Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 14 (1910)
- Issue
- 35 (2.9.1910)
- Date
- 1910-09-02
- Page
- – (sequence 16)
- Language
- German
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Interesse der allgemeinen Ruhe im Staate ein „noli tangere" das liebste sein muß. Im übrigen ist der geringe Eifer für Abänderung des türkischen Judenstatuts psychologisch erklärlich. Es handelt sich ja im wesentlichen um eine Demokratisierung desselben, um die genaue Festsetzung regulärer Wahlbestimmungen und vor allem unf die Beschränkung der ziemlich absoluten Rechte der leitenden Körperschaften und ihrer Vertreter. Das trifft nicht so sehr für den Mischlisch dschismani zu als für den Großrabbiner selbst, dessen Amtsdauer, gleich der Mitglieder des Mischlisch umutni, eine lebenslängliche ist, und die, wenn einmal mit Änderungen begonnen wird, ganz wohl auch eine unliebsame Modifikation erfahren könnte. Überhaupt könnte eine Umformung des Chachamchane die populären Strömungen, die Neigungen der bisher blind beherrschten Masse, mehr als den konservativ oder rückschrittlich Gesinnten genehm wäre, ins Oberwasser bringen und der Hegemonie der „Nofabeln* früher^'od 3r später ein Ende bereiten. Fragt sich nun, ob der Mischlisch umumi so gefügig sein wird, den Kopf mit Vergnügen selbst in die Schlinge zu legen, die das Konsistorium ihm so liebenswürdig vorhält, da es den Henker nicht spielen darf, der mit Gewalt die Exekution vollziehen sollte. Es ist schwer zu glauben, aber doch alles möglich. Würde die herrschende Partei und ihre Presse einen solchen erniedrigenden Vorschlag auch nur gewagt h iben, wenn sie nicht Aussichten auf seine Annahme hätte? Doch mag es Männer in der Ratsvefsammlung geben, die unabhängig, klarsehend und energisch genug sein werden, gegen den aufgedrungenen Selbstmord Notwehr zu üben und das ganze dunkle Spiel gebührend zu entschleiern. Fragt sich ferner, was das Volk dazu sagen wird, über dessen Kopf hinweg, als existierte es gar nicht, man über seine Vertretung, entscheidet. Wird es sich eine von oben anbefohlene Fahnenflucht seiner Mandatare ruhig gefallen lassen? Aber mit diesem Volke rechnet man nicht, und es wird noch eine Weile dauern müssen, bis es Geltung genug erworben haban wird, daß man mit ihm rechnet. Nach der jüdischen Presse der Hauptstadt zu urteilen, wird man schweigen und zusehen; erst in letzter Stunde regt sich schüchterner Widerspruch. Fragt sich endlich, nach welchem Modus eine etwaige Neuwahl des Mischlisch umumi vor sich gehen wird. Wird man, wie halbwegs versprochen, allgemeine Volkswahlen stattfinden lassen, bei denen die Höhe der Steuerquote keinen engherzigen Einfluß ausüben wird, oder wird man eine Farce veranstahen, wie vor anderthalb Jahren? Das erscheint nun aber doch als ausgeschlossen. Das als Stimmvieh benutzte Volk ist doch schon erheblich zur Besinnung gekommen. Das eigene Denken und eigene Wollen hat sich in weiten Schichten, der Vororte besonders, bereits zu entwickeln begonnen; die Jugend weiß bereits, daß sie nicht nur zum Hurrahschreien da ist. Gäbe es einen einzigen begabten und mutigen Volksführer, so würden die obern Zehndutzend schon heute ihr blaues Wunder erleben. Jedenfalls darf man auf den Ausgang dieser kommunalen Haupt- Lind Staatsaktion wirklich sehr gespannt sein. Sie wird ein Vorspiel im Wasserglase sein für den Sturm, der einmal kommen wird. Ist auch Rabbi Jakob Meir unter den Anarchisten? Das Blatt unseres „Hafie national" gefällt sich unermüdlich darin, alles was zionistisch ist oder mit dieser Weltanschauung zusammenhängt, als revolutionär und anarchistisch zu bezeichnen. Es wird nach der Rede des Großrabbiners Jakob MeTr in Karlsbad nicht umhin können, auch diesen in die gefährliche Kategorie einzuverleiben, da seine Äußerungen absolut zionismusfreundlich und streng anti assimilatorisch waren. Die „Aurore" gibt einen Teil der Rede wieder, die auch eine in diesen Tagen des Herzigedenkens für uns sehr interessante Herzl-Reminiszenz überliefert. „Als vor elf Jahren", sagte Rabbi Jakob MeTr, der deutsche Kaiser nach Jerusalem kam, war von den Juden auf meine Veranlassung ein Triumphbogen errichtet worden. Am Tage der Ankunft des Kaisers erhielt ich einen Brief von dem damals in Palästina weilenden Herzl mit dem Ersuchen um Reservierung eines Piatzes für .ihn auf der Tribüne des Gemeinderates und der Chachamim. Ich ließ ihm antworten, daß kein Platz mehr vorhanden sei. Am folgenden Tage begab ich mich zu Dr. Herzl, um ihm die Gründe auseinanderzusetzen, warum ich ihm keinen Platz reserviert hatte. „Ich tat es," sagte ich ihm, „weil wir Juden in der Türkei ein glückliches Leben führen und unserm Vaterlande treu sind und sein müssen. Unsere Dankbarkeit für die Türkei ist sehr groß, weil sie uns. ihre Pforten nach unserer Vertreibung aus Spanien geöffnet hat. Ich kannte Ihre Ideen nicht und fürchtete, es könnte in Ihnen etwas dem Vaterlande Abträgliches geben, darum habe ich Ihnen einen Platz auf der offiziellen Tribüne verweigert." Dr. Herzl zeigte sich von dieser Erklärung befriedigt und gab mir seinerseits folgende Erklärung ab: „Seien Sie sicher, daß es in unserer Idee nichts geben kann, was gegen die Türkei ist, aus mehrern Gründen: 1. Wir wissen, daß mehr als eine halbe Million Juden in der Türkei ein glückliches Leben führen, und niemals werden wir ihre Ruhe stören, um unsern andern Brüdern wohlzutun. 