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Die Welt · 1910-09-16 · 37 (16.9.1910) · page 10

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
14 (1910)
Issue
37 (16.9.1910)
Date
1910-09-16
Page
– (sequence 10)
Language
German
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gegen zersplitternde, isolierende Strömungen errichtet werde, die von außen her die nationalen Bestrebungen des Judentums bedrohen. In den zionistischen Ortsgruppen sind es leider immer nur einige wenige, auf deren Schultern der Zionismus verläßlich ruhe und die die Garantie dafür bieten, daß das Werk gedeihe. Eine Tagespolitik wie andere Parteien habe der Zionismus nicht. Dafür sei aher der Zionismus eine unabhängige Macht. Denn am letzten Ende sei es die Kraft des Gemütes, die Kraft der Idee, die dem Judentum zum sichern Siege verhelfen werde. Zum Schluß seiner Ausführungen empfahl der Redner namens des Zentralkomitees dem Delegiertentag folgende beiden Thesen zur Annahme: Der Delegiertentag ist der Ansicht, daß der nationale Charakter unserer Bewegung in der Agitation unzweideutig betont werden müsse; insbesondere soll entscheidendes Gewicht auf den prinzipiell en Unterschied zwischen dem Zionismus, als der jüdischen Volksbewegung, und allen andern jüdischen Organisationen gelegt werden. Der Delegierten tag erblickt in den Gruppen verbänden die zuverlässigste Grundlage für eine systematische Agitation. Er beschließt daher, die Organisierung von Gruppenverbänden überall durchzuführen, und macht es den Ortsgruppen zur Pflicht, sich dein Gruppenverband ihres Bezirks anzuschließen. In der Debatte wies Dr. Moses-Mannheim darauf hin, daß die Propaganda einzelner Zionisten in nichtzionistischen Organisationen so gut wie erfolglos geblieben sei. Es sei dadurch viel Kraft unnötig verbraucht worden. Der Zionismus könne nur durch Feine eigene Agitation Fortschritte machen. Dr. Heymann-Berlin trat dafür ein, in religiöser Beziehung jeden nach seiner Fasson selig werden zu lassen, aber auch in allen Organisationen, die außerhalb des Zionismus stehen, für diesen tätig zu sein. ■ Dr. Strauß-München empfahl eine bessere jüdisch-nationale Er/.iehung von Kindheit an, Parteisekretär Blumenfeld die Gründung zionistischer Fortbildungsschulen. Der Antrag Blumenfeld wurde sodann einstimmig angenommen. Als Mitglied der Finanzkommission verlas Dr. Heymann- Borlin einen Antrag über die Änderung der Beitragsleistung, der nach einer äußerst lebhaften Debatte mit 49 gegen 18 Stimmen zur Annahme gelangte. Danach können an den Verhandlungen nur die von den Ortsgruppen gewählten Delegierten teilnehmen. Das Wahlrecht zum Delegiertentag ist abhängig ven der Zahlung des Landesbeitrages. Jede Ortsgruppe wählt einen Delegierten, Ortsgruppen von mehr als 50 Mitgliedern zwei Delegierte, Ortsgruppen von mehr als 100 einen Delegierten für jedes angefangene weitere Hundert. Der Landesbeitrag beträgt mindestens fünf Mark für nicht in den Ortsgruppen organisierte Zionisten, für Mitglieder von Ortsgruppen wenigstens eine Mark. Die Gruppenverbände bzw. Ortsgruppen sind verpflichtet, für jedes Mitglied den Landesbeitrag in Höhe von einer Mark und eine Abgabe von zwei Mark pro Kopf an die Landesorganisation abzuführen. Ebenfalls angenommen wurde der Antrag über die Beziehungen zur Misrachi-Fö derati on. Der Dolegiertentag nahm hierauf die Neuwahlen für den geschäftsführenden Ausschuß und das Zentralkomitee vor. Zum Vorsitzenden wurde Dr. Hautke-Berlin gewählt. Außer ihm bilden den geschäftsführenden Ausschuß die Herren Dr. Friedemann, Rechtsanwalt Grone mann, Dr. Hey mann und Maler Piermann Struck. In das Zentralkomitee wurden gewählt die Herren: Dr. Bodenheimer-Küln, Blumenfeld-Berlin, A. Wiener-Kattowitz, Dr. Moses-Mannheim, Julius Simon- Mannheim, Wollsteiner-Berlin, Dr. Kai m u s-Hamburg, Hugo Schachte 1-Breslau, Dr. Köllen seh er-Posen, Dr. Jeremias-Posen, Sondheimer-Frankfurt, Lichtheim-Berlin, Dr. Ascher-Dessau, Dr. Stein-Königsberg, Dr. Leszynski-Berlin, Leo Motzkin-Berlin. Dr. Hantke ergreift sodann das Wort und dankt dem Delegiertentage für die ehrenvolle Wahl zum Vorsitzenden. Er gedenkt in warmen Worten der großen Bedeutung Dr. Bodenheimers für die zionistische Vereinigung Deutschlands die als Ausdruck ihrer Dankbarkeit und Anerkennung beschlossen hat, auf den Namen Dr. Bodenheimers einen Olbaiimwald in Palästina zu pflanzen. Dr. Boden heim e r (mit brausendem Beifall begrüßt) dankt dem Delegiertentage für die ihm erwiesenen Ehrungen. Er werde auch jetzt nicht aufhören, seine gauze Kraft für die zionistische Sache einsetzen, die ihm Ziel und Eichtschnur seines Lebens geworden sei. Er dankt sodann der Frankfurter Ortsgruppe für ihre glänzende Vorbereitung des Delegiertentags, und dankt auch den Vertretern der Presse für ihre unermüdliche Arbeit. Mit den Wünschen reicher Erfolge für