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Die Welt · 1910-09-16 · 37 (16.9.1910) · page 12

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
14 (1910)
Issue
37 (16.9.1910)
Date
1910-09-16
Page
– (sequence 12)
Language
German
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sprochene Feigheit der jüdischen Führer der Sozialdemokratie, die in Ohnmacht fallen, wenn jemand in ihrer Nähe vom Judentum spricht. Es ist deshalb heute nur nötig mitzuteilen, daß der Referent über diese oben erwähnte Resolution der Wiener (konfessionslose) Jude Dr. Ellenbogen war .... Der neue Kaimakam von Jaffa bei Rabbi Haim Nahum. Auch die Gegner des türkischen Großrabbiners werden nicht umhin können, die Entschlossenheit und Tatkraft in vollem Maße anzuerkennen, mit der er für die Interessen der ottomanischen Judenheit bei der Regierung eintritt. In der Tat muß die wirksame Art, in der der Chacham-Baschi namentlich den Anliegen und Beschwerden unserer palästinensischen Brüder Geltung zu verschaffen weiß, jeden selbstbewußten Juden äußerst wohltuend berühren. Wenn es Rabbi Haim Nahum bisher auch nicht geglückt ist, die verletzende Behandlung jüdischer Palästinareisender, die Schmach des „roten Zettels" völlig zu beseitigen, weil seine Kompetenz sich eben nicht auf ausländische Juden erstreckt, so hat er gleichwohl zur Hebung des Ansehens unserer Volksgenossen in Palästina sehr wesentlich beigetragen, ihre Interessen in vielfacher Hinsicht gefördert. Einen unzweifelhaft großen und bedeutsamen Erfolg hat er erst dieser Tage wieder errungen, als auf seine Vorstellung hin der Statthalter von Jaffa, der sich vermessen hatte, die jüdische Bevölkerung öffentlich zu beschimpfen, vom Minister des Innern seines Amtes enthoben wurde. Daß derartige judenfeindliche Ausfälle seitens hoher Regierungsbeamten sich nicht mehr wiederholen werden und daß speziell in Palästina die Behörden fortan auf die jüdische Bewohnerschaft die weitgehendste Rücksicht werden nehmen müssen, dafür bürgt eine überaus erfreuliche Kunde, die uns aus Konstantinopel zukommt. Der, wie bereits gemeldet, zum neuen Kaimakam von Jaffa ernannte frühere Stadthalter in Alexandrette, Halil Bey, hat nämlich vom Minister des Innern Talaat-Bey Auftrag erhalten, ehe er sich auf seinen neuen Posten begebe, dem Großrabbiner Haim Nahum einen Besuch abzustatten, um herzliche Beziehungen zum offiziellen Vertreter der ottomanischen Juden anzuknüpfen und dessen Informationen über die Wünsche der Judenheit der Jaffaer Kasa entgegenzunehmen, Halil Bey sprach bei Gelegenheit dieses Besuches dem Großrabbiner seine Bereitwilligkeit aus, der jüdischen Bevölkerung seines künftigen Arntsgebiets in jeder Beziehung entgegenznkommen und vornehmlich die Interessen der Kolonisten nach Möglichkeit zu fördern. Er sei, ebenso wie die Zentralregierung, von dem großen Nutzen, den die Juden Palästinas dem Reiche bringen, tief durchdrungen und nehme an ihrer Lage lebhaften Anteil. — Wie wohltätig dieses bedeutsame Ereignis auf die Stellung und das Prestige unserer palästinensischen Kolonien bei ihrer vielfach gewalttätigen arabischen Nachbarschaft einwirken wird, läßt sich leicht ermessen, und man wird nicht fehlgehen, wenn man sich von dem Besuche des neuen Jaffaer Kaimakams beim türkischen Großrabbiner eine erhebliche Besserung in den Sicherheitszuständen der jüdischen Kolonien Palästinas verspricht. Die Aussichten der russischen Wohnrechts vorläge. Die russische Regierung scheint zu glauben, daß es ihr gelingen wird, die nunmehr von der öffentlichen Meinung des ganzen Landes als unabweisbar anerkannte Förderung nach Abschaffung der Wohnrechtsbeschränkungen, diese gebieterische Forderung primitivster Menschlichkeit und elementarster Staatsräson, die selbst von der Oktobristenpartei und einem großen Teil der ausgesprochen judenfeindlichen Presse unterstützt wird, durch geringfügige Konzessiönchen aus der Welt zu schaffen. Angesichts der bevorstehenden Dumadebatte über diese nicht nur für die Juden, sondern für das gesamte russische Wirtschaftsleben hochbedeutsame Frage hat sich der Ministerrat dazu aufgerafft, ganze acht Dörfer innerhalb des