Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 14 (1910)
- Issue
- 36 (9.9.1910)
- Date
- 1910-09-09
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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Wenn Akten angelegt werden, so müssen sie alles, aber auch alles, was zur Materie gehört, enthalten. Sie müssen Aufschluß geben über alles, was zu der betreffenden Sache geschehen ist, was gesprochen und geschrieben wurde. Ich konnte also wohl beim Studium dieser Akten annehmen: Quod non est in actis, non est in mundo. Daß irgendetwas nach dem Januar 1909 zur Sache von der Kommission geschehen sein sollte, konnte ich nicht annehmen, da eben nichts davon in den Akten steht. Herr Dr. L. überzeuge sich also in den Akten selbst, wie wenig er berechtigt war, — abgesehen von der Ungehörigkeit, — jenes zu schreiben. Übrigens kann er dann aus den Akten auch ersehen, daß die Kommission noch in einem andern Punkte anderer Meinung war, als er angibt. Und nun behauptet Herr Dr. L. etwas höhnend, ich wolle die gewiß schwierige .Materie „im Handumdrehen erledigen". . . Ich glaube, daß mein Artikel ihm dazu keinen Anlaß gibt. „Im Handumdrehen erledigen" wollte diese schwierige Angelegenheit eher jene Instanz, die die paar hundert Mark (wie gering bei diesem Millionenobjekt!) nicht hergeben wollte, die die Kommission beanspruchte für das Gutachten wirklicher Sachverständiger in der Türkei (denn die Herren der Kommission sind doch nicht viel mehr sachverständig in dieser Frage wie etwa ich), sondern die Sache damit abtat, daß sie erklärte, sie glaube nicht an die Realisierbarkeit. „Im Handumdrehen erledigen" wollte Herr Dr. Leszynski diese schwierige Materie dadurch, daß er in seinem ersten Artikel schrieb, die Kommission hätte ihr Gutachten abgegeben mit dem Worte „Unmöglich", ohne jede Einschränkung, während er jetzt zugibt, die Kommission hätte „zunächst weitere Ermittlungen in der Türkei verlangt". Diese Ermittlungen wollte die Kommission vornehmen, das Geld dazu wurde ihr nicht bewilligt. Als das nicht geschah, hätte die Kommission sich m. E. an die weitern Instanzen wenden müssen. Sie durfte sich aber, so scheint mir wenigstens, sich nicht damit begnügen, wie Herr Dr. L., zu sagen: „Vielleicht hat das E. A. C. die Sache weiter verfolgt." Vielleicht ... um so unangebrachter, als das Gegenteil aus bei den Akten befindlichen Briefen klar hervorgeht. Oder ist es vielleicht ein Verbrechen, einmal anderer Ansicht zu sein, wie eine höhere Instanz? oder einen Appell an eine noch höhere zu richten? Das E. A. C. kann nicht alles tun. Ich glaube, daß es nicht nur das Recht, sondern die Pflicht jedes einzelnen Zionisten ist, wenn er eine Sache für gut und fördernswert hält, wenn er glaubt, daß mit irgendetwas dem Zionismus oder dem jüdischen Volke gedient werden kann, alle weitern Instanzen dafür zu interessieren, mit allen parlamentarischen Mitteln. Mit der Schekelzahlung allein ist es noch nicht getan. Und bei den alten Griechen galt es nicht einmal für eine Gotteslästerung, wenn man annahm, daß zuweilen sogar die Götter schliefen. . . . Doch bedarf es eigentlich noch der Erörterung von Möglichkeiten? Dieselbe Nummer der „Welt" bringt die Nachricht von der Begründung einer „Jüdischen Versicherungsgesellschaft" in Jerusalem. Hoffentlich ist sie in unserm Sinne. Dann werden alle Arbeitswilligen sie fördern und unterstützen, das werden alle Warner und Zauderer und ängstlichen Gemüter nicht hindern können. Herrn Hoofien bin ich für seine Erklärung aufrichtig dankbar. Ich glaube, sie wird nicht bloß mir erwünscht gekommen sein. Auch hierbei könnte man vielleicht sagen: „Alles übrige ist nur Kommentar." Darum denke ich auch, daß wir auch in bezug auf die Versicherungsfrage noch zusammenkommen werden. Schließlich noch eine kleine Berichtigung: Auf Seite 839, Spalte 1, Zeile 4/3 von unten hieß es nach meinem Manuskript nicht „der jüdischen Errungenschaften", sondern „alles Jüdischen". REVUE DER WOCHE r^=sj; □ □ddp) o O o /, " o f? -o < O □□□□□ o o ^- <Q ( Ifc - Schwarz zieht und siegt . . . Wer die Tragödie des jüdischen Volkes im Golus verstehen will, der gehe hin und sehe dem Treiben der