Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 14 (1910)
- Issue
- 37 (16.9.1910)
- Date
- 1910-09-16
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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no. 37 -— die; nur zu schaffen durch eine Organisation der Landarbeiter. Diese sind aber bisher noch nicht organisiert. Die Gründe liegen zum Teil im Mangel an Bildung unter den Landarbeitern,^ zum Teil aber in der Macht der Grundbesitzer. Die Landarbeiter können nur in der Produktivgenossensehaft organisiert werden. Bisher aber sind all diese mißlungen aus den verschiedensten Gründen. Eine industrielle Produktivgenossenschaft kann nicht glücken. Daraus folgerte man, daß auch landwirtschaftliche Genossenschaften unbedingt mißlingen mußten. Diese aber haben immer geglückt. Es gab eigentlich nur eine wirkliche landwirtschaftliche Genossenschaft, diejenige in Irland, deren Entstehung und Geschichte der Redner skizzierte. Es entsteht die Frage: Warum mißlingen die industriellen Genossenschaften, während landwirtschaftliche glücken? Der Grund dieser Tatsache ist in dem Gegensatz zwischen dem feindlichen Wettkampf und dem friedlichen Wettbewerb zu suchen. Im friedlichen Wettbewerb stellen die Käufer, d. h. sie teilen ihre Einkaufsquellen und ihre geschäftlichen Vorteile einander mit. Die Verkäufer jedoch halten alle Geschäftsvorteile streng vor einander geheim, was Dr. Oppenheimer als den feindlichen Wettkampf, bezeichnet. Die Landwirte nun stehen im friedlichen Wettbewerb zu einander, die Kaufleute jedoch im feindlichen Wettkampfe. Aus dieser Tatsache ist die Frage zu beantworten, mithin folgt daraus, daß während industrielle Genossenschaften immer zugrunde gehen, die landwirtschaftlichen Genossenschaften unbedingt gelingen müssen. Dr. Oppenheimer geht nun auf die nähern Details der zu gründenden Siedlungsgenossenschaft in Palästina ein, die er bereits in verschiedenen Aufsätzen in der „Welt" und in andern Zeitschriften dargestellt hat. Er betont besonders, daß die Genossenschaft nicht eine Knebelung, sondern eine Vollendung der Individualität bedeute, daß sie ferner nicht zur Kleinkolonisation, sondern zu einer großzügigen Großkolonisation führen werde. Mit seinem überaus eindrucksvollen und mächtigen Appell zur Unterstützung seines Projekts schließt der Rodner seine mit brausendem Beifall aufgenommene Rede. Nachmittags-Sit'zung Vizepräsident Gronemann eröffnet die Sitzung mit Verlesung der zahlreichen eingegangenen Glückwunsch- und Begrüßungstelegramme, insbesondere liegen Schreihen der westösterreichischen Landesorganisation, des niederländischen Zionistenbundes und der Schweizer zionistischen Vereinigung vor. Es folgte dann der Finanzbericht des Herrn Dr. Hans G. Hey mann, der den vorgelegten Etat besprach und um dessen Be willigung ersuchte. Er beantragte die Erhöhung des Jahresbeitrages auf 3 Mk. und schlug endlich folgende Resolution vor: „Der Delegiertentag macht es sämtlichen der deutschen Landesorganisation angehörigen Gesinnungsgenossen zur moralischen Pflicht, gemäß ihrem Einkommen und ihrem Vermögen Jahresbeiträge für die deutsche Landesorganisation beizusteuern." Sodann erstattete Herr Lichtheim den Bericht der Nationalfonds-Kommission. In der nun folgenden Generaldebatte ergreift, mit Beifall begrüßt, Dr. Loewo-Berlin das Wort. Einleitend weist der Redner auf die große Bedeutung des Herrn Dr. Boden he im er für die zionistische Bewegung Deutschlands hin. Daraufhin geht er zur Kritik des Geschäftsberichts über. Er schlägt vor allem eine Palästina-Ausstellung vor, da man durch die Vorführung von Bildern aus Palästina sich eine große Wirkung auf das jüdische Publikum Deutschlands verspricht. Er wendet sich im weitern Verlauf seiner Rede gegen den Vorschlag, den Landesbeitrag von 1 Mk. auf 3 Mk. zu erhöhen, da dies im höchsten Grade undemokratisch sei. In kultureller Beziehung wird sehr wenig geleistet. Es mangelt oft an jüdischen Kenntnissen, selbst bei den Führern. Er weist besonders auf die mächtig aufblühende Organisation der hebräischen Sprache und Kultur hin, die die Zionisten Deutschlands nachdrücklich unterstützen müssen. Auch der soeben in Gründung begriffene hebräische Verlag „Tchiah" müsse die Unterstützung seitens aller Zionisten erfahren. In unserer Zeit vollzieht sich die Hobräisierung der östlichen Juden. In diesem bedeutungsvollen Prozesse dürfen die deutschen Juden nicht beiseite stehen, sondern müssen tatkräftigst eingreifen in die Hebung der hebräischen Sprache und Kultur. Goi tein -Frankfurt erklärte seine Zustimmung zu dem Arbeitsprogramm des geschäftsführenden Ausschusses und beantragte die Erteilung der Decharge. Er wünscht die mögliehst schleunige Durchführung der Siedlungsgenossenschaft nach den Ideen Dr. Oppenheimers. Mit Herrn Dr. Loewe ist er insoweit einverstanden, als auch er die Verbreitung der hebräischen Sprache ^ELT . 