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Die Welt · 1910-09-09 · 36 (9.9.1910) · page 12

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Journal
Die Welt
Volume
14 (1910)
Issue
36 (9.9.1910)
Date
1910-09-09
Page
– (sequence 12)
Language
German
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i>;v £J$% ,- 872 DIE ELT Na. 36 um Kandidaten nicht gerade gewogene Educational Alliance den dritten zionistischen Beamten, der mutig und energisch das Ideal des jüdischen Volkes verkünden wird. Wir wünschen ihm Erfolg. Der Streik der jüdischen Schneider Der Kampf der jüdischen Schneider Newyorks um Verbesserung ihrer beispiellos ungünstigen ökonomischen und sanitären Arbeitsbedingungen, der mit großer Entschiedenheit geführt wurde, hat nach zweimonatlicher Dauer mit einem vollen Sieg der Arbeiter geendet. Sämtliche Forderungen der etwa 90 000 Streikenden wurden von den Arbeitgebern erfüllt. Die erfolgreiche Durchführung des Streikes, der den Arbeitgebern einen Schaden von 150 Millionen Dollar verursacht haben soll, bedeutet eine völlige Revolution in der hiesigen Konfektionsproduktion und die Beseitigung des „Sweatingsystems", welches zu den schlimmsten sozialen Erscheinungen des modernen Wirtschaftslebens gehört hat. Brief aus Konstantinopel (Von unserm Berichterstatter) Deutsche und jüdische Kolonien in Palästina Ein Jahr etwa mag es her sein, da es dem in der türkischen Hauptstadt erscheinenden „Osrnanischen Lloyd" gefiel, Korrespondenzen gegen das jüdische Kolonisationswerk in Palästina zu veröffentlichen, wahrscheinlich von dem unklaren Gedanken ausgehend, daß dieses der deutschen Arbeit im Lande abträglich sein könne. Bei dieser Gelegenheit war das Organ auf die ebenso verwerfliche, wie gefährliche Taktik verfallen, eine Unverträglichkeit der einheimisch-arabischen mit den jüdischen Interessen auszumalen, was offen eingestandenermaßen eine Intervention der jungtürkische:] Regierung gegen die jüdische Kolonisation zur Folge haben sollte. Man konnte aber jene Publikation ganz wohl auch als einen Versuch der Aufreizung des arabischen Elementes gegen die Juden auffassen, einen Versuch, der uns schon damals als zweischneidiges Schwert erschienen war. Die Ereignisse der letzten Wochen haben gezeigt, wie töricht jenes Auftreten plumper Deutschtumsschützer gewesen ist. Denn eben das deutsche Kolonisationswerk steht heute in jenem Licht gegenüber dem Eingeborenenelement, in dem die Zionsbestrebungen fälschlicherweise erblickt worden waren. Und alle an die Wand gemalten Gespenster von Haß und Feindschaft sind heute eben gegen das Deutschtum losgelassen. Wir können nicht behaupten, daß das palästinische Deutschtum allein dieser Gefahr gegenübersteht. Denn es sind letzthin auch gegen jüdische Kolonien einige Gewalttaten verübt worden. Uns liegt nur daran festzustellen, daß es stets eine Unwahrheit gewesen ist, wenn gerade die jüdische Immigration als der Bevölkerung unsympathisch hingestellt worden ist. Das Auftreten der Araber gegen die Deutschen ist dafür ein klarer Beweis. Es liegt eine allgemeine, aus dem unkultivierten Zustande der Eingeborenen sich ergebende Fremdenfurcht vor, die nur mit fortschreitender Zivilisation oder unter tatkräftigem Schutze der öffentlichen Gewalten verschwinden oder unschädlich gemacht werden kann. Jedes fremde Element, das, um sich Vorteile zu verschaffen, diese reaktionäre Furcht gegen ein anderes zivilisatorisches Element zu schüren sich einfallen ließ, muß an sich selber bald die Früchte solchen Vorgehens verspüren. Und die Deutschen, welche glauben, die Regierung gegen die jüdische Kolonisation mobil machen zu müssen, werden sich bald überzeugen, daß sie damit genau so sehr in ihr eigenes Fleisch geschnitten haben. Darum steht zu erwarten, daß die bedauerlichen Vorkommnisse der letzten Zeit dem Deutschtum in Palästina und allen denen, die seine Interessen wahrnehmen wollen, eine wirksame Lehre gewesen sein werden, die auch endlich Blätter, die so schwer von Begriffen sind, wie der „Osmanische Lloyd", wird zur Vernunft bringen müssen. Knechtseligkeit Wir hatten vor einigen Wochen Äußerungen eines Smyrnaer jüdischen Blattes zu zitieren gehabt, daß sich darin gefiel, im tiefsten Sumpfe des Servilismus zu schwelgen, und einen krummen Rücken, gesenkte Augen und stumme Lippen als unbedingte Erfordernis für die jüdische Fortexistenz in der Türkei zu predigen. Seit einigen Wochen stehen Aussprüche keines Geringem als des Deputierten Carasso Effendi im Für und Wider der Diskussionen, und diese Aussprüche scheinen fast einen jenen oben zitierten verwandten Geist zu verraten — wenn die Wiedergabe der Rede des Deputierten durch die Presse eine richtige war. Wir können das freilich bis auf weiteres von Carasso