Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 14 (1910)
- Issue
- 36 (9.9.1910)
- Date
- 1910-09-09
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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f» mm: \& 868 DIE30EELT Nö. 36 und Brennen. Weiß ich doch, daß es heutzutage fast unmöglich ist, solche Geschichten zu erzählen. Andere Menschen, eine andere Sprache! Und ich zweifle auch noch, ob ich würdig bin, sie zu erzählen, und das Geschlecht der Zeit, sie zu hören. — Die Welt sucht Zerstreuung und nichtiges Zeug, wie „Broder Geschichten", und denkt gar nicht an die Seele, kann nicht mehr das Allerinnerste in sich saugen, es sieht die Schale von außen und hat kein Verständnis, den Kern herauszuholen. Aber wie dem auch sei, man muß die Perlen aus dem Miste holen . . . Und die Sache begab sich am Ausgang des heiligen Sabbat, gleich nach Habdalah. An jenem Sabbat war die Versammlung sehr klein. Den ganzen Tag war der Himmel bedeckt mit aschgrauen Wolken, und es sagten die Leute, es sei dies ein Perochet*) von Schabbat-Chason. Und einfach unmöglich war es an jenem Tage, jener Traurigkeit Herr zu werden, die unsere Seelen aus der feuchten Luft und dem trüben Himmel sogen. Bei der zweiten Sabbatmahlzeit, als wir versuchten, uns Schulter an Schulter zu stellen gegen jenen bösen Trieb, der in Traurigkeit und Melancholie sich birgt, wehte plötzlich ein Nordwestwind, der kläglich zu heulen begann, und ihm antworteten die Fensterscheiben mit einer Melodie vom „Weinen der Geschlechter", was so klang, wie wenn kleine Gehilfen die Klageweisen eines Vorsängers begleiten. Und noch bei der dritten Mahlzeit hatten nicht wir die Oberhand, obgleich die Jammerlieder und das Scheibenklingen aufgehört hatten. — In Wahrheit muß man berichten, daß mitten während des Tischgebets Rabbi Nachmanke vom Stuhle aufstand, obgleich er ein wenig leidend war, zum Fenster trat, es öffnete und etwas ärgerlich hinaus rief: „Nu! nu!" Das will sagen: Genug schon! '— Sofort legte sich auch der Wind, aber statt dessen begann es nun — tipp! tipp! — zu tropfen, wie in andauernder Ärgerlichkeit. Rabbi Nachmanke blickte einigemal zum Fenster hin, sein Angesicht verdunkelte sich etwas und seine heiligen Augen zeigten einen Ausdruck von Furcht. Seine Lippen flüsterten hin und wieder: „Wirrsal, Gott erbarme sich! Und wie, wenn die Versammlung nicht gar groß ist? Aber das Wieviel geht über das Wie." Und wir verstanden den Sinn der Worte nicht. Sogleich nach Habdalah aber öffneten sich plötzlich die Schleusen des Himmels und fuhren ganze Ströme wütend nieder, als hätte Gott seinen Schwur vergessen. Rabbi Nachmanke tröstete uns und sagte immer und immer wieder: Kein Vergessen ist vor dem Throne seiner Herrlichkeit, — und versank in seine heiligen Gedanken, — und alle Menschen unseres Kreises standen gedrängt vor ihm — und stumm. Und wegen des Regengusses war das Zimmer vollgestopft mit Menschen. In der Mitte saß der Zaddik auf einem hohen Teppichstuhle, dem kostbaren Geschenk eines Danziger Kaufmannes. Selbstverständlich, daß der Zaddik, wie gebührlich, den Mittelpunkt bildete. Aller Augen waren zu ihm erhoben, alle Herzen pochten ihm entgegen, das Ohr war wie ein Sieb, die Seele hungernd und dürstend und harrend dessen, was aus seinem heiligen Munde kam. Und mitten in der Stummheit des Allerheiligsten begann der Zaddik zu rauchen, wie es so seine Weise *) Vorhang vor der heiligen Lade. ist, jeden Sabbatausgang nach Habdalah, bevor er die Geschichten erzählte. An jenem Sabbatabend aber rauchte er in die Höhe, und es war sonnenklar, daß er da mit dem bösen Triebe um die Herrschaft rang und kämpfte. Und Rauchsäulen schössen aus seinem heiligen Munde, wie Pfeile aus der Hand eines Bogenschützen. Aber über dem Angesichte des Zaddik schwebte noch immer der Schmerz, der Schmerz des Sabbatausgangs, der Schmerz um die Trennung der „oberen" Seele. W7ie er zu sagen pflegte: die obere Seele ist das Allerwesentlichste, denn ohne sie vertieft sich das Golut — der Himmel erbarme sich,, — wie der unterste Abgrund, die Seele verschrumpft vor großer Kälte in arger Dunkelheit, und der böse Trieb obsiegt. Die Wrelt versinkt ganz in Alltagssorgen, — und noch manch anderes geschieht, was nicht hier des weitem zu verfolgen ist. Trotzdem aber waren seine heiligen Augen voll eines Funkeins und Leuchtens gleich heiligen Edelsteinen und glanzverhreitend; das war die Würde und der Wille des Zaddik und sein mächtiges Vertrauen, daß am Ende doch er ein Lenker der Welt ist, und in näherer oder ferner Zeit er alles Gekrümmte gerade richten, über die Hemmnisse siegen und den Wagebalken auf seine Seite zwingen werde. Und so hob sich sein Glaube immer stärker und begannen seine heiligen Augen leibhaftig wie Sonnen zu glühen, und wir sahen, wie die Lichter in den Leuchtern zu Schanden wurden, daß sie wie trübe Flecke nur erschienen. Und zu dieser Stunde sahen wir, daß jener Rauch kein, gewöhnlicher Rauch ist, sondern das wirkliche Werkzeug eines Heldenkampfes, und da begannen wir Zusammengehörigenpihm mit allen Kräften zu helfen, und sogen jeder einzelne an seiner Pfeife mit viel Anstrengung und Inbrunst. Und in der Stummheit des Allerheiligsten hob sich die Rauchsäule vom Opfer der Gemeinde und bedeckte sie, und es verschwand völlig die beschränkende Decke, — und da empfanden wir alle, daß hinweggenommen war die Schranke zwischen dem Heiligen unten und dem Heiligen oben, daß zu unsern Häupten der Himmel offen ist und Engel auf- und niedersteigen; — das Rauschen ihrer Flügel konnte man hören, und wir fühlten, daß auch sie dürsteten und verlangten und harrten der Erzählungen des Zaddik, die in den Bergen der Heiligkeit ihren Grund haben, ganz durchwoben von Geheimnissen und Rätseln der Thora, ja ihre Gipfelhöhen reichen bis an den blanken Saphir unter dem Throne der göttlichen Majestät . . . Und dann begann der Zaddik zu erzählen. . . . Die Stimme des Zaddik — wie bekannt — ändert sich und wechselt je nach dem Inhalte des Erzählten. Zumeist beginnt sie voller Schmerz und Gram wie im „El mole rachamim", dann plötzlich ermannt sie sich und steigt bis an die Tore der Freude wie im: „Heute wirst du uns Stärke geben", oder bis zu jener gewaltigen Erhabenheit des „Wajigdal". An jenem Abend aber war seine Stimme traurig vom Anfang der Erzählung bis zu ihrem Ende. Und so hob er an in schlichter Volkssprache: „Einmal hab ich geirrt" und fuhr fort, daß dies nicht das erste- und nicht das letztemal gewesen, sondern er irrte viel- und vielemal im Leben. Und sagte, daß daran nichts Neues sei. Denn wer