Mannheim
Compact Memory

Die Welt · 1910-09-16 · 37 (16.9.1910) · page 4

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
14 (1910)
Issue
37 (16.9.1910)
Date
1910-09-16
Page
– (sequence 4)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
98% known words query
IRI
…/3315709-3316406-3316443--53680-3347445
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

2 entity mentions

junger deutscher Juden umfaßte. Die deutschen Zionisten und der deutsche Zionismus sind in der Zwischenzeit nicht nur älter, sondern auch einflußreicher geworden. Wir repräsentieren heute mit unsern 7000 organisierten Anhängern in Deutschland eine Körperschaft von nicht zu unterschätzender Macht und Bedeutung für die jüdische Gemeinschaft in Deutschland. Ein großer Teil der akademischen Jugend folgt unsern Fahnen. Die jüdische Turnerschaft steht uns mit der größten Zahl ihrer Mitglieder, die zumeist der Kaufmannschaft und dem Gewerbe angehören, überaus nahe. Auf unsern geistigen Einfluß ist das erwachende Selbstbewußtsein und Würdegefühl unter der deutschen Judenheit zum großen Teil zurückzuführen. Wir haben den deutschen Juden den Rücken gestärkt und ihnen klargemacht, daß man sein Recht nicht nur durch Bücklinge und Erdulden mehr oder weniger psychisch fühlbarer Mißhandlungen und Fußtritte verteidigen kann, sondern durch offenes Bekenntnis seiner Überzeugung und durch treues Festhalten an den überkommenen Traditionen. Wir haben der Welt bewiesen, daß man ein guter Patriot und Staatsbürger des Landes, in dem man lebt, sein kann und dennoch sich an der Arbeit für die Zukunft seines Stammes und seines Volkes mit Energie und Eifer beteiligen darf. Wir wollen der Welt beweisen, daß es eine Vermehrung der Kultur der modernen Staaten bedeutet, wenn die Eigenart ihrer Völker sich mit möglichster Freiheit entfalten kann, und so wollen wir auch der Türkei den Nachweis erbringen, daß es einen politischen und wirtschaftlichen Gewinn und einen kulturellen Fortschritt für das hochbegabte Volk der Ottomanen bedeutet, wenn es dem jüdischen Volk freien Raum zur Entfaltung seiner geistigen Bedeutung auf dem Boden seiner Väter in Palästina gewährt. Das ist das Ziel, für das wir arbeiten und für das wir in loyaler Propaganda die Mitwirkung nicht nurdes türkischen Volkes, sondern auch der türkischen Regierung gewinnen wollen. Wie in andern Ländern, so haben wir auch in Deutschland die Beobachtung gemacht, daß die nichtjüdische Bevölkerung unsere Bewegung mit uneigennützigem Wohlwollen und Verständnis betrachtet. Leider können wir dasselbe von einem sehr großen Teil unserer Stammes- und Glaubensgenossen in Deutschland nicht behaupten. Es wird eine schwere Aufgabe sein, die der neu zu wählenden Führung in Deutschland bevorsteht, die immer noch bestehenden Vorurteile zu zerstreuen und das Verständnis dafür zu eröffnen, daß es sich bei den zionistischen Bestrebungen nicht um eine politische Utopie, sondern um eine reale Notwendigkeit, um eine Pflicht der Selbsterhaltung für das jüdische Volk handelt. Nicht allein für die russischen, nicht für die galizischen, nicht für die rumänischen oder andere Stammesgenossen, die in irgendeinem Winkel der Erde verfolgt werden, nein, für das ganze jüdische Volk und für uns mit ihm, bedeutet das zionistische Programm eine Lösung. Es hieße Eulen nach Athen tragen, wenn ich die kraftvollen Worte MaxN o r d a u s von der physischen und psy chischen Judennot hier wiederholen wollte. Ein jeder von uns weiß im Innersten seines Herzens, wenn von der zionistischen Sache die Rede ist, „nostra res agitur", unsere Sache ist's, um die es sich handelt. Und nun zu dem Gegenstand der heutigen Tagung! Da sind es zwei Dinge, auf die ich Ihre besondere Aufmerksamkeit lenke. Das Erste ist die Neuorganisation der Bewegung und der Z.V. f.D., sowie deren Finanzierung, zu welcher der Delegiertentag Stellung zu nehmen hat, und das Zweite ist die Siedlungsgenossenschaft von Franz Oppenheimer. Auch unsere Gesamtbewegung krankt seit Jahren daran, daß ihr Organisationsstatut ein Provisorium darstellt. Ein Provisorium, das in dem Drange der Kongreßtagung jedesmal mit geringen Abänderungen erneuert worden ist; mit so nüchternen und trockenen Angelegenheiten, wie dies ein Organisationsstatut ist, wollen die Zionisten nichts zu tun haben. Die Scheu vor Statutenerörterungen ist übrigens auch begreiflich. In den Parlamenten werden diese Dinge durch Kommissionen erledigt, die wochen- und monatelang tagen, den Stoff erschöpfend beraten und in denen eine Verständigung der verschiedenen Parteien erfolgt, so daß die Beratung im Plenum der Parlamente nur in großen Zügen um die Prinzipien der Organisation sich bewegt. Wir können keine Kommissionen einsetzen, die monatelang beraten, da wir unsere Leute nicht an dem Sitz unseres Parlamentes dauernd versammeln können. Darum müssen wir schon einmal die Scheu vor