2. Wir Juden des Okzidents, müssen ebenso wir Ihr der Türkei für ihre Güte dankbar sein, die sie euch, unsern Brüdern, erwiesen hat; und wo Dankbarkeit besteht, da kann kein entgegengesetzter Gedanke aufkommen." 3. Wenn wir daran dächten, die geringste Auflehnung hervorzurufen; so hieße das, ein Schwert in die Hände unserer Feinde, der Antisemiten, liefern, die damit beweisen würden, wie wir Gutes mit Bösem vergelten, und unsere Stellung in der Welt würde unerträglich werden. Kurz, ich garantiere Ihnen, daß wirZionisten von der Türkei nichts anderes verlangen, als einen Zufluchtsort unter ihrem Schutze. Unser Ehrgeiz ist es, wahre Ottomanen zu werden, indem wir Arbeitskräfte und Millionen mit uns bringen. Auf solche Weise werden wir den Handel, den Ackerbau und die Industrie der Türkei zur Entfaltung bringen." Rabbi Jakob MeTr sprach hierauf noch von der Ausbreitung der hebräischen Sprache, dem neuen moralischen Leben in Palästina und von seiner Aufforstung durch Olivenbäume, die das grandiose Werk einer Universität in Jerusalem realisieren soll. Er berichtete von der schönen Initiative, die in Saloniki ergriffen wurde, in diesem Walde hundert Bäume auf den Namen der Stadt zu pflanzen, und er sprach den Wunsch aus, alle großen Gemeinden möchten es ebenso machen. Der Schluß der Rede war eine feine Parallele zwischen dem Olivenbaume und dem jüdischen Volke, immergrün, von schier unendlicher Dauer, nutzbar von der Wurzel bis zu den Früchten, lichtbringend sind beide. Und wie der Olivenbaum mit keinem Baume anderer Art zur Paarung und Veredlung gebracht werden kann, so kann noch darf unsere Nation nie und nimmer die Assimilation mit den andern Völkern dulden. Der Olivenbaum ist das Symbol von der Leiden Ende. Er war das Zeichen, das dem Noah nach der Sintflut wurde, und dieses Zeichen wird auch, so hoffen wir, das Ende der Leiden unsers Volkes bedeuten. — Im ganzen ottomanischen Judentume müßten solche Worte voll heißer Liebe für unser Volk, unser heilig Land und beider Zukunft tiefen Eindruck hervorrufen. War man bisher gewohnt, die offiziellen Leiter dieses Judentums indifferent oder feindlich unsern nationalen Hoffnungen gegenüber zu sehen, so wirkt es nun umso stärker, die bedeutendste Autorität, den geachtesten religiösen Führer im Lande, auf unserer Seite stehen zu sehen. Wir beglückwünschen unser Volk und Rabbi MeTr zu diesem schönen Bekenntnis. Und er bewegt sich doch .... Einer aber schläft und schlummert nicht, der stellvertretende Hüter Israels, der Apostel des Antizionismus, der „Tiempo". Was scheren ihn die Überzeugungen eines Jakob MeTr oder die Hoffnungen eines Volkes! Er hetzt unsinnig weiter. Er ist bereits soweit in seiner Besinnungslosigkeit gelangt, daß er ein Ehrengericht zwischen sich und der „Aurore" vorschlägt. Um inzwischen den Grad dieser Ehre zu erweisen, sucht er die offizielle Vertretung des Zionismus in Konstantinopel als „agent provocateur" mit herabzuziehen in seine schmutzige Arena. Ihm ist alles verziehen, um der namenlosen Lächerlichkeit willen, in die er sich hinein wühlt. Was verwundern muß, ist nur, daß ein Mann, der doch einmal seinen Verstand besaß, es fertig bringt, zu glauben, daß er imstande sei, den Flug einer Idee, wie der des Zionismus, aufzuhalten, — und mit solchen Mitteln! Der Friedensversuch in Jerusalem gescheitert? , Leider scheint die frohe Hoffnung, in der geistigen Hauptstadt der Judenheit den Frieden hergestellt zu sehen, getrogen zu haben, und auch Rabbi Nahum wird die bittere Erfahrung mancher Sieger machen müssen, daß es viel leichter ist, im Hurrahsturme zu erobern als dauernd zu befestigen und zu behaupten. Die Gerüchte, die in Konstantinopel umlaufen, stimmen mit den Informationen des „ Jewish Chronicle" dahin überein, daß die Dinge in Jerusalem eine böse Wendung genommen haben. Schon nach wenigen Tagen des Jubels und der Ruhe sind eine Anzahl Fanatiker oder Selbstsüchtige wieder in ihren alten Radikalismus zurückverfallen und bereits damals, als der Jerusalemer Notable Tsacharoff in Saloniki weilte, um Rabbi Jakob MeTr zur Annahme des Großrabbinates in der heiligen Stadt zu bewegen, scheinen schriftliche Gegenäußerungen, ja Warnungen und Drohungen an die Adresse Jakob Meirs und Rabbi Nahums gelangt zu sein. Es ist ein Zeichen der bewährten Klugheit des Saloniker Chachambaschi, daß er erst die wahre Stimmung in