die Zuhunft schließt er den 12. Delegiertentag. Die Delegierten stimmen die „Hatikwah" an. Die öffentliche Versammlung Im großen Saal des Kaufmännischen Vereins fand Montagabend eine öffentliche Versammlung statt. Der Raum war bis aufs letzte Plätzchen gefüllt. .Rechtsanwalt Dr. Schwarzschild eröffnete die Versammlung mit einer kurzen Ansprache. Der erste Redner, Dr. Hantke, betonte, daß der Zionismus die Errungenschaften der modernen Zeit festhalten wolle, denn er sei keine reaktionäre konfessionelle Partei. Da aber nur ein bodenständiges- Volk die Achtung der übrigen Völker beanspruchen kann, fuhr er fort, müssen wir für unsere zwölf Millionen Menschen, für unsere geistige Kultur, für die Erhaltung des Judentums in der Freiheit auf der Grundlage unserer alten Stammesgemeinschaft und im Vertrauen auf die Zukunft des jüdischen Volkes eine neue Heimstätte im Lande unserer Väter schaffen. Wir wollen nicht zerstören, wir wollen aufbauen. Rechtsanwalt Dr. Bodenheimer erinnert an die scharfe Bekämpfung des Zionismus gerade durch andersgesinnte Juden. Wir haben alle Juden, die uns aus politischen oder religiösen Gründen bekämpften, nicht als unsere Feinde angesehen, da wir auch für sie kämpfen und hoffen, daß sie später noch ziv uns kommen. Unsere Feinde sind aber jene, die das Judentum für sich oder durch die Taufe ihrer Kinder verraten haben. Dem Zionismus wird vorgeworfen, er übe eine zersetzende Wirkung aus. Gewiß! Ich akzeptiere den Ausdruck! Ja, der Zionismus übt eine zersetzende Wirkung aus, er ist bestrebt, alles Ungesunde aus dem Judentum auszuscheiden, um ein gesundes kräftiges Volk für die Kämpfe der Zukunft zu schaffen. Wenn erst der große Tag kommt, an dem die Sonne des Zionismus hell erstrahlen wird über dem Lande unserer Väter, dann wird auch die Orthodoxie erleuchtet werden, und alle jene Vereinigungen, die jetzt Seite an Seite mit uns kämpfen sollten, werden bedauern, es unterlassen zu haben. Prof. Dr. Otto Warburg schildert die Verhältnisse Palästinas, das sich am besten mit Sizilien vergleichen lasse. Während aber Sizilien S1/« Millionen Einwohner hat, hat Pallistina nur 6 bis 700 000 Einwohner. Dabei hat Sizilien , heute noch lange nicht die Höhe seiner kulturellen Entwicklung erreicht. Palästina könnte also noch drei Millionen Einwohner aufnehmen. So viele Juden dahin zu verpflanzen, daran denken wir nicht. Es genügt, einige Hunderttausend Juden dort anzusiedeln. Dann wird die natürliche Entwicklung schon das Ihrige tun. Bedenken bestehen gegen die Eignung der Juden zu schwerer Arbeit. Die Beschäftigung der Juden in Rußland und im Orient widerlegt diesen Einwand. Dort leisten die Juden dieselbe schwere Arbeit wie unsere deutschen Arbeiter. Auch im Ackerbau haben sich die jüdischen Kolonisten in Palästina bewährt. Die langsame Entwicklung der Kolonisation hängt mit den politischen Verhältnissen in der Türkei zusammen. Wir hoffen aber, daß es unter der neuen Regierung rascher vorwärtsgeht. Arbeitkräfte gibt der Osten, Organisation und Kapital muß der Westen liefern. Wenn jeder Jude seine Schuldigkeit tut, muß das Werk gelingen, denn Palästina ist ein Gartenland, wie es ein besseres am ganzen Mittelmeer nicht gibt. Deshalb helfen Sie uns alle bei unserer Arbeit, damit uns unser Werk gelinge. Dr. Mose s-Mannheim ruft die jüdische Jugend zur Mitarbeit auf und preist den Zionismus als Befreier und Erzieher für die Jugend. Wir wollen diese nicht zu Asketen heranziehen, meint der Redner, aber wir wollen, daß sie den großen Aufgaben gewachsen ist, die der Zionismus an sie stellen muß. Von unserer Jugend muß das Wort gelten: „Während sie zu spielen scheinen, dienen sie ihrem Volke." Wir wollen aus der Jugend volle Persönlichkeiten machen, hochstrebend in ihrem Idealismus. Julius Simon-Mannheim zieht einen Vergleich zwischen dem Judentum des Ostens und Westens und meint, wenn die westlichen Juden ihr Judentum Avahren wollten, dann müßten sie Sinn und Herz wieder mehr dem Judentum des Ostens nähern. Bei diesen ist das Gemeinschaftsgefühl noch besser entwickelt als bei uns. Mit ihnen vereint gelte es, für die Erlösung zu arbeiten. Dr. Franz Oppen he im er verbreitet sich über die Parteiungen im Zionismus. Es gebe allerdings auch im Judentum Reaktionäre, aber die Bedrängung durch Jahrhunderte hindurch habe dafür g-esorgt, daß alles, was nicht Rebellenblut in sich hatte, vom Judentum abfiel. Die aber mit Rebellenblut blieben im Judentum, und durch diese natürliche Zuchtwahl ist für den demokratischen Zug im Judentum und also auch im Zionismus gesorgt. Etwas spricht für die Zukunft des Judentums. 2600 Jahre war das Hebräische eine tote Sprache, jetzt ist sie in Palästina wieder lebendig geworden. Das ist eines der größten Wunder in der Weltgeschichte und läßt die Hoffnung berechtigt

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