diesem Gegenstand überwinden, und die Erfahrung wird lehren, daß er gar nicht so trocken ist, als wie es manchem auf den ersten Blick scheinen möchte. Jedenfalls eines steht fest, so wie im menschlichen Körper Kopf und Hand sich ergänzen müssen, der Geist und die körperlichen Organe, so muß auch innerhalb der zionistischen Bewegung die Idee durch eine lebenskräftige, gesunde und zweckmäßige Organisation getragen werden, wenn das Ziel derselben erreicht werden soll. Dafür Sorge zu tragen, ist eint Aufgabe des künftigen Kongresses, welcher durch die Erörterung hier lediglich vorgearbeitet werden kann. Solange aber das altt Statut in Kraft besteht, bleibt auch der deutschen Landesorganisatioi nicht anderes übrig, als auf Grund der bestehenden Einrichtungen ihre Organisation und Finanzen zu regeln, so daß sie ihre Aufgab, erfüllen können. Aber auch von diesem Gesichtspunkte ist unser-, deutsche Organisation reformbedürftig. Der geschäftsführende Aus schuß wird Ihnen Vorschläge unterbreiten, über die Sie zu beratet haben und von deren Annahme die gedeihliche Entwicklung de Zionistischen Vereinigung für Deutschland zum großen Teile abhängt Wir haben es übernommen, die Lösung eines sozialen Problem mit einer speziellen Notlage, in der sich unsere Kolonisation unt unser landwirtschaftlicher Arbeiterstand in Palästina befindet, zt vereinigen. Wenn der sehr interessante Versuch, den der Kongref zu unternehmen beschlossen hat, und über den Herr Dr. Fran; Oppenheimer selbst hier berichten wird, gelingt, geht unsere jüdische Kolonisation in Palästina einer ungeahnten Entwicklung entgegen. Wir schaffen den Hunderten und den nachdrängender Tausenden und Zehntausenden proletarischer Arbeiterexistenzen welche das Elend der östlichen Länder fortdauernd produziert eine neue Zukunftslioffnung und sichern unserm Volk für die Zukunf seinen wirtschaftlichen Bestand. Hier ist der Punkt, wo alle tatenfreudige Menschen, einerlei ob sie im übrigen auf dem Boden unserer Anschauungen stehen, einerlei, welcher Rasse oder Religion sie angehören, mitwirken können, um den Keim einer neuen sozialen Entwicklung in Palästina zu befruchten. Noch fehlen uns die Mittel, dieses Unternehmen mit der Sicherheit ins Leben zu rufen, daß es nicht aus Mangel an Kapital scheitern kann. Darum richte ich von dieser Stelle einen herzlichen Appell an diese Versammlung, überall in allen Kreisen, wo man Verständnis für diese Sache hat, für sie zu werben. Ich hoffe aber, daß wir diese Tagung nicht beendigen und diese Stadt nicht verlassen werden, ehe das Minimum der Summe durch die Opferwilligkeit von Frankfurter Bürgern gesichert ist, welches wir bedürfen, um die Begründung der Oppenheimerschen Ansiedlungsgenossenschaft im nächsten Frühjahr in Angriff nehmen zu können. Das Referat von Professor Warburg wird uns Gelegenheit geben, uns darüber auszusprechen, wie wir im Rahmen unserer Gesamtbewegung speziell in Deutschland die andern finanziellen und kolonisatorischen Unternehmungen in Palästina unterstützen können, um neuen Ansiedlern die Möglichkeit einer Existenz im Lande unserer Väter zu sichern. Sie sehen, auch diese Tagung hat sich mit einer Fülle von wichtigen Gegenständen zu beschäftigen. Möge ihr Werk gesegnet sein zum Besten unserer Sache und das Wort des größten Sohnes dieser Stadt für das jüdische Volk zur Wahrheit werden: „Solch' ein Gewimmel möcht' ich sehn, Mit freiem Volk auf freiem Boden stehn." Ich eröffne den zwölften Delegiertentag. (Lebhafter, langandauernder Beifall und Händeklatschen.) An die Eröffnungsansprache schlössen sich die Begrüßungen des Delegiertentages an. Rede des Präsidenten Wolffsohn Der Präsident des Aktionskomitees Herr David Wolffsohn, von jubelndem Beifair begrüßt, führte in seiner Ansprache folgendes aus: Geehrter Delegiertentag! Meine Damen und Herren! Ich danke Ihnen zunächst für die Begrüßung und danke auch unserm verehrten Herrn Präsidenten für die liebenswürdigen Worte, die er an mich gerichtet hat, und für die Wünsche, die er in Ihrem Namen und unter Ihrem Beifall zum Ausdruck gebracht hat. Auch ich freue mich sehr hier in Ihrer Mitte sein zu können. Seit fünf Jahren, seitdem ich die Ehre habe, an der Spitze der zionistischen Organisation zu stehen, eigentlich seit dem Tode Herzls, war es mir nicht mehr vergönnt, den Delegiertentag der deutschen Zionisten, unsern Delegiertentag zu besuchen, und auch diesmal schien es fast so, als wenn ich wieder daran verhindert werden sollte. Deswegen freue ich mich doppelt und danke Gott dafür, daß es mir vergönnt ist, heute in Ihrer Mitte zu weilen. Über die Bedeutung des heutigen Delegiertentages ist wahrscheinlich sehr viel gesprochen und auch geschrieben worden. Jeder sucht sich nach seiner Art das heraus, was ihm seiner Auffassung nach am wichtigsten vorkommt, und legt dem die größte

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.