Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 14 (1910)
- Issue
- 36 (9.9.1910)
- Date
- 1910-09-09
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/3315709-3316406-3316442--53657-3347421- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
866 DIETOELT No. 36 besondere Universität ffir Juden einzurichten. — Klingt das nicht wie bittere Ironie gegenüber dem Vorgehen, das dem Aufklärungsminister gegenüber den jüdischen Mittelschulen beliebt? Noch barbarischer mutet uns das von uns schon gemeldete Zirkular über die Grodnoer jüdischen Lehrerkurse an. Wenn bei der Verfolgung der studierenden jüdischen Jugend irgendwelcher logische Gedankengang — „logisch" natürlich im Sinne eines russischen Bureaukraten und Judenfressers gedacht — geltend gemacht werden könnte, ist diese Verfügung schon ganz unverständlich. Haben ja diese Kurse mit der Regierung absolut nichts zu tun; die Lehrer, die hier ihre Ausbildung erhalten, fallen der Regierung keineswegs zur Last, sie können in keiner Weise den russischen Lehrern konkurrenzgefährlich werden; sie werden sämtlich in den jüdischen Gemeinden oder sonstigen privaten jüdischen Volksschulen angestellt. Das einzige Motiv für diese wilde Verfügung kann nur das leidenschaftliche Bestreben sein, den Juden auf jede Weise den Garaus zu machen. Und der russische Minister ist allgewaltig in seinem Wollen, und nichts steht ihm im Wege in seinem „Kulturkampf" gegen die Juden. Umsonst schreien und klagen die von seinen Zirkularen betroffenen Schuldirektoren, er richte sie zugrunde: Schwarz ist unerbittlich, — er ließ sogar die jüdischen Direktoren zu keiner Audienz zu. Schwarz schreitet selbstbewußt und siegreich auf seinem Wege weiter. Der Zar in Friedberg. Wir haben schon letzthin von der Ausweisung jüdisch-russischer Familien aus Hessen berichtet, die einzig und allein aus dem Grunde erfolgt ist, weil der Zar mit seiner Familie zur Erholung nach Friedberg kam. Diese Polueipraxis wird unentwegt weiter geübt. So schreibt die „Frankfurter Zeitung" am 5. September: „Während von Nauheim aus geflissentlich der Ansicht entgegengetreten wird, als ob der Besuch des Zaren zu irgendwelchen Belästigungen durch ausländische Besucher geführt habe, wird uns von verschiedenen Fällen berichtet, in denen recht rücksichtslos gegen Ausländer vorgegangen wird, denen nichts weiter zur Last liegt, als daß sfe Ausländer sind, und daß sie russischen Polizeiorganen aus irgendwelchem Grunde verdächtig sind. Man weiß ja, wie leicht die russische Polizei verdächtige Leute, auch wenn sie noch so harmlos sind, zu Anarchisten stempelt und als solche fremden Polizeibehörden denunziert. Das scheint jetzt in ziemlich erheblichem Umfange geschehen zu sein, und es sollen umfangreiche Listen von Personen existieren, denen aus diesem Grunde der Aufenthalt in Orten, die nicht weit von Friedberg liegen, verwehrt wird. Namentlich in Frankfurt wird anscheinend das Ausweisungswesen ziemlich streng gehandhabt. In einer Anzahl von Fällen sind in der letzten Zeit Ausländer mit Ausweisungsbefehlen bedacht, manche auch gleich in Polizeigewahrsam genommen worden, ohne daß erkennbare Gründe vorlagen. Ein solcher Fall hat sich dieser Tage wieder ereignet. Zurzeit hält sich in Frankfurt eine jüdische Theatergesellschaft auf, die ein nur auf kurze Zeit berechnetes Gastspiel hier geben will. Zu dieser Gesellschaft gehört u. a. ein Schauspieler namens Eisenberg, ein geborener Russe, der aber schon seit seinen Kinderjahren aus seinem Geburtsland verzogen ist. Dieser war am 30. August eingetroffen; am folgenden Tage wurde er plötzlich in einem Restaurant verhaftet und in Polizeigewahrsam geführt, wo er die Nacht über auf harter Pritsche zubringen mußte. Am nächsten Tage erfuhr er, daß man ihn als Anarchisten bezeichnete, während er nach seiner Angabe sich nie um Politik gekümmert hat. Das einzige Positive, was man gegen ihn^ vorbringen konnte, war, daß er einmal in London ein Gedicht über den Zaren vorgetragen hat, das sich auf den russisch-japanischen Krieg bezog. Das geht die deutsche Polizei zweifellos nichts an. Vermutlich hat die russische Polizei ihn daraufhin ohne weiteres für einen Anarchisten erklärt, und die preußische Polizei glaubt das ohne eigene Prüfung. Der Mann wurde zwar tags darauf entlassen, wurde aber