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Die Welt · 1910-09-09 · 36 (9.9.1910) · page 2

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
14 (1910)
Issue
36 (9.9.1910)
Date
1910-09-09
Page
– (sequence 2)
Language
German
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liehen Schluß daraus zu ziehen, daß nicht Abwehr, sondern Gegenwehr das primitivste Gebot der Selbsterhaltung ist. Aus einer deutschen Provinz werden russische Juden, die sich nichts, aber auch gar nichts zuschulden kommen ließen, plötzlich ausgewiesen. Wo bleiben die Helden der Abwehr, die Geheimen Räte, Justizräte, Kommerzienräte, Großbankiers? In Rußland werden täglich die himmelschreiendsten Verbrechen gegen Juden verübt. Die „Repräsentanten" des Judentums schweigen. Aber sie bauen weiter Hospitäler ohne Unterschied der Konfession, errichten Stipendien, Armenhäuser, Siechenanstalten, Asyle für Obdachlose, aus denen ihre eigenen Stammesgenossen ausgeschlossen bleiben. Sie schweigen und zahlen, mit ihrem Gut, mit ihrer Ehre, mit der Würde ihrer Herkunft, mit dem Stolz ihres vieltausendjährigen Adels. Inzwischen hat sich aber im Judentum manches geändert. Ein neues Geschlecht ist erstanden, das die Fahne des nationalen Selbstbewußtseins, der nationalen Wiedergeburt entrollt hat. Die alte Golustugend des Leisetretens, des Sichduckens, der „verdammten Genügsamkeit" — wie Lassalle mit Bezug auf das Proletariat treffend sagte — schwand aus der Mitte dieses jugendfrischen Geschlechts. Es entstand eine völlig neue Art der Abwehr, die Gegenwehr. Stößt uns die nichtjüdische Gesellschaft zurück, so drängen wir uns nicht vor, sondern besinnen uns auf uns selbst, auf die eigene Gemeinschaft. Und wenn auch die meisten Vertreter des alten Geschlechts dem stolzen, kühnen Gedankenflug der Jugend nicht zu folgen vermögen, so kann doch mit Genugtuung verzeichnet werden, daß ein leiser Hauch unseres Geistes auch manchen aus ihren Reihen gestreift hat.. So hat Prof. Kalischer in Berlin in der „Jüdischen Rundschau" mannhafte, zornige Worte für die jüdische Genügsamkeit gefunden. Das ist ein Zeichen, daß es doch heller wird und daß die zionistische Parole der Selbsthilfe schon in weitere Kreise eindringt, die nicht zu der nationalerzogenen jüdischen Jugend gehören. Er bespricht dort einige besonders krasse Fälle der ruhigen Geduld, mit der die jüdische Öffentlichkeit zu judenfeindlichen Vorstößen schweigt. Er verlangt eine passive Solidarität. Wenn man uns irgendwo beleidigt, so gehen wir nicht mehr hin. Aber das wäre wiederum nur Abwehr. Setzen wir aber an die Stelle der „passiven Resistenz" einmal die aktive Solidarität. Aus jüdischem Vermögen werden täglich in allen Ländern Millionen der öffentlichen Wohltätigkeit geschenkt. Man möge nun berechnen, was diese öffentliche Wohltätigkeit, die sich immer schließlich gegen die Juden wendet, anfangen würde, wenn die jüdischen Spenden ausblieben! Welcher Nutzen würde der jüdischen Allgemeinheit erwachsen, wenn diese Summen für jüdische Zwecke, für die Stärkung jüdischer Existenzen, für die Förderung der jüdischen Wissenschaft verwendet würden! Aber abgesehen von diesem Nutzen, welch eine Waffe wäre dieses Zurückziehen des jüdischen Kapitals für das jüdische Selbstbewußtsein! Überaus bemerkenswert nach dieser Richtung hin sind die Ausführungen des Herrn A. Davidson in der jüngsten Nummer unseres russischen Bruderblattes „Rasswjet", der in einem „Die Cholera" überschriebenen Artikel u. a. folgendes darlegt: „Rußland den Russen" ist