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Die Welt · 1910-09-02 · 35 (2.9.1910) · page 15

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
14 (1910)
Issue
35 (2.9.1910)
Date
1910-09-02
Page
– (sequence 15)
Language
German
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No. 35 ■ -■ , •■ - ■; DIE E Felix Kohn (Judäa), cand. med. Nissim Testa (Esperanza), Beisitzer. Präsident David Albala dankte in seinem und im Namen des Kongreßbureaus für die Wahl und schilderte in wärmempfundenen Worten die Tätigkeit der bisher veranstalteten Kongresse, und wie es diesmal zu einer Zusammenarbeit der drei obengenannten Vereine kam. Der Kongreß sandte hierauf folgende Depeschen ab: Herrn David Wolffsohn, Köln. Die am vierten zionistischen Kongresse der Hochschüler und Abiturienten in Sarajevo Versammelten sprechen ihr vollstes Vertrauen der Leitung der Weltorganisation in der Hoffnung aus, daß sie auch weiterhin am Ausbau des zionistischen Ideals tatkräftig arbeiten wird, und hegen den innigsten Wunsch nach baldiger Genesung des geliebten Führers. Herrn Reichsratsabgeordneten Dr. Benno Straucher, Czernowitz. Die am vierten zionistischen Kongresse in Sarajevo versammelten Hochschüler und Abiturienten sprechen dem jüdischen Reichsratsklub ihr innigstes Beileid anläßlich des allzufrühen Ablebens des tapferen Streiters und Kämpfers für die. jüdische Sache, Dr. Heinrich Gabel in der Überzeugung aus, daß der jüdische Klub auch fernerhin voll und ganz die an ihn gestellten Aufgaben erfüllen und auch weiterhin mit aller Energie die jüdisch-nationalen Forderungen vertreten werde. Außerdem wurden noch telegraphisch begrüßt: Herr Dr. Hugo Spitzer, Osijek, Präsident der südsl. zionistischen Landesorganisation und Herr JesuaD. Salom, Abbazia, der einzige jüdische Abgeordnete des bosnischen Landtages. Nach der Verlesung der vielen Begrüßungen und Gratulationen deren Zahl 200 erreichte, erteilte der Präsident das Wort dem cand. jur. Felix Kohn (Judäa), der ein von Dr. Alexander Licht erstattetes Referat über den Zionismus verliest. Das Referat wurde mit großem Beifall aufgenommen. Nachmittags machten die Kongreßteilnehmer einen Ausflug nach dem reizenden Bad Ilidze, während abends im Vereinshause ein Kommers mit 500 Gedecken stattfand. Zum Tischpräsidenten wurde seine Ehrw. Herr Dr. Ehrenpreis gewählt, auf dessen Anregung über 200 Kr. für den jüdischen Nationalfond gesammelt wurden. Beim Kommerse wurden abwechselnd Reden gehalten und jüdische Lieder vom Vereine „La Lira" gesungen. Dem Kommerse folgte ein sehr animierter Tanz. Dienstag, den 22. August setzte der Kongreß seine Beratungen fort. Vormittags hielten Referate cand. jur. Israel Baruch (Esperanza), der die Lage der Sepharden in den einzelnen Ländern darstellte, und cand. ing. Zlatko ROsenberg (Bar Giora) über Palästina, seine wirtschaftlichen, sozialen und kulturellen Zustände. Diesen mit starkem Beifall aufgenommenen Referaten folgten nachmittags die Referate: Abiturient Ezra E. Kajon: Die körperliche Regeneration bei den Juden, und stud. techn. Elemer Trepp er: Die allgemeine Lage der Juden. Diese Referate sind als gut durchgearbeitet zu bezeichnen. Präsident Albala dankt allen Referenten und schreitet zum letzten Punkt der Tagesordnung: Eventualia. Es wurde auf Vorschlag cand. jur. Adolf Wiesler beschlossen, daß von nun