893 unter den Juden für notwendig erachtet, Mit den Finanzarbeiten des geschäftsführenden Aasschusses ist Redner einverstanden. Dr. Stahl-Beuthen ist mit der Art der Agitation nicht einverstanden und tadelt die mangelhafte Organisation der deutschen Landsmannschaft auf den Kongressen. Er fordert, daß in Zukunft das Zentralkomitee die Führung der deutschen Kongreßdelegierton übernimmt, bis diese selbst sich einen Präsidenten für die Dauer des Kongresses aus ihrer Mitte gewählt haben. Zur Vertiefung der Kenntnisse innerhalb der Partei hält er die Einführung von Fortbildungskursen für notwendig. Barth, Berlin, ist gegen Erhöhung der Landesbeiträge. Er wünscht, daß das Wahlrecht nur denjenigen gewährt wird, welche in beiden Jahren einer Kongreßperiode den Landesbeitrag gezahlt haben. Eedner bittet schließlich Herrn Professor Warburg um Aufklärung über den Passus seiner auf dem Hamburger Kongreß gehaltenen Rede, die unter den gesetzestreuen Mitgliedern der zionistischen Partei eine gewisse Beunruhigung hervorgerufen hat. Professor War bürg gibt die Erklärung ab, er habe es allerdings abgelehnt, Garantien für die Beobachtung aller religiösen Vorschriften für die Zukunft zu geben; er habe dies aber nur getan, weil er es in einer Bewegung, die jährlich durch Wahlen neue Leitung zu wählen berechtigt ist, für unmöglich halte, eine Garantie für spätere Parteileitung abzugeben. Selbstverständlich ist auch er für die peinliche Durchführung der nach dieser Eichtling auf den Zionistenkongressen abgegebenen Erklärungen. Soweit dies möglich ist, habe er bei der Gründung aller unserer Institutionen für die Gewährung dieser Garantien Sorge getragen. Dr. Oppenheimer-Berliu betont, daß die zionistische Partei an ihn herangetreten sei und er nicht an sie. Selbstverständlich meinte or damit nur, daß die zionistische Partei wegen der Durchführung der Idee der Siedlungsgenossenschaft an ihn herangetreten ist, und er nicht an sie als Projektenmacher. Im übrigen nahm er gerne die Gelegenheit wahr, zu erklären, daß er sich Jahr für Jahr mehr zur zionistischen Idee hin entwickelt hat. Greif enh agon - Stettin verlangt, daß der Parteisekretär eine mehr offizielle Stellung erhält und Mitglied des Zentralkomitees wird. Lichtheiin-Berlin tritt für die Durchführung des Finanzprogramms, das der geschäftsführende Ausschuß vorgelegt hat, ein. Dr. II ey mann-Berlin legt nochmals in eingehenden Ausführungen das Finanzprogramm dos geschäftsführenden Ausschusses vor und verlangt dessen volle Durchführung, da nur so eine Ordnung unserer finanziellen Verhältnisse möglich sei. (Die sehr eindringlichen und temperamentvollen Ausführungen des Eedners erweckten allgemeinen Beifall.) Scherek-Posen verlangt eine Belebung der Agitation und richtet wegen der Scbmittah-Angeleg-enheit eine Anfrage an die anwesenden Misrachisten. Wiener-Kattowitz fordert zur Finanzfrage die Haftung der Ortsgruppen für die Landesbeiträge ihrer Mitglieder und schließt sich der Anfrage des Herrn Scherek an. Rechtsanwalt David-Hamburg spricht sich gegen dio Erhöhung der Landesbeiträge aus und vortritt die Resolution der 0rtsgr uppe Hamburg-Altona. Dr. Gottlieb-Frankfurt tritt im Gegensatz hierzu für die Anträge des geschäftsführenden Ausschusses in der Finanzfr age ein. Struck-Berlin berichtet auf die Anfragen der Herren Scherek und Wiener, daß der Misrachi in der Schmittah-Angelegenheit vermittelnd eingegriffen habe und alles, was in seinen Kräften stand, versucht, um die Interessen der Kolonisten zu wahren. Damit schließt die Generaldebatte. Dem geschäftsführenden Ausschusse wird einstimmig Decharge erteilt. Dio Finanzanträge werden einer fünfglieclrigen Kommission zugewiesen. Zweiter Tag, 12. September. Die Beratungen eröffnete Parteisekretär Blumenfeld mit einem Referat über die „Zionistischen Agitationsmethoden". Die Beg-eisterung, die erfreulicherweise gegenwärtig die zionistischen Vereinigungen erfülle, müsse in das gesamte deutsche Judentum verpflanzt werden. Ein starkes „Palästinabewußtsein", das erwacht und zum großen Teil ein Erfolg der Agitation sei, müsse man stärken und fördern. Die 7000 deutschen Zionisten müßten mehr und mehr zu der Kraft des Wollens und des Erkeimens geführt werden, damit sich ihnen der wahre Zionismus offenbare und in ihnen ein starker Damin