das Losungswort der Regierung und der reaktionären Gesellschaftskreise, und es ist natürlich, daß die Choleraseuche als eine echt russische Erscheinung vor Berührung mit unechten Russen, insbesondere den Juden, geschützt werden muß...... In den Sommerfrischen, auf den Kurplätzen und all den Orten, wo im Sommer Hunderttausende russischer Bürger Erholung suchen, begegnet uns Schmutz, Aufruhr, verpestete Luft, Mangel an hygienischen Wohnungen und mitunter auch an ärztlicher Hilfe — während unsere Polizei vom Morgen bis zum Abend damit beschäftigt ist, „Juden nicht hereinzulassen" . . . Wir aber handeln noch immer nach der herkömmlichen Methode: Man schlägt uns auf die eine Wange und wir reichen die andere dar. Man läßt uns nicht zu, man schließt uns grundsätzlich aus, wir aber weichen nicht. Und wir werden in solchen Fällen nicht von Motiven geleitet, die beim Suchen von Beschäftigung sonst üblich sind, sondern meist von idealen Erwägungen. Werden wir an drei Stellen zurückgewiesen, so bemühen wir uns um eine vierte, wohin die „erwünschten Elemente" um keinen Preis hingehen. Wir aber „retten die Menschheit", opfern uns für sie, wofür man uns manchmal dankbar ist. Das ist vornehm und schön, doch gleichzeitig lächerlich und auch erniedrigend. . . . Menschenliebe, Opferwilligkeit, Dienstfertigkeit und dergleichen ideale Bestrebungen sind sehr lobenswerte Losungen. Doch wenn sie von Verfolgten in ihrem Verhältnis zu Verfolgern angewendet werden, so verwandeln sie freie Männer in moralische Sklaven. Sie entwurzeln in ihnen das Gefühl der Selbstachtung. Und wenn man auf solche Leute von oben herabschaut, wenn man sie nach der Art ergebener Hunde behandelt, die man aus dem Zimmer hinausjagt mit der vollen Sicherheit, daß man nötigenfalls nur zu rufen braucht, damit sie sofort erscheinen und sich dienstbereit zeigen — so ist dies ganz natürlich. Es gibt ein Mindestmaß der Empfindlichkeit, die ein Mensch, dei auf Achtung Anspruch erhebt, besitzen muß, dazu ge hört auch jene Empfindung, die uns gebietet, den Feine nicht zu lieben. So oft ich von den Opfern höre, die unsere Brüder und Schwestern auf dem „Altare dei Menschheit" bringen, bin ich weit davon entfernt, darauf stolz zu sein. Vielmehr habe ich das Gefühl der Beschämung. Ich bedaure diese Opfer, welche die aucl ohnedies große Anzahl unserer Märtyrer, die uns jährlich durch Verfolgungen, Entrechtungen und von Zeit zv Zeit durch Pogrome entstehen, noch vermehren. Ich hab< ein Gefühl der Beschämung ob des Mangels an Menscher, würde in diesen ungebetenen dienstfertigen Wohltäten; die um jeden Preis denen dienen wollen, welche sie von ihnen und ihren Diensten abwenden. ... Übrigens handelt die russische Gesellschaft durch ihr legalen Vertreter durchaus folgerichtig. Weder forde; sie, noch nimmt sie die Dienste an, die wir ihr als Geger leistung für die Verfolgungen anbieten. Sie läßt Tausend ihrer Mitglieder ruhig ins Jenseits befördern und m' Heldenmut weist sie die ihr hilfsbereit entgegengestreckt Hand der Juden zurück. Diejenigen, die diese Hand aus strecken, würden aber zweckmäßiger und würdevolle handeln, wenn sie ihre Energie dort anwenden würdei wo Hilfe ebensogut nötig ist und wo sie als Gleich gestellte, als Brüder willkommen sind. Wir brauchen die Opferwilligkeit — und werden sk vielleicht noch mehr brauchen — in den vielen jüdischer Städtchen, wo man Hochzeit auf den Friedhöfen feiert wo die große Armut herrscht, wo man nicht weiß, wie

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