an die Kongresse von allen drei Vereinen einberufen und veranstaltet werden; auf Vorschlag des A. H. der Bar Giora Erwin Kraus, daß nach Möglichkeit der Kongreß, der bisher nur jedes zweite Jahr veranstaltet wurde, alljährlich abgehalten wird. Weiter wurde ein Fonds zur Herausgabe von Broschüren gegründet und zum Schlüsse auf Vorschlag des cand. ing. Zlatko Rosenberg folgende Resolutionen einstimmig angenommen: Resolution I: Der Kongreß, auf dem Standpunkte des Baseler Programms stehend, begrüßt die Harmonie in der zionistischen Bewegung, die eklatant bei der Konferenz in Berlin hervortrat, überzeugt, daß diese Eintracht von reicher Fruchtbarkeit für unsere Organisation sein wird, daß die verstärkten Reihen unserer Gesinnungsgenossen mit aller Kraft für die Realisierung der zionistischen Bestrebungen arbeiten werden. Er anerkennt die Wichtigkeit der Siedlungsgenossenschaft nach dem Plane Dr. Üppenheimers, wie auch die Wichtigkeit allgemeiner praktischer, ökonomischer und kultureller Arbeit in Palästina. Der Kongreß bedauert, daß die Landesorganisation ihren, bei der Broder Konferenz übernommenen Pflichten bis heute nicht nachgekommen ist, und hofft, daß sie jetzt trachten wird, die zionistische Idee in den südslawischen Ländern zu verbreiten, und die Organisation auszubauen und zu stärken. Resolution II. Der Kongreß, auf dem Standpunkte des Baseler Programms stehend, fordert in der Erkenntnis, daß für die Stärkung des jüdisch-nationalen Bewußtseins von besonderer Notwendigkeit die Kenntnis der jüdischen Geschichte und Literatur und aller Probleme der jüdischen Vergangenheit und Gegenwart ist, alle bewußten jüdischen Studenten auf, ein intensives Studium der hebräischen Sprache und der obengenannten Fragen zu pflegen. An alle Kultusgemeinden richtet er die Bitte, daß sie in Erkenntnis ihrer kulturellen und sozialen Aufgabe öffentliche Bibliotheken er- KELT ■ 851 richten und für den Fortschritt des Studiums der jüdischen Geschichte und der hebräischen Sprache Sorge tragen. Der Kongreß protestiert dagegen, daß von Seiten vieler Lehrer der Kultus gemeinden getrachtet wird, das jüdisch nationale Bewußtsein der Studentenschaft mit Gewalt # zu ersticken- und hofft, daß man die Wichtigkeit der körperlichen Übungen einsehen und energisch arbeiten wird, daß jüdische Turnvereine gegründet werden und daß sich auch die jüdischen Frauen und Mädchen in Organisationen vereinigen werden. Der Kongreß erklärt weitea. daß die jüdisch-nationale Studentenschaft keinem nichtjüdischen politischen Verein beitreten darf, und kulturellen Vereinen nur dann beitreten darf, wenn deren Toleranz und Tendenz nicht im Widerspruch mit den Forderungen des Nationaljudentums stehen. Zum Scfrluß hegt er den Wunsch, daß sich alle jüdischen Studenten organisieren, und verspricht mit Wort und Tat zu arbeiten, damit alle jüdischnationalen und besonders die zionistischen Ziele erreicht werden. — Unter allgemeiner Begeisterung und Absingen zionistischer Lieder schloß der Präsident Albala mit zündender Rede in später Abendstunde diesen überaus gelungenen Kongreß. . Während des Kongresses fand im Nebensaale eine kleine, sehr schön ausgestattete Bezalelausstellung statt. Brief aus Konstantinopel (Von unserm Berichterstatter) Die Konstantinopeler Gemeinde Die Absicht des Großrabbinats, den Mischlisch umumi aufzulösen oder