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Die Welt · 1910-09-16 · 37 (16.9.1910) · page 8

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
14 (1910)
Issue
37 (16.9.1910)
Date
1910-09-16
Page
– (sequence 8)
Language
German
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finden jüdische Arbeiter Beschäftigung und werden schließlich selbständig gemacht. Eine glänzende Entwicklung hat der Verein Ölbaumspende genommen, der jetzt schon im Begriffe steht, den dritten Ölbaumwald auf Ländereien des Nationalfonds zu bepflanzen. Die Überschüsse dieser Pflanzungen sollen später kulturellen Zwecken in Palästina dienen. Ferner existiert jetzt eine Lehrfarm am Tiberiassee, wo 40 jüdische Arbeiter ihre Vorbildung erhalten; vor allem aber ist jetzt eine landwirtschaftliche Versuchsstation in Gründung begriffen, die, von zionistischer Seite angeregt, jetzt durch amerikanische Philanthropen finanziell gesichert ist. Die Grundlage für die palästinensische Landwirtschaft ist also geschaffen. Es handelt sich jetzt um den Ausbau, und zwar vor allem um die Entwicklung der Parzellierungsgesellschaft der Development Company. Sobald die Gesetze es erlauben, wird auch an die Schaffung einer Agrarkredit-Gesellschaft herangegangen werden. Eine Vorsubskription für dieselbe hat schon große Erfolge gezeitigt. Auch die städtische Entwicklung wird durch verschiedene Institutionen gefördert, so hat z. B. eine Gesellschaft kürzlich in Jaffa ein vornehmes jüdisches Viertel geschaffen, und die Terraingesellschaft Palästina beschäftigt sich mit Parzellierung städtischer Terrains. Der Handel wird durch die Anglo Palestine Company welche an allen größern Plätzen Filialen errichtet hat, gefördert, das Gewerbe durch die Kunstgewerbeschule Bezalel, welche Knüpfteppiche, Damaskus-Metallarbeiten, Silber-Filigranarbeiten, Holzschnitzereien, Kunstkorbflechtereien und Lithographie eingeführt hat. Auch der Frauenverband für Kulturarbeit inPalästina hilft hierbei durch Einführung der Spitzenfabrikation, während für die Großindustrie ein Palästina-Industriesyndikai gegründet wurde, welches verschiedene industrielle Projekte studiert. Für die kulturelle Entwicklung arbeiten vorläufig andere Institutionen, mit besonders großem Erfolg der Hilfsverein der deutschen Juden und wenn auch teilweise noch mit veralteten Methoden die Alliance Israelite. Die Aufgabe der völkisch fühlenden Juden ist es, vor allem für die allgemeine Einführung des Hebräischen als Umgangs- und Schulsprache zu sorgen, was in den Kolonien auch schon gelungen ist. Ferner haben sie dafür zu" agitieren, daß die Einwanderer möglichst bald die ottomanische Untertanenschaft annehmen. Die türkische Regierung steht der Einwanderung der Juden nach der Türkei sympathisch gegenüber, da sie weiß, daß sie von den Juden politische Schwierigkeiten nie zu befürchten haben wird. Auch die Zionisten, welche von ihren Feinden insofern verleumdet werden, als letztere behaupten, sie strebten nach einem unabhängigen Staate in Palästina, haben deutlich und absichtlich seit dem Beginn der Bewegung in ihrem Programm ausgedrückt, daß sie keinen Staat, sondern nur eine öffentlich rechtlich gesicherte Heimstätte für das jüdische Volk erstreben. Ist ein Kleinstaat an sich in der Jetztzeit schon ein Unglück, so ist er es erst recht, wenn er nicht über die Grundlage einer Industrie verfügt, wie dies bei Palästina der Fall ist. Ob eine lokale Autonomie Palästinas zu erstreben ist, ist eine ganz andere Frage, die nur im Gesamtrahmen der Entwicklung des ottomanischen Reiches zu lösen ist. Daß solche Möglichkeiten existieren, zeigen Länder wie Amerika, die Schweiz, Deutschland und Österreich, und selbst die Türkei besitzt ja einige Gebiete mit lokaler Autonomie. Die türkische Politik verlangt aber sogar gebieterisch die Förderung der jüdischen Kolonisation, da sie einerseits nicht imstande ist> ihre gewaltigen menschenleeren Gebiete mit Mohammedanern zu bevölkern und christliche Einwanderung ihr gewiß nicht genehm ist, da aber anderseits ein arabischer Nationalismus, der sich schon jetzt zu entwickeln beginnt, für die Einheit des ottornanischen Reiches überaus gefährlich ist, zumal sich die Araber nicht nur mit Erlangung einer Autonomie begnügen würden, sondern naturgemäß auch die Erlangung des Kalifates erstreben müßten. Daß eine starke jüdische Bevölkerang sich sehr gut mit der arabischen verträgt, zeigt die bisherige Kolonisation. Die Juden sind den Arabern stammverwandt, sie gewöhnen sich leicht aneinander, und vielfach betrachten die Araber die Juden