Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 14 (1910)
- Issue
- 36 (9.9.1910)
- Date
- 1910-09-09
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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No. 36 ÜlETOELT 867 spräche allein, sondern eben durch die Gesamtheit der Kultur- und Rassenmomente bestimmt. Am allerwenigsten jedoch ist die . Umgangssprache geeignet, brauchbares Material zur Beurteilung der Kräfteverhältnisse der Volksstämme zu liefern. Die Wissenschaft überläßt es eben jedem einzelnen zu entscheiden, ob für ihn der Volksstamm, dem er entsprungen, der Kulturkreis, in dem er erzogen wurde, oder das sozialökonomische Milieu, in dem er lebt und dem er sich anpaßt, für sein Volks- und nationales Bewußtsein bestimmend sind. Die Soziologie und das Recht stehen auf dem Standpunkt eben der Selbstbestimmung. Die Zählung der Umgangssprache hat die Zahl der Tschechen um etwa 400 000 (nach einer Interpellation des Abgeordneten Srb und Genossen) verringert, um die Zahl der Deutschen in Österreich um ebensoviel zu vergrößern, sie hat es zuwegegebracht, die Existenz eines Volksstammes von 1200000 Seelen — der Juden Österreichs — hinwegzuzählen, um den Polen einen Zuwachs von 620000 „Nationsgenossen" zuzuschanzen. Herr Baron Haerdtlwird sich hüten, diese vorzüglicheErhebungsmethodeaufzugeben. Der Schluß der Regierungsmeldung enthält dieses Geständnis. Man höre: Abgesehen von den oben bezeichneten Bedenken gegen die statistische Erhebung der „Nationalität" überhaupt begegnet nämlich die Erhebung der Sprache gewichtigen Bedenken vom Standpunkt der technischen Verarbeitung des Volkszählungsmaterials. Während die Frage nach der Umgangssprache im allgemeinen ohnehin mit der Bezeichnung jener Sprache beantwortet wird, die den sprachlichen Bedürfnissen des Gezählten entspricht, würden die Abweichungen der Eintragung in die eine und in die andere Rubrik die Beurteilung der tatsächlichen Verhältnisse auf Grund des Volkszählungsmaterials erschweren, ohne positive statistisch verwertbare Taten zu Tage zu fördern. Das ist des Pudels Kern! Die Einführung der Nationalitätenrubrik würde „Abweichungen" von der „sprachlichen" Zählung ergeben, die sehr empfindlich werden könnten. Diese unwissenschaftliche Kollision vermeidet tapfer die statistische Zentralkommission. Bei dieser Gelegenheit schenkt sie uns^ine neue Definition der „Umgangssprache", dieser kostbaren Erfindung deutsch-österreichischer Professorenweisheit. Was ist die Umgangssprache? In den Ministerialverordnungen von den Jahren 1880, 1890 und 1900 wird sie als die Sprache bezeichnet, „deren sich die Person im gewöhnlichen Umgang bedient." Die Definition ist so wissenschaftlich, daß sie sofort einen Schwärm von Fragen heraufbeschwört. „Im gewöhnlichen Umgang", aber wo? In der Familie, im Berufsverkehr, in der Schule, im Amt, in der Kirche, auf dem Markt? Nun hat sich die statistische Zentralkoramission gedrängt gefühlt, diese unbedeutende Unklarheit zu beseitigen und ihrem neuesten Gutachten entnehmen wir, daß die „Umgangssprache" diejenige ist, „die den sprachlichen Bedürfnissen des Gezählten entspricht"! Man fragt sich unwillkürlich: Ist es unbewußte oder gewollte Verdunklung? Das „sprachliche Bedürfnis** wechselt beständig, je nach den zeitlichen und örtlichen Umständen. Ein Deutschböhme spricht zu Hause deutsch, in seiner Fabrik mit den tschechischen Arbeitern redet er tschechisch und auf einer Geschäftsreise in Ungarn oder im Küstenland wird er gar gezwungen sein, magyarisch undjjtalienisch zu verhandeln. Also ist seine Sprache ebenso vielfältig, wie seine „sprachlichen Bedürfnisse." Ein galizischer Jude spricht in