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Die Welt · 1910-09-09 · 36 (9.9.1910) · page 9

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
14 (1910)
Issue
36 (9.9.1910)
Date
1910-09-09
Page
– (sequence 9)
Language
German
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DIE2§Kl ELT 869 No. 36 ist groß wie Moscheh, unser Meister, und selbst er hat geirrt. . . . . Und der Grund der Sache ist einfach: über jedem Mann aus Israel weilt einmal die Schechinah und dann wieder verbirgt sie sich. Und der Unterschied zwischen dem Großen und dem Kleinen ist nur folgender: über jenem weilt sie in Ständigkeit und verbirgt sich für Augenblicke, über diesem weilt sie nur in Augenblicken und verbirgt sich lange Tage, manchmal um nie wiederzukommen. Und auch Moscheh, unser Meister, Friede mit ihm, hat solch einen Augenblick der Verbergung der Schechinah gehabt und geirrt. Glaubte in jenem Augenblick, daß der Stein keine Seele habe, und schlug den Fels, — und das war ein offenkundiger Irrtum, — denn der Heilige, er sei gepriesen, faßt und füllt doch die ganze Welt mit all ihren Wesen. Und wirklich: wie oft ächzst nicht ein Ast an einem Baum, stöhnt ein Stein in der Wand. Und wie oft vergißt der Mensch — und eine Säule hegt Erinnerung und ein Trümmerhaufe ist Zeugnis. In dem Augenblicke der Verbergung der Schechinah aber dachte er wie Aristoteles, — wenn man dies vergleichen darf, — daß das Mineral eine tote Masse sei und ohne Seele , . . Und wer irrt nicht? Vielleicht der Misnoged? Das heißt: auch er irrt, nur nicht auf eigene Rechnung, sondern auf Rechnung anderer, eines Buches, eines Satzes. Seinerseits besteht keine Absicht zum Irrtum. Und man irrt eigentlich nur aus einer Absicht heraus. — Der Misnoged geht seit Ewigkeit her seinen gebahnten Weg, weicht von diesem weder nach rechts noch nach links, und wenn der Weg selber nicht ganz richtig ist, — dann haben „unsere Väter" die Schuld, jene, die den Weg gebahnt. Einer von uns aber denkt, trägt eine Absicht um des Himmels willen — und irrt. Ein Mensch, geht auf die Straße, eine Zedokohbüchse in seiner Hand, ein anderer sorgt um seinen Lebensunterhalt, für seine Familie; ein dritter sitzt über Thora und Gebet in seinem Winkel oder im Bet-Hamidrasch; wieder ein anderer lehnt an seinem Tische, am Chanukkah- oder Purimfeste, ein Geldsäckchen hat er vor sich offen und häuft mit weiter, voller Hand Geld an die Musikanten, Purimspieler, an Witwen und Waisen und Arme aller Art, an jeden, der bittend die Hand ausstreckt; oder es tritt einer als „Abgesandter der Gemeinde" vor die heilige Lade und macht die Welt erzittern; ein Mensch gibt sich der Kabbalah der Tat hin, übt Zeichen und Wunder, macht leibhaftig Tote aufleben und wähnt feindliche Schlachtreihen zu bewältigen, — und dabei irren sie alle, irren, ohne es zu wissen, in einer öden Wüstenei, ohne Wasser, ohne Pfad, und — Gott verhüte es — manchmal ohne Himmel zu Häupten. Und wie viele Menschenkinder irren — daß sich Gott erbarme — in Wüsten zwischen Schlangen, Skorpionen und jeglichem bösem Getier, während sie voll Vertrauens sind, wenn sie ihre eigenen Leibessprossen unter den Trauhimmel führen, oder Waisen oder Armenkinder, und während sie mit brennenden ,,Habdalot" zum Trauhimmel gehen, und während sie vor der Braut hüpfen und tanzen, während sie heilige Pflichten erfüllen, zum Öffnen der Lade hinaufsteigen, die heiligsten Gebete sprechen, während sie als >»Bräutigame der Thora" und als „Bräutigame des Schöpfungsabschnitts" aufgerufen werden, während sie sich mit den Bedürfnissen der Gemeinde befassen, und während sie im Angesichte der betenden Menge des Himmels Namen heiligen . . . Und ahnen nicht, daß sie all dies lediglich mit ihrem Leibe tun, eine eingelernte .