russischen Staatsgewalten zu. Zwischen den niedrigsten Lokalbeamten wie den allmächtigsten Staatslenkern herrscht eine eifrige Konkurrenz, die Juden am schlimmsten zu schikanieren und ihnen das Leben sauer zu machen. Die Freiheit jeder Bewegung ist ihnen genommen, das Atmen frischer Luft strengstens verboten. Gewalttätigkeit gegen ihr Gut und Blut wird eher angeregt als bestraft, die leiseste Regung ihres Ichs wird grausam unterdrückt. Jeder neue Tag bringt neue kuriose Kapitel für das Buch „Judenbedrückung in Rußland". Das beste Stück Arbeit leistet der Bildungsminister Schwarz. Was dieser sich gegen die Juden erlaubt, übertrifft jedes sogar in Rußland gebräuchliche Maß despotischer Willkür. Er hat sich zum Ziel gesetzt, die Juden in seinem Machtgebiet förmlich zu terrorisieren und führt auch seinen Vorsatz konsequent durch. Seitdem er zur Herrschaft gelangt ist, hörte der Regen von Zirkularen und Verordnungen nicht auf. die allesamt die Niederdrückung des geistigkulturellen Bildungsniveaus der jüdischen Bevölkerung bezwecken. Nachdem er mit brutaler Rücksichtslosigkeit die minimalste Prozentnorm aus der alten guten Zeit in den Hochschulen und Regierungsgymnasien durchgeführt, in manchen sogar die Prozentnorm herabgesetzt und in manchen gar, wie z. B. in der Kunstakademie, die Prozentnorm neu eingeführt, den Externen das Examen fast unmöglich gemacht hat, ging er an die Privatschulen; auch diese dürfen keine Juden nach Belieben aufnehmen und müssen dem Beispiel der Regierungsschulen folgen. Mögen auch dabei die Interessen der christlichen Bevölkerung stark leiden, mögen auch viele solcher Schulen aus Mangel an nichtjüdischen Schülern zugrunde gehen, — Schwarz muß sein Prinzip durchsetzen. „Mir ein Auge — und dir zwei!" lautet die Schwarzsehe Maxime. Nun ist die Reihe an die jüdischen Privatgymnasien gekommen. Im ganzen gibt es in Rußland nicht mehr als sechs solcher Schulen, die von jüdischen Direktoren ausgehalten und ausschließlich von jüdischen Schülern besucht werden; zu den zwei ältern Gymnasien in Odessa und Petersburg, welche vor der Revolution gegründet worden sind, traten in den Jahren 1906—1907 noch die jüdischen Gymnasien in Wilna, Hornel, Riga und Minsk, die sofort bei ihrer Gründung oder eine kurze Zeit nachher bestätigt wurden. Diese paar jüdischen Schulen sind aber dem Minister Schwarz ein Dorn im Auge; die Juden dürfen keine Spur von den durch die Freiheitsbewegung ihnen gewährten Rechten behalten, ja sogar die paar erbärmlichen Rechte, die sie vorher besaßen, müssen ihnen restlos geraubt werden. So werden die sechs jüdischen Privatgymnasien ihrer „Rechte" beraubt, trotzdem die kompetenten Referenten auf die Anfrage des Ministers ihre Zufriedenheit mit den jüdischen Schulen ausdrückten. In die Regierungsschulen dürfen die Juden nicht kommen, in die christlichen privaten Schulen nicht — und in die jüdischen Privatschulen auch nicht . . ., wohin sollen sie denn kommen? Und die Ironie des Schicksals wollte es, daß gerade jetzt, wo die Prozentnormwut des Schwarz sich von Tag zu Tag steigert, die Lernlust der russischen Jugend stark nachgelassen hat und die Lehrstätten zur Hälfte leerstehen, wodurch die Skala der Prozentnorm tief gesunken ist und die Chancen der jüdischen jungen Leute auf Vakanzen sehr verringert worden sind. In der Petersburger Universität werden kaum 35 Juden (auf 1000 Nichtjuden) Aufnahme finden können, im Polytechnikum ganze vier Juden (auf 1250), in der Kunstakademie ein Jude, — in das Berginstitut, ins elektrotechnische Institut, in die medizinische Militärakademie (dem Beschlüsse der Reichsduma gemäß), auf die historisch-philologische Fakultät, die fast leer ist, und andere Hochschulen werden Juden jetzt überhaupt nicht zugelassen. Demnach müssen die Juden dafür sorgen, daß der Bildungsdrang der christlichen Bevölkerung des Landes nicht abnehme, damit 3 oder 5 von ihnen zusammen mit hundert christlichen jungen Leute in das Heiligtum des Wissens eindringen können. . . Es wird mit den Juden wie mit einem Spielball gespielt und der frechste Spaß getrieben. Neulich äußerte der Dumapräsident Gutschkow in einem Interview, man plane, eine 2