Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 14 (1910)
- Issue
- 37 (16.9.1910)
- Date
- 1910-09-16
- Page
- – (sequence 16)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/3315709-3316406-3316443--53692-3347457- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
- Haifa 1× ep/1047930
OCR text
900 DIE3^ELT No. 37 kleben und erkennt nicht die tiefern Gründe. So scheint neuerdings die Parole ausgegeben, für alles Schlimme im ottomanischen Judentum den Mangel an modernen Rabbinern, oder gerader gesprochen, das Rabbinerseminar in Kusgundschuk verantwortlich zu machen. Rabbi Abraham Danon wäre damit als Sündenbock festgestellt, auf den nun aller Unwille sich abladen kann. Das ist ebenso billig als ungerecht. Schuld ist keine Einzelperson, sondern die absolute Ideallosigkeit in den ganzen obern Schichten des ottomanischen Judentums, Ideallosigkeit und Ziellosigkeit. Niemand weiß, was das ottomanische Judentum will. Alle Nationalitäten und Kirchen des Reiches wollen, erstreben etwas, ringen um ein Endziel. Die Juden allein kämpfen um nichts. Sie scheinen nur damit beschäftigt, ihre absolute Willenlosigkeit, ihre Nichtexistenz geradezu manifest zu machen. Seit Beginn der neuen Ära hört man wohl von ihrer Hebung, von dem ewigen „relievemento del judaismo ottomano", aber niemand hat einen Begriff davon, wie sie vorzubereiten, in welcher Form auch nur sie zu denken ist. Man bestaunt die straffe Organisation der Griechen und Bulgaren, beneidet sie um die wunderbare Ausbildung ihres niedern und höhern Schulwesens, aber man kommt nicht dahinter, welche Kräfte diese Resultate ans Licht geführt haben. Man versteht nicht, daß einzig und allein die nationale Begeisterung es war, welche diese Kräfte erzeugte und tagtäglich neu erzeugt. Der nationale Stolz und Ehrgeiz, der hüben und drüben um die Palme ringt und zu außerordentlichen Anstrengungen anstachelt. Das ottomanische Judentum kennt dieses nationale Leben nicht, hat von ihm nicht den Hauch, darum ist es tot, steril, apathisch. Alle Phrasen und Klagen über die jüdische Armut ist Geschwätz. An Kapitalien fehlt es nicht unter den Juden, und alle haben die gleichen, wenn nicht bessere Voraussetzungen für ihre ökonomische Erhebung als die übrigen Nationen. Nur ist es, als ob die Kraftfeder in ihnen zerbrochen sei, die sie zu rüstiger Bewegung bringen kann. Die innere Kraftquelle versiegt, die beispielsweise die Armenier, die doch unter schwererem Drucke lasteten als sie, in den Stand setzte, in einem einzigen Jahrzehnt ihre fast verlorene Muttersprache zu regenerieren, in Herz und Mund des Volkes wieder einzusetzen und zur Grundlage eines ganzen bewunderungswürdigen Erziehungs- und Bildungssystems zu machen. Die Leiter des ottomanischen Judentums kennen nicht diese Kraft und wollen sie nicht kennen. Wo sie ihr begegnen, da suchen sie sie zu unterdrücken. Die nationale Propaganda wird verpönt und verhindert. Damit wird das Erwachen und Aufleben der Volksenergien hintangehalten, damit der Indifferentismus systematisch gezüchtet und die psychische Voraussetzung für jenen unseligen Zustand geschaffen und erhalten, unter dem heute die türkische Judenheit verkommt, ohne Ausblick auf Erhebung. Hier liegt der Fehler; nicht in Personen, sondern in der allgemeinen seelischen Massenverfassung. Und so lange nichts dazu getan wird, diese zu ändern, so lange nicht nationaler Stolz und Idealismus in die Massen der ottomanischen Juden gepflanzt werden, so lange nicht an ihrer Spitze Personen erscheinen, die diese Notwendigkeit begreifen und in Realität umsetzen, so lange wird die türkische Judenheit in ihrem Sumpfe versunken bleiben und als Ganzes einen wahren babylonischen Turm darstellen, wie es, nach des Chachambaschi Worten, die Zustände in Jerusalem im besondern sind. Nationale Renaissance muß die Parole werden! Und alle Schäden und Schande werden verschwinden. Hypothekenbanken in der Türkei Die „Agence Ottomane" publiziert folgendes Kommunique: 1 Auf Veranlassung des türkischen Ministers für Handel und öffentliche Arbeiten hat der Minister des Auswärtigen telegraphisch die türkischen Botschaften in Paris und London angewiesen, durch ein offizielles Kommunique zu erklären, daß die Gesellschaft, welche in London unter dem Namen „Credit Foncier Ottoman Limited" gegründet worden ist, keine Konzession von der ottomanischen Regierung erhalten hat, und daß es ihr nicht gestattet ist, in der Türkei zu arbeiten und Hypothekengeschäfte zu machen. Dieses Kommunique wird veröffentlicht, um das Publikum im Falle eventueller Aufforderungen zur