angewiesen, Frankfurt spätestens am Montag zu verlassen. Wir fragen, mit welchem Recht denn hier eine Verhaftung vorgenommen worden ist, wo doch ein strafbares Verschulden offenbar von der Polizei selbst nicht behauptet worden ist? Und wir fragen weiter, wodurch denn der Ausgewiesene sich „lästig" gemacht hat, der niemandem zur Last fiel und hier in seinem Berufe seinen ehrlichen Erwerb suchte? Wie will man das ganze Verfahren rechtfertigen? Man soll doch wegen des Aufenthaltes des Zaren in Deutschland nicht andere, die sich hier aufhalten, belästigen und ihnen durch rigorose Ausweisungen wirtschaftlichen Schaden zufügen." Leidenschaftslose Beharrlichkeit. Die österreichische Bureaukratie hat sozusagen ihre eigne Theorie des Gotlesgnadentirms. Sie führt den schönen Namen: „leidenschaftslose Beharrlichkeit". Dr. v. Körb er hat das Wort geprägt. Seine Bedeutung ist, daß sich die österreichische Verwaltung blutwenig um die öffentliche Meinung kümmert und sich kaltblütig über Parlamentsbeschlüsse hinwegsetzt. Der Budgetausschuß, und daraufhin auch das Abgeordnetenhaus des Reichsrats, haben in einer Resolution die Erhebung der Nationalität, also der Volkszugehörigkeit, bei der bevorstehenden Volkszählung (am 31. Dezember 1910) verlangt. Man sollte glauben, daß der Wunsch und Beschluß des Reichsrats dem Minister des Innern Befehl sein wird. Allein Herr v. Haerdtl denkt anders. Er weiß, daß die Abstimmung der Regierungsparteien nur ein Scheinmanövergär, er weiß, daß die Nationalitätenrubrik den Polen und den Deutschen vtrhaßt ist. Er mißachtet daher den Reichsratsbeschluß, läßt sich von der statistischen Zentralkommission ein „wissenschaftliches" Gutachten vorlegen, und die unerwünschte Rubrik ist unter den Tisch gefallen. Die offizielle Mitteilung stellt fest, daß das Erhebungsprogramm und die Ministerialverordnung mit den Fragen und Bestimmungen für die frühere Volkszählung übereinstimmen. Sie setzt dann fort: Dies gilt insbesondere von dem zu erhebenden sprachlichen Moment. In dieser Beziehung wird auch bei der bevorstehenden Volkszählung im Sinne des Gutachtens der statistischen Zentralkommission die Umgangssprache erhoben werden. Durch Festhalten an dieser bei den bisherigen Volkszählungen eingelebten Frage nach der Umgangssprache bleibt die Volkszählung auch fernerhin auf die Erhebung einer aktuellen Tatsache gerichtet, die geeignet ist, über die sprachliche Struktur der Bevölkerung sowie über die Geltungsgebiete der einzelnen Sprachen Aufschluß zu geben. Die Ignorierung und Mißachtung des Parlamentsbeschlusses werden mit nachstehendem, nichtssagendem Gestammel begründet: Bekanntlich ist das Verlangen gestellt worden, die Nationalität zum Gegenstand der Fragestellung zu machen; hierdurch würde jedoch die Frage auf ein seiner Natur nach unkontrollierbares Moment gerichtet werden, das sich im wesentlichen nach Abstammung, Blutmischung und verschiedenen selbst in der Wissenschaft nicht durchaus feststehenden Umständen bestimmt und daher für die statistische Erfassung und Erhebung konkreter Tatsachen nicht geeignet ist. - Auch für eine Erhebung der Muttersprache ist eingetreten worden. Wird als Muttersprache jene Sprache betrachtet, in der eine Person von Kindheit auf zu denken und sich auszudrücken gewohnt ist, so wird diese Sprache der ersten Lebenszeit unter andern Lebensverhältnissen sehr oft durch eine andere verdrängt. Der ursprüngliche Sprachengebrauch verliert das aktuelle Interesse; auch wird die Muttersprache oftmals durch rein zufällige Umstände bestimmt, sie entbehrt dann vollständig der ihr beigelegten Bedeutung eines Kriteriums der Stammesangehörigkeit. Die Volkszählung kann aber nur mit feststehenden aktuellen Tatsachen rechnen und muß dieselben mit möglichster Genauigkeit erfassen. Diesem im Polizeirapportstil verfaßten Wortschwall ist nur zu entnehmen, daß man im Ministerium des Innern Wissenschaftlichkeit vorschützt, um die völlige Hilflosigkeit gegenüber dem Nationalitäten - problem schamhaft zu verschleiern. Gewiß ist die nationale Zugehörigkeit ein „unkontrollierbares Moment", das will sagen, sie läßt sich polizeilich und amtlich am' Schalter nicht feststellen. Eine Leibesvisitation hilft nur in besondern Fällen. Die Nationalität wird nicht durch die Abstammung allein, nicht durch die Mutteri.&x