seinem Familienkreis und in der Synagoge jüdisch, in der Bezirkshauptmannschaft fördert er den polnischen Stil und auf dem Markte spricht er fließend ruthenisch, etwa wie die Helden Scholem-Aleichems. Was ist seine „Umgangssprache"? Die Statistik aller europäischen Staaten kennt die „langue parlie" als „Familiensprache", „Muttersprache", mitunter auch die Rubriken „rorigine" „Herkunft" „Volksstamm" und „Nationalität". Nur den österreichischen Statistikern ist es vorbehalten geblieben, die „Umgangssprache" zu erfinden und den ohnedies dunklen Sinn der Frage durch absichtlich nichtssagende Definitionen noch zu verwirren. Bedenkt man noch, daß die Ministerialverordnung es den Juden unmöglich macht sich zur jüdischen Umgangssprache als einer nicht „landesüblichen" zu bekennen, wird man ermessen, wie schwer es ist, den Juden Österreichs eine klare Parole für ihr Verhalten bei der Volkszählung zu geben. Baron Haerdtl hat das Wort ergriffen, das kann der Judenheit Östeireichs nichts gutes bringen. Die galizische Enquete. Die vom galizischen Landesausschuß einberufene Enquete über die jüdische Verarmung in Galizien wird, wie schon kurz gemeldet, am 19. September abgehalten. Ein Fragebogen, der sehr gewissenhaft abgefaßt ist, enthält . das Programm der bevorstehenden Beratung. Der Landesausschuß, sollte man seine Wissensbegierde nach diesem geschickt redigierten Schriftstück beurteilen, will ein klares Bild der Berufsgliederung der Juden Galiziens entrollen. Die Ursachen des Niedergangs des jüdischen Handwerks und Handels sollen bloßgelegt werden, ebenso der Zusammenhang dieser Verelendung mit der allgemeinen industriellen Entwicklung oder mit der Rückständigkeit Galiziens, sowie mit der genossenschaftlichen Organisation der Bauern als Produzenten und Konsumenten. Die Wirkungen der Gesetzgebung, — etwa der Sonntagsruhe, der Aufhebung des Propinationsgesetees — sollen festgestellt werden. Die Teilnehmer der Enquete werden eingeladen, ihr Gutachten über eine ganze Reihe von Maßnahmen zur Linderung der Not abzugeben. Dabei sind zur Diskussion gestellt: die Industrialisierung des Landes, Reorganisation des billigen Kredits, Ausgestaltung des Arbeitsnachweises, innere Kolonisationsversuche, Schaffung eines jüdischen Genieindeverbandes, staatliche Subventionierung der jüdischen Schulen, Regelung der Auswanderung und mehrere andere Reformvorschläge. Daß aber diese Fülle des Materials, diese zahlreichen, mitunter recht komplizierten und strittigen Probleme des galizisch-jüdischen Lebens im Laufe einer eintägigen Diskussion auch nur entfernt erschöpfend erörtert werden können, müssen wir schlechtweg bezweifeln. Die Enquete wird eben nichts mehr als ein reichhaltiges Material zur Beurteilung der Lage der Juden Galiziens liefern. Für die tatsächliche Besserung der unsäglich traurigen Verhältnisse wird und kann sie nichts bedeuten. Dies liegt auch wahrscheinlich im Plane ihrer Veranstalter, die nur politische Spiegelfechterei betreiben. Der galizische Landesausschuß rechnet mit der Möglichkeit der Auflösung des Abgeordnetenhauses und geht zeitig auf den Wählerfang. O [[□□□□□□ o VN- _____________ FEUILLETON Die Vögel und die Pergamente (Aus den Erzählungen des R. Nachmanke) Aus dem Hebräischen des J. L. Perez. □ □□□□ =^v o Es ist allen Menschenkindern bekannt, daß der Zaddik Rabbi Nachmanke gerne Geschichten erzählte. Und diese Geschichten sind heilige Edelsteine, gefaßt in Ophirgold, oder, anders gesagt: Geheimnisse der Torah im Gewände von Geschichten und Märchen, wie „die sieben Bettler" und ähnliche. Und wenn ich die Menge befriedigen und sie von neuem in Druck bringen will, empfinde ich ein Zittern