zur Demission zu veranlassen, bildet nach wie vor das große Erstaunen aller derer, die noch eine Spur von kommunalem Interesse zeigen. Freilich ist deren Zahl sehr klein, denn die bisherige Verwaltung hat es nicht verstanden, die großen Kraftreserven der breiten jüdischen Bevölkerungsschichten zur Mitarbeit oder auch nur zum Mitdenken heranzuziehen. Die Gründe, die für die Notwendigkeit dieser plötzlichen Kammerauflösung angegeben werden, vermögen nicht recht zu überzeugen. Man wirft den Mitgliedern des Mischlisch umumi vor, sie seien zu einem Teile zu alt; das pflegte aber einer.Ratsversammiung nicht zum Vorwurf zu gereichen; bei den Juden wie bei den übrigen alten Kulturvölkern wenigstens waren es immer die „Ältesten", welche die Leitung des Staats mit ihrem erfahrenen Rat unterstützten. Im übrigen ist nicht recht verständlich, womit dieser unglückselige Mischlisch eigentlich es verdient hat, so kritisiert zu werden, da überhaupt Aktionen seinerseits nicht in die Erscheinung getreten sind. Ohne seine Schuld; denn seit eineinhalb Jahren hat niemand daran gedacht, ihn einzuberufen. Er hatte mit der Wahl des Großrabbiners und seines Mischlisch dschismani seine Schuldigkeit getan, er konnte gehen, man ließ ihn einfach in Vergessenheit geraten. Auf einmal soll er den Sündenbock für das abgeben, was nicht geschehen ist. Man sagt, er enthalte nicht genug arbeitsfähiger tatkräftige Elemente, um aus seiner Mitte den neuzuerwählenden Mischlisch dschismani, das Exekutivkomitee des Großrabbinats entnehmen zu können. Damit stellt dieser selbe Mischlisch dschismani, der an die Auflösung schreiten will, sich sein Armutszeugnis aus, denn er ist aus eben der verlästerten Versammlung hervorgegangen. Auf der andern Seite gibt er allen jenen Kritikern recht, die bisher die Unzulänglichkeit aller Leitenden der Konstantinopeler Gemeinde behauptet hatten, und die deswegen als anarchistische Umstürzler von der Presse des Konsistoriums gebrandmarkt worden waren. Man macht jetzt den Umsturz wirklich, aber von oben; und diese Revolutionen scheinen erlaubt. Manche halten das Ganze für ein, nicht sehr geschicktes, Manöver. Die gegenwärtig Herrschenden im Konsistorium, die ihr schlecht oder recht erworbenes Mandat binnen kurzem ihren Wählern wieder zurückstellen müssen, sind um ihre Herrschaft bange; es ist nicht ganz sicher, daß sie auf ihre Posten wieder berufen werden. Verschiedene ihrer höchst unpopulären Amtsaktionen, und noch mehr die vollkommene Sterilität ihrer ganzen Amtsführung, droht, sie aus dem Sattel zu werfen. Vor allen Dingen hat der Bruch des feierlichen Versprechens, die Abänderung des Chachamchane nisamnanessi, der jüdischen Gemeindftordnung des Reiches, vorzunehmen, einen schlechten Eindruck hinterlassen. Dieses Versprechen, gegeben vor versammeltem Volksrat, in feierlicher Stunde, in einem Äugenblick, da Wahl oder Nichtwahl des Großrabbiners davon abhing, ist seit eineinhalb Jahren fällig. Aber die Kommission, die über die Wege und Mittel zu jener Gesetzabänderung zu beraten hatte, ist in diesen ganzen achtzehn Monaten nicht ein einziges Mal zusammenberufen worden. Alles was in der Richtung geschah, waren nach Äußerungen des Großrabbiners selbst unverbindliche Unterhaltungen mit leitenden Staatsmännern, denen natürlich im

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