Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 14 (1910)
- Issue
- 36 (9.9.1910)
- Date
- 1910-09-09
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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Australien wie in Asien unendlich kritisch sind. Vor allem sind sie schwierige Untertanen. Schöpfer und keine Geschöpfe, Väter ihres Landes und keine Kinder. Losgelöst vom Zwange der alten Heimat, der altgewohnten Ordnung des geschlossenen Staatswesens, fühlen sie behördliche Autoritäten als nutzlosen oder gar schädigenden Zwang. Unsere Kolonisten, zumeist Juden aus dem Osten, dem lästigen Zwang feiler Behörden, der bittersten Unterdrückung entronnen, sie sind nunmehr im Qlücke des eignen Besitzes, in der Freiheit des vaterländischen Bodens ganz unfähig, irgendeine Bureaukratie zu ertragen. Wissen wir doch, wie sie die „Administration" überwunden haben, und wir müssen mit Freude gestehen, und die gedeihenden Dörfer beweisen es, daß unsere jüdischen Bauern zur Selbstverwaltung berufen sind. Dieses neuerstandene jüdische Geschlecht ist unendlich stolz und selbstbewußt, vielleicht etwas Parvenü der Arbeit, bei dem nur der Geltung hat, der wie sie den Boden bearbeitet und bezwingt, und der mit ihnen ihr Leben lebt. Beamte von auswärts gelten wenig, kaum wenn sie über Millionen verfügen, sicher nicht, wenn sie bloß ein Bureau zu verwalten haben. Was immer das Palästinaamt in den nächsten Jahren leisten sollte, es wird vor dem zurückstehen, was die Ica macht, was Rothschild schuf, was private Initiative leistet, und es wird nur dort Einfluß'haben, wo man seiner Unterstützung bedarf. Die Unbeteiligten bleiben gleichgültig, jene, deren Wege man kreuzt, werden zu erbitterten Gegnern, deren es immer mehr geben wird. Denn alle Projekte wirtschaftlicher oder humanitärer Art werden von uns und auch von Nichtzionisten dem P.A. vorgelegt. Dieses kann es weder alles billigen, noch alles verstehen, wohl aber soll es stets ein Urteil abgeben und muß Fachleute fragen oder andere Wohlmeinungen einholen. So kommt es in die Lage, vieles ablehnen oder stören zu müssen, ohne auch nur dort ausgiebig helfen zu können, wo es einverstanden ist. Es sollte auch in Palästina um das Palästinaamt eine Art parlamentarischer Vertretung der Zionisten geschaffen werden, die im Wesen vom Palästinaamt ganz verschieden sein müßte. Mögen nur die Kolonisten dabei nicht vergessen werden, die sich ganz von uns zurückgezogen haben, weil man sie zu wenig im Rate aufgerufen hat. Die Kolonisten sind stolz im Bewußtsein, uns nicht zu brauchen. Wir aber müssen sie gewinnen. Ohne diese Pioniere der Arbeit und ohne die jüdischen Arbeiter würde ich von Palästina nichts wollen und ihm nichts bieten. Und so denken alle, die das Land kennen gelernt haben. Die jüdischen Kolonisten fühlen sich zurückgesetzt, sie sagen es offen: „Siedeln Sie sich erst hier an und Sie verlieren sofort an Wert und Schätzung in Europa, man hält Sie dann für einen Chalukaisten." Die Leute wollen nichts umsonst, sie schenken auch so leicht nichts her. Sie sind wie alle Menschen, die in harter Arbeit dem Boden seine Gaben abringen müssen, und sie sind recht so, wie sie sind. Die enttäuschten Besucher vergessen, daß sie in Festtagsstimmung kommen, der Kolonist aber im Alltag lebt .... In diesem Chaos von berechtigten Klagen, die jeder, der sich Vertrauen zu erwerben weiß, von den ernstesten Leuten zu hören bekommt, ist es schwierig genug, ja fast unmöglich, sich die Frische der zionistischen Gesinnung, die Fülle des Enthusiasmus zu wahren, die man nach Palästina gebracht hat. Und zeitweilig