Effendi, dem mutigen Jungtürken und dem ersten aller jüdischen Staatsmänner in der Türkei, der ein zionistisches Bekenntnis abgelegt hat, nicht recht annehmen. Der Saloniker „Tribuna Liberia" zufolge hat Carasso Effendi den Juden die Lehre gegeben, „daß sie nicht alle ihre Rechte, alle Gerechtigkeit fordern müßten, wenn sie in Frieden leben wollten". Dieser Lehre, die demselben Blatte zufolge in Salonik eine lebhafte Bewegung hervorgerufen haben soll, setzt die „Tribuna Libera" mit Energie aufrechte und freiheitliche Gedanken entgegen. „Wir halten es,* schreibt sie, „für sehr gefährlich für uns, irgend eines unserer Rechte wie auch immer mit Füßen treten zu lassen; wäre das der Fall, so würden wir die Juden sehr bald als quantit6 negligeable betrachtet sehen. Dieses-Verfahren beobachten, hieße auch unsere patriotische Pflicht verfehlen. Wenn z. B. die Juden Adrianopels fest auf der verdienten Bestrafung des berüchtigten Polizeichefs bestanden hätten, so hätten sie damit indirekt der Regierung einen Nutzen erwiesen; denn die Bestrafung hätte ein gutes Exenipel für Beamte ähnlichen Kalibers abgegeben, und ähnliche Vorkommnisse, die dem konstitutionellen Regime durchaus nicht zum Vorteil gereichen, hätten sich nicht wiederholt Die allzu große Selbstlosigkeit der Adrianopeler Juden wird vielleicht andere Beamte dazu ermutigen, nach Gutdünken zu verfahren, ohne auf die Rechte der Juden Rücksicht zu nehmen, wofür der Fall in Istip ein frappantes Beispiel ist. . . . Die Siedehitze ist sicher nicht gut; aber auch zu große Ruhe nicht, die sich der Furchtsamkeit und Knechtseligkeit nähert. Und weh über uns, wenn wir uns auf diesen Weg verlieren! Also „los von der Furcht und der Knechtseligkeit!" ist die Parole, die in Salonik den wirklichen oder vermeintlichen Doktrinen Carasso Effendis gegenüber erhoben wurde. Und das ist erfreulich. Es beweißt, daß in der Türkei das Mannesbewußtsein der Juden vielleicht noch vielfach schlummert, aber doch unaufhaltsam im Erwachen begriffen ist. Bei dem starken Autoritätsglauben, der hier noch herrscht, ist es ein gutes Zeichen, daß in Salonik eine ganze Bewegung in der öffentlichen jüdischen Meinung selbst gegen die Autorität eines Carasso Effendi, der die Stadt im Parlament vertritt und großes Ansehen in jungtürkischen Kreisen genießt, möglich gewesen ist. Wenn die erst seit kurzem erscheinende „Tribuna Libera" immer solchen unabhängigen und modernen Geist vertritt, so wird sie als positiven Faktor von hohem Werte für die Regeneration des ottomanischen Judentums angesehen werden müssen. Bedauerlicherweise scheint die sich in dem Artikel der „Tribuna Libera" spiegelnde Stimmung in der Hauptstadt nicht so leicht Eingang zu finden! Und just über den Adrianopeler Fall ist ein spaniolisches Blatt in Konstantinopel genau der( entgegengesetzten Meinung, die ganz im Sinne der Carassoschen Äußerungen gehalten ist. Dieses Blatt schreibt: „Es ist mehr zu empfehlen, daß man sich von uns die Idee mache, wir seien ein friedliebendes, tolerantes, den Gesetzen respektvoll gehorsames Element, nicht ein unruhiges und anspruchvolles," und es findet, die Adrianopeler Gemeinde würde einen Fehler begehen, wenn sie die Bestrafung des Beamten fordern würde, der den Zwischenfall hervorrief. Auf diese Logik gibt die „Tribuna Libera" schon vorher die gebührende Antwort. Im übrigen werden, dem „Boz de la Verdad" zufolge, am 21. September von neuem acht Angeklagte in Adrianopel vor der Barre erscheinen, und zwar sieben Juden und ein Türke. Wenn also die Juden friedlich und „tolerant" sind, der Staatsanwalt, wie ersichtlich, ist es nicht. Und wenn nicht der Polizeichef auf der Anklagebank zu finden ist, so doch die Juden, die seiner Willkür Opfer waren. Das Saloniker Qroßrabbinat Bevor noch Rabbi Jakob Mei'r auf seinen Posten in Salonik verzichtet hat und gerade eben in den Tagen, da es immer wahrscheinlicher wird, daß dieses Ereignis gar nicht eintreten werde, zerbricht man sich schon den Kopf um einen passenden Ersatz. So macht die „Tribuna Libera",das Organ des neuen, durch Sezession aus dem Cercle des Intimes hervorgegangenen Klubs, den Vorschlag, einen neuen Großrabbiner für Salonik aus Europa zu berufen, da es niemand in der Türkei gebe, der den Bedingungen dieses Postens Genüge leisten könne. Uns dünkt, daß, gesetzt den Fall des wirklichen Amtsverzichts Rabbi Jakob Mei'rs, sich immer noch Namen in der doch nicht so armen Türkei würden finden lassen. Oder war der jüdisch und universell so tiefgründig gelehrte Rabbi Abraham Danon gut genug für die Kandidatur des ail-ottomanischen Großrabbinats und wäre es nicht für Salonik? Aber auch hier ist wie oft Eile mit Weile wohl am ehesten am Platze.

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