Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 14 (1910)
- Issue
- 37 (16.9.1910)
- Date
- 1910-09-16
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/3315709-3316406-3316443--53678-3347443- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
LOUIS Von Juli Louis Botha, der südafrikanische Premierminister, hat am 17. August den Bazar der Zionisten in Johannesburg, der mit einer Bezalel-Ausstellung verbunden war, mit einer großen Rede eröffnet. Sie ist bemerkenswert sowohl wegen der amtlichen Stellung des Redners — ist es doch das erstemal, daß ein leitender Staatsmann sich öffentlich über den Zionismus äußert — wie auch wegen der Fragen, die der Minister gestellt und selbst beantwortet hat. Sie wird aber auch in ihrer Bedeutsamkeit gesteigert durch die Persönlichkeit und die Lebensgeschichte des Redners; denn es besteht eine gewisse Ähnlichkeit zwischen den Schicksalen des Volkes, dem er entsprossen ist, und den Schicksalen des Volkes, zu dem er in Johannesburg sprach. Der 47jährige Mann, der als höchster Beamter seines Staates eine jüdische Ausstellung für'eröffnet erklärte, hat sicherlich, als er den Zweck seines Erscheinens überdachte, an sein eigenes Volk denken müssen. Als er geboren wurde, war sein Vaterland, die Republik Transvaal gerade zwölf Jahre alt, das Schwesterland, der Oranje-Freistaat gerade zehn Jahre alt geworden. Er stand im kräftigsten Mannesalter, als sein Volk den letzten Kampf um seine Unabhängigkeit aufnahm, in dem Botha selbst als einer der tapfersten Führer eine so große Rolle spielte. Er machte die an Ruhm und Erfolgen anfangs so reiche Zeit mit, — bis zur endgültigen Niederlage, und er mußte schweren Herzens das Protokoll von Vereeniging unterschreiben, worin die Buren erklärten, die Waffen niederzulegen und fortan Eduard VII. als ihren Souverän anzuerkennen. Die Verwüstung des Landes durch dreijährigen Kriegsschrecken, die Aussichtslosigkeit eines weitern Kampfes der von aller Welt verlassenen Bauern, die Erschöpfung aller nationalen Kraftquellen, aller Verteidigungsmittel zwangen gebieterisch zur Ergebung. Botha hatte die Jugendzeit seines Staates und dessen schließlichen Untergang erlebt. Aber er verzweifelte nicht an der Lebenskraft und der Zukunft seines Volkes. In der nach dem Kriege folgenden Zeit war Louis Botha im Verein mit andern Patrioten bemüht, die Versöhnung der durch den unglücklichen Ausgang der Erhebung verbitterten Buren mit den Siegern durchzuführen, die Zukunft seines Volkes, den Fortbestand seiner sprachlichkultureller Sonderrechte und seiner volklichen Existenz innerhalb der im Friedensinstrument vorgezeichneten Grenzen zu sichern. Diese ausgleichende und beschwichtigende Tätigkeit machte er zu seinem Lebensinhalt, und er krönte sie, indem er, der Träger des Vertrauens der Engländer und Buren, selbst an die Spitze des ersten Afrikanderkabinetts trat. Es ist nur selbstverständlich, daß ein Mann wie Louis Botha, dessen Leben an Erfahrungen, an niederdrückenden Ereignissen so reich ist, trotz der verhältnismäßigen Jugend, in der er an verantwortungsreiche Stelle berufen wurde, die Dinge und Menschen anders beurteilt, als einer, in dessen politische Laufbahn keine tragischen Momente eingriffen, der nach einer gewissen Zeit parlamentarischer Kämpfe, einfach durch die Zahl der hinter ihm stehenden Gefolgleute Minister wird. Botha hat am Tugela und anderwärts für seine