„Menschenmizwah", während ihre Seelen, der Teil der Göttlichkeit, in Fernen irren: hinter den Bergen des Dunkels, und schwarz gleich Raben sind, und schwerbelastet, und zucken in der Luft, wie von einem Jäger geschossen, und hungern und dürsten und zittern vor Kälte, — daß Gott sich erbarme! Er schwieg einen Augenblick, schöpfte Atem, tat einen Zug aus der Pfeife und fuhr fort zu reden über die Irrenden und ihr großes Wehe. So geringfügig ist es, abzuweichen von dem Wege, der ins Haus Gottes führt! Einer macht mit irgendeiner Absicht einen Schritt rechts von der Straße, verweilt nur ein wenig, kehrt nur, Gott behüte, ein wenig zu weit nach links zurück und merkt es nicht. Und das Leid des Irrenden in der Wüste ist sehr, sehr groß . . . Denn jeder Irrende ist ein Vereinzelter, ein Einsamer, eine verlassene Waise ... Denn groß ist die Wüste, sehr groß; doppelt so viele als die aus Mizraim zogen, Myriaden, Myriaden Menschen durchirren sie, aber jeder einzelne irrt allein und trifft seinen Gefährten nicht. Und es wandert ein Mensch in einer pfadlosen Öde und hört die Stimme eines andern Menschenkindes, weinend um seine Seele, von einer andern pfadlosen Öde her und nähert sich ihm nicht, ihn an der Hand zu nehmen. Im Gegenteil: er entläuft vor der Stimme, die ihn die Stimme eines bösen Tieres dünkt. Und manchmal entläuft er schon dem Schatten eines Menschen, der sich über die Sandfläche breitet, — denn die Schatten sind dort lang und breiten sich manchmal von einem Ende der Welt bis zum andern, — weil er diesen Schatten für den eines seiner Kinder beraubten Bären hält oder für den eines Löwen, und manchmal erscheint er ihm gar wie der Schatten jenes schwarzen Hundes, der an der Pforte der Hölle lagert. Und dies ist Wesen und Sinn und geheimnisvolle Tiefe jenes Fluches: „Unstet und flüchtig wirst du sein" . . . Denn jeder Unstete und Flüchtige und Irrende irrt in Vereinsamung, preisgegeben und ganz überlassen seiner verödeten Seele, die schwarz bekleidet ist und schwarz umhüllt. — Selbst wenn ein Himmel dir zu Häupten steht, fürchtest du das Haupt zu erheben und zum Himmel zu blicken. Die Sonne, die doch in der Wüste der Irrenden ein wenig leuchtet, ohne irgendwie zu wärmen, erscheint dir wie eine tote Sonne, wie ein Sonnenschatten nur, die Sterne und Tierkreiszeichen, dünkt es dich, spotten deines Jammers und rufen dir zu: „Die hineinkommen, werden nimmer wiederkehren, du hast keine Rettung als das Grab hier drinnen in der Sandwüste." — Und deine Seele krümmt sich vor großer Angst und maßlosem Schmerz, du erniedrigst dein Haupt und blickst hinab, auf dein Grab von morgen, auf den heißen Sand, der dir zu Füßen sich häuft, und siehst ihn an wie eine einzige Gräberstätte. Tote sind darin, — Gewächse, die vor der Zeit verdorrten, Kräuter, die welkten und verbrannten, eh ihre Stunde kam, und du fühlst und weißt deines Sternes Los . . Und wohl noch dem Menschen, der in Ängsten flieht, der den letzten Rest seiner Kraft zusammennimmt, nicht schlummert und nicht schläft und nicht einen Augen-

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