallen wird — darüber ist niemand mehr im Zweifel. Jede Nachwahl zeigt sie deutlich an. Der übermütigen agrarisch-konservativen Herrschaft in Preußen-Deutschland läutet das Glöcklein ihre letzte Stunde. Diese tiefeingreifende Wandlung im innerpolitischen Leben des Deutschen Reiches ist natürlich auch insbesondere für die deutschen Juden von der allergrößten Bedeutung. Mit der reaktionären Herrschaft steht und fällt auch der politische Antisemitismus; und der Sturm, der jetzt durch die deutschen Lande zieht, fegt die „deutsch-sozialen Hochburgen" eine nach der andern hinweg. Nach dem „Schack-Triole-Wahlkreis — Zschoppau-Marienburg. Und auch die konservative Wunde von Oletzko-Lyck ist noch nicht vernarbt. Die Bedrängnis im agrarisch-konservativ-antisemitischem Lage*, ist groß und verständlich. Wie nun sich Rat schaffen? Von den Kronprinzen- und Kaiserreden scheint man sich da doch nicht allzu viel Erfolg zu versprechen. Das mit der „Sammlung" aller „Staats erhaltenden Parteien" verfängt auch nicht mehr; das „rote Gespenst' hat seine Abschreckungskraft erheblich eingebüßt. Da kam mar auf den famosen Gedanken, eine ganz andere „Sammlungs-Pärole auszugeben. Die Protestanten und Katholiken sollen sich sammeln" — gegen die „Judengefahr". Man muß es dem Schöpfer dieses groß angelegten Planes, dem Töter des unsterblichen Heine, Adolf Bartels, lassen: Als Politiker bewährt er sich bei weitem besser denn als Literaturkritiker. Es ist zwar absurd, von einer „jüdischen Gefahr" und „Judenherrschaft" zu sprechen zu einer Zeit, da die rechtliche Gleichstellung der deutschen, und insbesondere der preußischen Juden mehr denn ja bloß auf dem Papiere steht; da ein Jude im Militär höchstens bis zum Vizefeldwebel „avancieren" kann und die gesamte staatliche Zivilverwaltung absolut „judenrein" ist. Aber in punkto Judentum ist keine Absurdität groß und lächerlich genug, um nicht in weiten Kreisen Zustimmung und Glauben zu finden. Das alte Märchen von der „Judenherrschaft" bleibt immer neu, und die jeht ausgegebene Parole von der „Sammlung der Protestanten und Katholiken gegen die Judengefahr" findet vielfach Anklang. Sie fällt auf günstigen Boden. Denn ist auch der politische Radauantisemitismus in Deutschland im Verschwinden begriffen, so besteht hier doch die gesellschaftliche Abneigung gegen die Juden in ungeminderter Stärke fort, wie sie jüngst auch in der Zurücksetzung jüdischer Medizinalpraktikanten in Britz und Lübeck so deutlich hervorgetreten ist. Nicht nur haben alle Eingaben und Beschwerden jüdischer Organisationen wie des „Zentralvereins deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens" an die höchsten Regierungsebene in dieser Angelegenheit nichts gefruchtet. Auch der deutsche Ärzteverband, der etwa 3000 jüdische Mitglieder zählt und für den es eine Standes- und Ehrenpflicht ist, in diese Affären mit allen ihm zu Gebote stehenden Mitteln einzugreifen, hat es bisher noch nicht für nötig gehalten, zur Sache irgendwie Stellung zu nehmen. In jüdischen Ärztekreisen ist man natürlich darüber sehr ungehalten und fordert mit energischen Worten vom Leipziger Ärzteverband die Verteidigung der jüdischen Berufskollegen. Ob diese Forderung von Erfolg begleitet sein wird? Jedenfalls aber ist die jüdischerseits geführte energische Sprache erfreulich und bezeichnend für die im Verhalten der deutschen Juden erfolgte und immer schärfer hervortretenden Wandlung. Die überwiegende Mehrheit der deutschen Judenheit und ihrer Wortführer ist es nun satt, um die Verwirklichung der den Juden verfassungsmäßig zustehenden Rechte zu bitten und anzuflehen. Sie fordert, verlangt jetzt von Staat und Gesellschaft die volle rechtliche Gleichstellung als die Erfüllung einer elementarsten Pflicht. In dieser Wandlung offenbart sich eine Stärkung des jüdischen Selbstbewußtseins, die in den mannigfachen neuen Organisationsbildungen ihren äußern Ausdruck findet. Die Erkenntnis dringt immer durch, daß die wirksamste Abwehr die Selbstwehr ist und daß in der innern Stärkung des Judentums auch seine Stärke nach außen ruht. Diese Vertiefung und Befestigung der jüdischen Eigenerkenntnis bietet die sicherste Gewähr für das Mißlingen des neuen konservativantisemitischen Versuchs, die allgemeine politische Lage durch eine „Sammlungs"-Parole gegen die Juden zu verwirren und die große Abrechnung, die das deutsche Volk mit der gewissenlosen agrarischantisemitischen Junkerkaste vorzunehmen im Begriffe steht, hintanzuhalten. - M. A. Klausner gestorben Auf tragische Weise ist der bekannte jüdische Schriftsteller und Geschäftsführer der deutschen Konferenzgemeinschaft der Alliance IsraeMite Universelle, M.A.Klausner, jäh aus dem Leben geschieden. Er wurde am 7. d. M. in Berlin beim Verlassen eines Straßenbahnwagens von einer Automobildroschke so unglücklich überfahren, daß er nach einigen Minuten verschied. Klausner war eine der markantesten Persönlichkeiten der deutschen Judenheit, ein Mann von ungewöhnlicher schriftstellerischer, rednerischer und organisatorischer Begabung. Im Jahre 1848 geboren, entfaltete er bereits in seiner Jugend eine überaus vielseitige Tätigkeit. Von 1884 bis 1894 leiteteer den politischen Teil des „Berliner Börsencouriers"; später wandte er sich mehr der Pflege jüdischer Interessen zu und gab die „Israelitische Wochenschrift" heraus, die