scheint es, als ob der Zionismus wirklich steril geblieben sei und nichts geschaffen habe. Jene Veränderungen aber, dieses sichtbare Vorwärtsschreiten seit zehn Jahren, kann das geleugnet werden? Nein, aber nicht wir haben es geschaffen, heißt es, sondern die Ica, die Arbeit der Kolonisten, der Hilfsverein usw. Darin liegt ein gut Stück Wahrheit, — aber wenn Herzl den Zionismus nicht zu einer, Weltbewegung erhoben hätte, Palästina wäre heute halb vergessen, und die jüdischen Kolonien wären nach den ersten Mißerfolgen als verfehlte Experimente liquidiert worden. Und wem dankt man die neu erwachte nationale Kultur in Palästina? Wenn der Polarforscher den hohen Norden verlassen hat, dann zittert die magnetische Nadel wieder im Kompaß und sie strebt zurück zum Pole. Mögen Herz und Sinn aller, die Palästina besucht haben, stets nach Osten gravitieren, aber man tadle auch jene nicht, die nun Kritiker des Bestehenden geworden sind. Wer Palästina kennen gelernt hat und es nicht genügend liebt, um zu kritisieren, der ist nicht wert, den Boden unserer Väter betreten zu haben. Wer in Palästina war und bloß kritisiert, ist nicht würdig, wieder hinzukommen. Daß aber jedem, der guten Willens ist, Gelegenheit zur Arbeit werde, das sei unsere Sorge, die Aufgabe der Organisation, Denn nichts ist gefährlicher, als aus der Bahn geschleuderte Arbeitslust. Zur Frage eines jüdisch-palästinensischen Versicherungs-Unternehmens Von Hugo Schachtel, Breslau Auf die an meine Ausführungen in der vorwöchentlichen Nummer der „Welt" geknüpften Bemerkungen habe ich zu erwidern : D e Darlegung der Gesichtspunkte des Leszynskischen Gut achtens widerlegt nichts von meinen Ausführungen. Da sind nur einige zum Teil andere Auffassungen, ohne auch nur den Versuch einer sachlichen Begründung der differierenden Punkte. Bei Punkt 3 übersieht L. die Möglichkeit, daß Geldgeber unc Versicherungsnehmer identisch sind, nämlich bei der Gegen seitigkeitsgesellschaft, die für uns am ehesten in Betracht kommt und gerade von mir proponiert wurde. In diesem Falle gibt er wohl „eine Möglichkeit und einen Rechtsgrund", etwaige Über schüsse andern als den persönlichen Zwecken der Beteiligten zu zuführen, nämlich auf Grund der vorher stipulierten Versicherung? bedingungen. Bei Punkt 5 spricht L. von „gewagten Spekulationen", ohn seine „verschiedenen Gründe" anzugeben, die zu hören doch fii die Sache nicht ohne Bedeutung wäre. Doch das nur nebenbei. Neu ist mir aus den Ausführungei L.'s, d-iß nach dem März 1909 die Kommission noch in der Sach etwas gearbeitet hat, nämlich, daß sie im Dezember 1909 ih definitives Gutachten dem E. A. C. überreichte. Eine andere Arbei führt L. auch' nicht an. Diese eine von mir nicht erwähnte Arbei erscheint ihm aber so bedeutungsvoll, daß er daraus zum Schlui seiner Ausführungen mir den Vorwurf macht, mein Exzerpt au den Kommissionsakten sei „entstellt und lückenhaft", und daß c berechtigt zu sein glaubt, daran gewisse Folgerungen zu knüpfei „Tommer verkehrt?" um ein hübsches Jargonwort zu gebrauchen Ich habe nämlich jetzt den Eindruck, daß Herr Dr. L. selbs die Akten seiner Kommission*) nicht kennt. Sonst würde er wissen, da! diese Akten, wenigstens als ich sie am 1. Juni d. J. erhielt un einsah, mit dem Februar 1909 abschlössen. *) Das zionistische Zentralbureau ersucht uns darauf hinzuweisen daß die Akten, um welche es sich in der Diskussion zwischen den Herren Schachtel und Dr. Leszynski handelt, nicht zu den Akten des Bureaus gehören, sondern von der zum Studium der Versicherung? frage eingesetzten Kommission geführt worden sind. (Anm. der Red.i