Ansiedlungsrayons den Juden zu öffnen. Diese befreiende Tat soll als Beweis dafür dienen,.daß das Kabinett des Herrn Stolypin aus eigenem Antrieb die Judenfrage „stufenweise" lösen will, daß somit jede parlamentarische und anderweitige Aktion nach dieser Richtung hin überflüssig sei. Mau darf demnach auf das Schicksal der von 160 Dumaabgeordneten verschiedener Parteien unterzeichneten Vorlage wegen Abschaffung des Ansiedlungsrayons mit Recht gespannt sein. So wenig man sich einer Illusion darüber hingeben kann, daß die Annahme dieser Vorlage etwa die Lage der russischen Juden mit einem Schlage radikal umgestalten wird, so ist die Hoffnung doch nicht unbegründet, daß mit der Aufhebung der Wohnrechtsbeschränkungen unsern Brüdern im Zarenreiche gewissermaßen der archimedische Punkt gegeben wäre, von dem aus sie die Erringung ihrer Vollberechtigung in Angriff nehmen könnten. Und es darf nicht übersehen werden, daß das nationalkulturelle Bewußtsein der russischen Judenheit denn doch zu sehr entwickelt, ihr nationales Gewissen durch die Kämpfe und Enttäuschungen der jüngsten Revolutionszeit zu sehr geschärft ist, als das man befürchten müßte, der Kampf um die bürgerliche Gleichstellung könnte bei ihnen dieselben verhängnisvollen Begleiterscheinungen zeitigen, die im Westen zur Entjudung unserer weitesten Volkskreise geführt haben. Auch für die Zukunft der zionistischen Bewegung in Rußland könnte es nur von höchstem Vorteil sein, wenn durch die Beseitigung der unheilvollen Tscherta unermeßliche potenzielle Energiemengen des russischen Judentums den Weg ins Freie fänden. Tolmatschew kontra Ehrlich. „Tragisches Tingeltangel" nennt Gorki in seinem letzten Drama die heutige russische Gesellschaft. Wenn man aber all die Nachrichten übersieht und aneinanderreiht, die aus Rußland kommen, so kann man Gorkis Bezeichnung nicht für ganz richtig gelten lassen. Denn Rußland und das, was sich in diesem Staate vollzieht, ist nicht einem Brettl, noch weniger einem Drama zu vergleichen. Es ist ein durcheinanderwirbelndes Karoussel von Wahnsinnigen. Wie anders könnte man es denn verstehen, daß ein russischer Gouverneur, der schon berühmt gewordene General Tolmatschew, die Anwendung des Ehrlich-Hataschen Präparates in den Spitälern von Odessa untersagt hat. Begründung: Jüdische Erfindungen sind nur Scharlatanerien! Dieser Tolmatschew ist derselbe Beamte, der die Cholera in Odessa zur Blüte gebracht hat-und jetzt der Bubonenpest seinen hohen Schutz angedeihen läßt. Es ist dies derselbe Beamte, der den Juden von Chorol die Kühe von der Weide treiben ließ, weil sie die Prozentnorm überschreiten. Von solchen Beamten wird Rußland regiert! Der Sachverhalt dieses unerhörten Verbotes wird von den russischen Zeitungen folgendermaßen geschildert: Versuche mit dem von Ehrlich entdeckten Heilmittel werden in Odessa schon seit langem mit Erfolg gemacht. Als nun im städtischen Krankenhause der Arzt, der die Abteilung für Syphilitiker leitet, diese Versuche ebenfalls anstellen wollte, mußte er sich vorschriftsmäßig an den Oberarzt wenden. Dieser wollte die Verantwortung nicht auf sich nehmen und wandte sich seinerseits ans Sanitätsamt. Unter der strengen Odessaer Knute wollte auch das Sanitätsamt keinen Entschluß fassen und nahm die Kompetenz des hochmögenden Generals Tolmatschew in Anspruch. Erst dieser, tapfer und entschlossen wie immer, traf auf Grund seiner allseitigen Sachkenntnis die Entscheidung, daß das Ehrlich-Präparat eine jüdische Scharlatanerie sei, weswegen man keine Versuche mit dem Teufelsding machen solle. So blieb das große Odessaer städtische Krankenhaus, das dem Verwaltungstalent des sachkundigen Stadthauptmanns unterstellt ist, ohne Experimente mit dem Heilmittel „606". Wenn der Zar reist. In der vergangenen Woche hat die Frankfurter Polizei abermals Ausweisungen jüdischer Artisten vorgenommen. Auch in diesen neuerlichen Fällen liegt gegen die Gemaßregelten kein anderer Grund vor, als daß sie eben aus Rußland stammende Juden sind. Dem zurzeit in Frankfurt gastierenden jüdischen Theater wurde verboten, andere als religiöse Stücke auf-

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