Beteiligung zu warnen. Aus der Provinz In Serras ist ein jüdischer Friedhof von den Stadtbeamten . geschändet worden. Es sollte außerhalb der Stadt ein Spital errichtet werden, und man verfiel just auf den Friedhofplatz. Ohne sich auch nur mit der jüdischen Gemeinde ins Einvernehmen zu setzen, wurden einfach die Leichen ausgegraben, die Grabsteine zerstört und der Platz in einen Bauplatz umgewandelt. Im Jemen werden die Juden immer noch ungesetzlicherweis bedrückt. Sie sind ein Spielball der Gerichte, die sie zur Ab leistung von Zeugenaussagen nicht zulassen. Auf Reklamation de. Chachambaschi hat der Scheik-ükJslam versprochen, die Klage im Ministerrat zu besprechen. Ein jüdischer junger Mann aus Janina, der in der Famiii eines Albanesen in Leskowitz Stellung als Hauslehrer genomme hatte, wurde in der Wohnung desselben ermordet aufgefunden. Ein griechischer Geistlicher in Kavalla, ein weißer Rab unter seinesgleichen, ermahnte in der Predigt, sich in allen Dinge die Juden zum Muster zu nehmen. „Liebet die Juden!" schloß e „nähert euch ihnen, nehmt ihre Eigenschaften an, und ihr werdt so euren nationalen Ruf heben," Palästina Das Postwesen in Palästina und die Juden Bekanntlich gibt es in Jaffa, Jerusalem, Haifa und Bein: außer den türkischen Postämtern auch fremde Postanstalten, um zwar in Jaffa und Jerusalem je ein deutsches, österreichische, französisches und russisches, in Jerusalem auch noch ein italienische Postamt, während sich in Haifa nur eine österreichische, Postanstai neben der einheimischen befindet. Zwischen den einzelnen fremde: Postämtern sowie zwischen diesen und der türkischen Pos herrscht ein dauernder Konkurrenzkampf, und da die Juden um die jüdischen Anstalten die Hauptkunden der Post sind, bemühe! sich sämtliche Postverwaltungen, in erster Reihe den Juden gefällig zu sein und die Gunst der jüdischen Bevölkerung zu erringen. Diesen Zweck suchen die verschiedenen Postverwaltungen zunächs. durch die Anstellung jüdischer Postbeamten zu erreichen. Der Generalinspektor der russischen Postanstalten Syriens und Leite! des Jerusalemer russischen Postamts ist ein Jude, Herr Solomiak. Trotzdem die echtrussische Presse, der der jüdische Postdirektor begreiflicherweise ein Dorn im Auge ist, alljährlich nach Ostern, wenn die russischen Pilger nach Rußland zurückkehren, ein förmliches Kesseltreiben gegen Herrn Solomiak eröffnet und die „Nowoja Wrernja" erst unlängst wieder einen Brandartikel gegen ihn veröffentlicht hat, wagt es die russische Regierung nicht, Herrn Salomiak zu entfernen, weil sie weiß, daß dies den Ruin der russischen Postagenturen in Palästina und Syrien zur Folge haben würde. Der größten Sympathien beim jüdischen Publikum erfreut sich die österreichische Post, da sie nicht nur in sämtlichen Abteilungen jüdische Beamte anstellt, sondern auch alle ihre Bekanntmachungen und Aufschriften hebräisch anfertigen läßt und seit dem Jahre 1908 sogar hebräisch gedruckte Postkarten, Anweisungsformulare und ähnliche Drucksachen herausgibt. Selbst die christlichen Beamten der österreichischen Post lernen hebräisch schreiben und sprechen, um mit den jüdischen Parteien verkehren zu können. Um der jüdischen Bevölkerung entgegenzukommen, befördern die deutschen und österreichischen Postämter sämtliche Postsendungen im Orts- und Nachbarverkehr von Jerusalem und Jaffa völlig unentgeltlich. Auf diese Weise hat Jaffa mit den jüdischen Kolonien in seiner Umgebung einen kostenlosen Postverkehr. Eine Zeit lang wurde in den Kolonien die Einrichtung getroffen, daß eine besondere Briefmarke zugunsten des Jüdischen Nationalfonds hergestellt und den deutschen und österreischischen Postämtern zum Vertrieb übergeben wurde, die den vollen Erlös an den Nationalfonds ablieferten. Die Einrichtung besteht jedoch längst nicht mehr, und die sogenannte „Jüdische Briefmarke" ist zu einer Rarität geworden, die in Philatelisten-Kreisen sehr begehrt und gut bezahlt wird. Aufregung unter den deutschen Kolonisten In der Kolonie Wilhelma herrscht große Beunruhigung infolge des feindseligen Verhaltens der umwohnenden Arabern. Vor einigen Tagen s!nd einige deutsche Kolonisten von Arabern mißhandelt worden. Die Angreifer stießen auch arge Drohungen gegen die ganze Kolonie aus, welche die Ansiedler zu dringlichen Beschwerden in Jaffa und Konstantinopel veranlaßten. Rußland Die Opfer der russischen Pogrome Dieser Tage ist in Rußland ein interessantes Buch erschienen, das sehr wichtige Dokumente und Berichte über die letzten Pogrome enthält. Diesem Buche sind folgende statistische Angaben zu entnehmen: