Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 14 (1910)
- Issue
- 37 (16.9.1910)
- Date
- 1910-09-16
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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No. 37 —— - DIE] drücken. In einer anderen großen britischen Kolonie, in Kanada, geht man gerade jetzt mit dem Plane um, die jüdische Einwanderung unter das Asiatengesetz zu stellen, d. h. also Juden de jure wie die Qelben und Schwarzen zu behandeln. Wenngleich wir immer und unter allen Umständen als modern und freiheitlich empfindende Menschen gegen Ausnahmsbestimmungen jeglicher Art sind, so verkennen wir doch keineswegs die ungeheuren Schwierigkeiten, mit denen die weiße Menschheit heute in ihren Vorpostenländern in der Sicherung ihrer Existenz, ihrer Gesittung und ihrer wohlbegründeten Rechte zu kämpfen hat. Die Behandlung jüdischer Einwanderer als „coloured men" wäre aber gerade in diesen Ländern — abgesehen von der Brutalität, die darin gegen Wehrlose, Flüchtige begangen wird — ein Verbrechen an der Solidarität der weißen Rasse. Die jüdische Einwanderung hat zudem für Kanada, wie für alle englischen Kolonien, nur Nutzen, niemals Schaden gebracht. Wir würden es deshalb von Herzen begrüßen, wenn die kanadische Regierung Louis Bothas Worte über die Bedeutung der jüdischen Ansiedler sich zu eigen machen wollte. Die Rede General Bothas Die südafrikanische zionistische Vereinigung (South African Zionist Federation) veranstaltete in diesem Jahre in Johannesburg zum drittenmal einen zionistischen Bazar, verbunden mit einer Ausstellung der Erzeugnisse der Kunstgewerbeschule „Bezalel" in Jerusalem. Der Reinertrag des Bazars ist für den Jüdischen Nationalfonds bestimmt. Das Bazarkomitee hatte nun den Premierminister General Louis Bot ha eingeladen, den Bazar und die Ausstellung zu eröffnen. General Botha leistete dieser Einladung bereitwillig Folge und eröffnete den dritten zionistischen Bazar in Südafrika am 17. August mit einer längern, überaus interessanten Rede, aus der folgende Stellen wörtlich angeführt seien: „Dieser Bazar ist hauptsächlich zum Besten des Jüdischen Nationalfonds und teilweise auch zugunsten der Ölbaumstiftung für unsern verewigten König Eduard VII. veranstaltet worden. Ich brauche Ihnen kaum zu sagen, daß beide Zwecke meine tiefste Sympathie haben. Der Jüdische Nationalfonds will die erforderlichen Mittel schaffen, um den unglücklichen Juden, die in den Ländern ihrer Geburt grausam verfolgt und unterdrückt werden die aus diesen Ländern systematisch verjagt werden, eine Heimstätte in Palästina zu bereiten. Es ist wahrhaftig ein niederdrückender Gedanke, daß es im 20. Jahrhundert noch Staaten gibt, die man oft noch als Kulturstaaten bezeichnet und in denen dennoch eine Klasse von Bürgern, die jüdische Bevölkerung, nicht nur den schmachvollsten Erniedrigungen, sondern auch den grausamsten Verfolgungen ausgesetzt ist. Die traurige Lage des jüdischen Volkes in den verschiedenen Weltteilen hat also zur Gründung des Jüdischen Nationalfonds Veranlassung gegeben, und ich wiederhole darum, daß ich diesem Fonds die herzlichsten Sympathien entgegenbringe. Es wird mich aufrichtig freuen, wenn dieser Bazar dazu beitragen sollte, die Kasse dieser edlen Institution erheblich zu füllen. Wie ich höre, ist schon viel Arbeit geleistet worden in bezug auf die Ansiedlung jüdischer Familien in Palästina. Tausende jüdische Familien, die sich dort niedergelassen haben sind in der Tat zu einer gesicherten Existenz gelangt. Es ist mir auch bekannt, daß Ihr Nationalfonds die Aufgabe hat, in Palästina ein großes Zentrum zu schaffen, welches die Heimat Ihres Volkes repräsentieren soll. So mögen Sie denn wissen, daß auch dieser Zweck meine vollste Sympathie besitzt. Ich möchte Ihnen jedoch im Zusammenhange damit folgendes sagen : Es ist eine historische Tatsache, daß Ihre Vorfahren, als sie überall in Europa verfolgt und vertrieben wurden, in England und Holland gast- ^ELT 887 