wie ihre altern Brüder, die nach langer Abwesenheit im Auslande reich an Erfahrungen zurückkehren. Zum Schlüsse des Referates wird die Frage der Sympathien für den Zionismus bei den westlichen Völkern besprochen. Große Sympathien genießt der Zionismus in Amerika, England, Holland und bei den frommen christlichen Kreisen in Deutschland. Die deutschen Sozialisten bekämpfen ihn natürlich wie jede andere völkische Partei, aber der internationale Sozialistenkongreß in Kopenhagen hat wieder gezeigt, daß auch die sozialistische Partei die völkischen Unterschiede nicht hinwegzuräumen vermag. Leider haben auch die Liberalen in Deutschland für den Zionismus noch nicht das richtige Verständnis. Es spielt hierbei wohl hauptsächlich der Wunsch eine Rolle, daß keine Trennung im Geistesleben in der deutschen Bevölkerung Platz greife, aber das gleiche ist auch der Wunsch der Zionisten, und man kann leicht die Beobachtung machen, daß der Verkehr zwischen den Zionisten und ihren christlichen Mitbürgern ein freier und offener ist. Letztere erkennen die Zionisten eher als gleichwertig an als die Assimilanten, die sie wie jeden sich selbst niedrig einschätzenden Menschen doch mehr oder weniger verachten, während sie an den Zionisten gerade das ideale und ernste Streben hochschätzen. Noch mehr ist dies natürlich der Fall bei geistig hochstehenden Leuten; wir haben "eine große Zahl von Zustimmungen aus diesen Kreisen; es sei hier nur erwähnt, daß erst in den letzten Wochen Tolstoi einem russischen Zionisten geschrieben hat, daß er mit der zionistischen Bewegung unter den Juden aus voller Seele sympathisiere. So ist denn zu hoffen, daß auch die liberale Partei ihre Stellung zu dem Zionismus über kurz oder lang einer Revision unterziehen wird. Wie dem auch sei, in der Zukunft können die Zionisten ruhig sein, denn sie haben, wenn nicht den größten, so doch den besten Teil ihrer nichtjüdischen Mitbürger für sich, und diesen Juden gehört die Zukunft, nämlich die Jugend. Was uns jetzt nottut, ist nicht mehr die Begeisterung der ersten Jahre, denn sie hat geleistet, was sie leisten konnte. Auch Menschen haben wir genug, denn wenn wir das Signal zum Aufbruch geben könnten, würden 100 000, vielleicht Millionen unserer östlichen Brüder freudig ihre Zelte im Lande der Unterdrückung abbrechen und gen Osten pilgern, und Zehntausende unserer westlichen Intelligenz würden bereit sein, die Führung dieser Arbeiterkolonnen zu übernehmen. Der Grundstein ist gelegt, die Kadres sind geschaffen» jetzt ist es Zeit, die Gerüste auszubauen, die Kadres auszufüllen, damit das große Werk der Vollendung entgegengehen kann, denn unsere Palästinaarbeit verheißt den Juden des Ostens Erlösung, den Juden des Westens Achtung und der Menschheit die Wiederauferstehung jenes großen Kulturzentrums, von dem unsere westlichen Kulturen ihre besten Impulse empfangen haben und das in Zukunft berufen sein wird, der Menschheit unermeßliche Dienste zu leisten und ihr neue Kulturschätze und Ideale zu bringen. (Stürmischer minutenlanger Beifall und Händeklatschen.) Ebenso wie Professor Warburg wurde der folgende Redner Dr. Franz Oppenheimer von stürmischen Ovationen empfangen, als er das Wort zu seinem Referat über die Siedlungsgenossenschaft erhielt. Man hält — so führte er ans — mein Projekt der Siedlungsgenossenschaft für eine Utopie. Ein Utopist ist aber nur derjenige, der eine Gesellschaftsordnung aus dem Kopf erfindet. Die Siedlungsgenossenschaft liegt jedoch in der natürlichen Entwicklung und in der Tendenz der Weltgeschichte. Momrnsen hat die Tendenz der Weltgeschichte in jenem prägnanten Satz ausgedrückt: „Weltgeschichte ist der Kampf zwischen asiatischem Sultanismus und europäischer Bürgerfreiheit," oder anders ausgedrückt, die Weltgeschichte ist der Kampf zwischen Herrschaft und Genossenschaft. Die ganze jüdische Geschichte ist nur ein anhaltender Kampf gegen Sultanismus und für die Freiheit. In Rußland und auch in Deutschland sogar führen noch heute die Juden diesen Kampf. Jedes Aufsteigen des Sultanismus in der Weltgeschichte ist von einem Verbote der Genossenschaft begleitet, jeder Sieg der Freiheit von einem mächtigen Aufblühen derselben. Nach der französischen Revolution, nach der Niederlage der englischen Hochscliutzzollpolitik, nach dem Siege der deutschen Revolution 1848 blühte in allen diesen Ländern die Genossenschaft mächtig auf. Die Genossenschaft als Gemeinde und als politischer Körper ist der Schlußstein aller Demokratie. Die Genossensehaft ist

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