Nation gekämpft, und ihr Blut fließen sehen. Er hat dann ihre Trümmer gesammelt, siegetröstet und schließlich ihr Schicksal selbst zu BOTHA us Löwy leiten begonnen. Ein solcher Mann, der die^Unabhängigkeii seines Vaterlandes sterben sah, und seinen Stamm vor der Heimatlosigkeit rettete, muß denn auch, wenn er sich Juden gegenüber sieht, ein tiefes, warmes, vielleicht auch leidvolles Mitempfinden für das Geschick dieses Volkes fühlen, dem nicht,*als es seine Freiheit verlor, ein Bothe erstand. Das erst zweitausend Jahre im Exil warter mußte, ehe einer kam, der seine verwundete Seele heiler wollte. Und starb, ehe er seine Aufgabe erfüllt hatte Die Ausstellung, welche General Botha eröffnete, isi dem jüdischen Nationalfonds gewidmet, also dem Zwecke palästinensischen Boden dem jüdischen Volk als ewiges Eigentum zu erwerben. General Botha hat dieser; Zweck in folgende, einfache, das Wesen der Sache erschöpfende Worte zusammengefaßt: „Ich weiß, daß der Fonds die Aufgabe hat, ein großes Zentrum zu schaffen, das das Heim des jüdischen Volkes repräsentieren soll. Sie sollen wissen, daß dieser Zweck meine tiefste Sympathie hat." Dann aber hat Botha die Frage aufgeworfen: Kann ein Jude zu gleicher Zeit Zionist sein und ein guter Bürger seines Vaterlandes? Diese Frage ist, seit der politische Zionismus besteht, unzähligemal gestellt und von uns nicht nur theoretisch, sondern praktisch beantwortet worden: In keinem Lande mit geordt neten inneren Verhältnissen ist jemals ein Konflikzwischen Zionismus und Bürgerpflicht entstanden. Daß auch Louis Botha zu dieser Frage gelangt, ist durch die pflichtgemäße Auffassung seines Amtes bedingt. Er hat nun die von ihm gestellte Frage auch gleich selbst beantwortet: Ist der Nationalfonds dazu bestimmt, dem jüdischen Volk ein Zentrum zu schaffen, dann kann er nicht dazu mißbraucht werden, weiße Ansiedler zur Emigration aus Südafrika zu veranlassen, das jüdische Kraft und Arbeit so nötig hat. „General Botha" — so schreibt das zionistische Organ „Jewish Standard" — „der große südafrikanische Patriot, der aufsteigende Stern am südafrikanischen Horizont, kommt zur Eröffnung eines zionistischen Bazars. Er kommt und weiß, daß es die Aufgabe des Zionismus ist, ein großes Zentrum zu schaffen, welches das Heim des jüdischen Volkes repräsentiert; er weiß, daß die zionistischen Fonds diesem Zweck dienen; er weiß, daß der Bazar zugunsten eines zionistischen Fonds abgehalten wird; und da hält er, der erste Minister Südafrikas, es für natürlich, für richtig, für möglich und für geboten, den Zionismus durch seine Anwesenheit zu unterstützen, diesen Bazar zu eröffnen und ihm eine ansehnliche Summe zu spenden." Wir können uns über die Haltung des südafrikanischer Ministers nur freuen und wünschen, daß das gute Ein vernehmen, das in Südafrika zwischen den Behörder und unseren Gesinnungsgenossen seit jeher besteht weiter uneingeschränkt andauere. Wir nehmen auch mit lebhafter Befriedigung die anerkennenden Worte, die General Botha für die jüdischen Ansiedler fand, zur Kenntnis. Vielleicht sind diese Worte auch von der Sorge des Ministers für die in ihrem Besitzstand gefährdete weiße Rasse in Südafrika diktiert gewesen. Das ändert aber nichts an ihrem Sinn und verstärkt nur die Wertschätzung der Juden als Kulturelement. Wir können aber gerade wegen der Genugtuung über diesen Teil der Rede Bothas ein bitteres Gefühl nicht unter-