liehe Aufnahme und gute Behandlung gefunden haben. Die weiße Bevölkerung Südafrikas besteht hauptsächlich aus Engländern und Holländern. Es ist also kein Wunder, daß unsere jüdischen Mitbürger in diesem Lande die vollste Freiheit und Gleichberechtigung genießen. Wenn es irgendwo ein Land gibt, das den Juden eine vollwertige Heimat bietet, so ist es unser Land. Ich hoffe also, meine Damen und Herren, daß dieser Fonds, für dessen Vermehrung ich heute mitwirke, nicht dazu dienen wird, die jüdische Emigration von Südafrika nach Palästina zu fördern. In andern Gebieten, wo es jüdische Not und jüdische Rechtlosigkeit gibt, dort hat Ihr Nationalfonds ein großes Wirkungsfeld. Wir jedoch Wollen nicht, daß südafrikanische Kolonisten uns verlassen. Im Gegenteil, wir werden die Angehörigen Ihres Volkes stets bei uns willkommen heißen. Wir bauen sogar auf die Mithilfe unserer jüdischen Freunde, die uns sicherlich unterstützen werden in unserm Bestreben, hier eine große südafrikanische Nation zu begründen. Mit dem größten Vergnügen erkläre ich den Bazar für eröffnet und wünsche Ihnen einen großen Erfolg." (Stürmischer Beifall.) Die Eröffnung der Ausstellung vollzog sich unter großen Feierlichkeiten und unter einem wahren Massenandrang der jüdischen Bevölkerung. Der Ertrag des ersten Tages belief sich auf 3120 dt. XII. Delegiertentag der Deutschen Zionisten Frankfurt, 12. September Erster Tag. Der Präsident der Zionistischen Vereinigung für Deutschland, Herr Dr. Bodenheimer, eröffnete die Verhandlungen wenige Minuten nach der festgesetzten Stunde. Saal und Galerien waren überfüllt. Die Zahl der erschienenen Delegierten beträgt fast 100. Gleichzeitig mit dem Vorsitzenden Herrn Dr. Bodenheimer traten der Präsident des Aktionskomitees Herr David Wolffsöhn und der Vizepräsident Herr Professor Warburg an der Spitze des Zentralkomitees in den Saal. Die Delegierten und die Zuhörer brachten ihnen, insbesondere dem Präsidenten Wolffsöhn, stürmische Ovationen dar. Hierauf eröffnete Dr. Bodenheimer die Beratungen mit folgender Ansprache. Rede Dr. Bodenheimers: Sehr geehrte Versammlung! Zum zwölften Male tritt der Dele« giertentag deutscher Zionisten zusammen. Noch steht die letzte Tagung, die wir im Osten des Deutschen Reiches, in Breslau abgehalten haben, in unser aller heller Erinnerung. In der Zwischenzeit sind die Stürme des Hamburger Kongresses über unsern Häuptern dahingebraust. Durch das hohe Verantwortungsgefühl der Parteiführer in den verschiedenen Ländern ist es jedoch gelungen, auf der Jahreskonferenz in Berlin diesen Sturm zu beschwören; man hat sich über einige wichtige organisatorische Änderungen verständigt, und der Sitz der Bewegung wird voraussichtlich in absehbarer Zeit in die Hauptstadt des Deutschen Reiches verlegt werden. Damit trifft die deutschen Zionisten die doppelte Pflicht, den Kampf für die zionistische Sache mit ihrer ganzen Kraft zu übernehmen. Es ist für uns eine hohe Ehre, uns in einer Stadt für diese Arbeiten rüsten zu können, welche eine so hohe Bedeutung für die jüdische Bevölkerung Deutschlands gewonnen hat durch die große Anzahl bedeutender Gelehrter, die hier gelebt, und durch die sozialwirtschaftliche Macht, welche die Judenheit dieser Stadt verkörpert. Ich begrüße die Vertreter der hiesigen Vereinigungen, die uns ihr freundliches Interesse durch ihre Anwesenheit bekunden. Ich begrüße aber auch insbesondere mit freudiger Genugtuung die Anwesenheit unseres verehrten Präsidenten David Wolffsohn, der trotz seiner geschwächten Gesundheit es sich nicht hat nehmen lassen, als Gast in unserer Mitte zu weilen. Wir knüpfen hieran die Hoffnung, daß er sich bald wieder mit frischer Kraft den Arbeiten der Bewegung widmen kann. Wenn ich diese bedeutende Versammlung betrachte, denke ich an jenen ersten Delegiertentag der deutschen Zionisten, weicher vo r nunmehr zwölf Jahren in Frankfurt getagt hat. Damals war es noch eine kleine Zahl von Delegierten, die einen sehr kleinen Kreis 1*