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Die Welt · 1910-09-02 · 35 (2.9.1910) · page 17

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
14 (1910)
Issue
35 (2.9.1910)
Date
1910-09-02
Page
– (sequence 17)
Language
German
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No. 35 D/E^ELT 853 Jerusalem abwarten wollte, ehe er sich positiv oder negativ entschloß. Auf der andern Seite versucht man, gerade das Zaudern Jakob Me'irs für die Um Stimmung verantwortlich zu machen, indem man angibt, dieses habe in Jerusalem einen befremdenden und beleidigende!] ^Eindruck gemacht Näher dem wahren Sachverhalte mag es aber kommen, wenn man mit dem Korrespondenten des „Jewish Chronicle" in der ganzen Aktion ein Gründversehen Rabbi Nahüjns erblickt, der den Jerusalemern anscheinend etwas vorschlug, w^asi er gar nicht in der Lage war, ihnen zu bieten. Er bot ihnen die Kandidatur Rabbi Jakob Mei'rs, ohne sich vorher mit absoluter Bestimmtheit versichert zu haben, daß dieser gewillt sei, eine auf ihn fallende Wahl auch anzunehmen. Er habe schließlich, wirft man ihm weifer Vor, Jerusalem verlassen, bevor er sich vergewissert hatte, daß der Friedensmodus allseitig realisierbar war, d. h. bevor Rabbi Jakob Me'ir sein Jawort telegraphisch gegeben hatte. Er hätte an Ort und Stelle bleiben müssen, bis seine Aufgaben mit Jakob Mei'r oder anders, restlos gelöst war. So habe er einen unfertigen, nur momentan täuschenden Zustand hinterlassen, der sich nun zur alten traurigen Häßlichkeit entfaltet habe. Auch in Beirut scheint nicht alles gegangen zu sein, wie es sollte. Hier soll von einer Einigung auf einen neuen Rabbiner nicht die Rede sein können, sondern der Gemeinde von Rabbi Nahum auf autoritativem Wege eine ihr durchaus unerwünschte Persönlichkeit verordnet worden sein, die aber schon nach sechs Monaten wieder die Stadt verlassen solle. Wenn dem sich so verhält, so läge also hier nur eine Verschiebung, nicht eine Lösung des Problems vor. Man wird nach alldem bedauerlicherweise den Zweck der Reise des Großrabbiners als gescheitert betrachten müssen. Rußland Zu den jüngsten Leistungen des Ministers Schwarz Aus Petersburg wird über eine dort stattgefundene Konferenz der Direktoren der durch das jüngste Zirkular Schwarzens vor die Existenzfrage gestellten jüdischen Mittelschulen berichtet. Die Konferenz beschloß, an Herrn Schwarz eine Deputation zu entsenden, die ihm die Sachlage und ihre Wünsche auseinandersetzen sollte. Herr Schwarz lehnte es indes ab, die Deputation zu empfangen. Die Konferenzteilnehmer beschlossen sodann, sich an Baron Günzburg um Beistand zu wenden. Wie verlautet, soll Stolypin ein entschiedener Gegner der jüngsten Exzesse Schwarzens sein, die in krassem Widerspruch zu den allerhöchst bestätigten Bestimmungen vom August 1909 stehen. Die Folgen der unsinnigen Politik Schwarzens zeigen sich übrigens bereits. Wie aus Charkow mitgeteilt wird, wurde in der dortigen Universität für das angehende Schuljahr die Immatrikulation von 1750 Abiturienten in Aussicht genommen, tatsächlich wurden aber nur 492 Immatrikulationsgesuche eingereicht. Die liberale „Rjetsch" erblickt hierin einen glänzenden Erfolg der Bemühungen des Aufklärungsministeriums und prophezeit dem unermüdlichen Ministerium, daß ihm in wenigen Jahren das beneidenswerte Geschick zuteil werden wird, den letzten Studenten der letzten russischen Universität zu überleben. Vom Justizministerium Die Warschauer Gerichtskammer legte dem Justizminister eine Liste von zwanzig jüdischen Juristen vor, mit dem Antrag, denselben den Rechtsanwaltstitel zu verleihen. Der Herr Minister lehnte indes den Auftrag der Gerichtskammer ab, ohne die Gründe hierfür anzugeben. Russische Gastfreundschaft Der adelige Gutsbesitzer zu Njanewky, Kreis Radomysl, Gouvernement Kiew, Ludwig Gurkowsky, wurde dieser Tage dank seiner übereifrigen Gastfreundschaft vom Friedensrichter zu einer Haftstrafe von drei Monaten verurteilt. Die Gerichtsverhandlungen brachten ein merkwürdiges Sittenbild an den Tag, dessen idyllische Naivität an die gute alte Zeit feudaler Selbstherrlichkeit erinnert. Der 'Jude Mordechai Sonz war in Begleitung von •Jehuda Siwak nach Njanewky gekommen, um einen Getreidekauf zu machen. Nachdem das Geschäft erledigt war, lud der Herr Gutsbesitzer seine jüdischen Gäste zum Abendessen ein. üurkowsky legte Sonz u. a. Schinken vor. Sonz lehnte als frommer Jude dankend ab. Gurkowsky ließ sich sodann vom Dienstmädchen Branntwein und Schinken geben, schloß die Tür ab und begann ungestüm in Sonz zu dringen, Schinken zu essen, sonst würde er ihn binden lassen. Sonz weigerte sich entschieden, dieser Forderung nachzukommen, und wollte das Haus verlassen; der Herr Gutsbesitzer ließ ihn aber nicht gehen und rief dem Dienstmädchen zu: „Gib mir einen Strick, wir wollen die Juden aufhängen, sie weigern sich, Schinken zu essen." Darauf holte er selbst einen Strick aus der Küche und befahl seinen zwei Knechten, Sonz zu binden. Als Sonz versuchte, Widerstand zu leisten, drohte Gurkowsky, indem er den Revolver auf ihn richtete, daß er ihn niederschießen werde. Auch das Bitten der beiden Juden führte zu nichts. Sonz wurden die Hände rücklings gebunden, um den Hals wurde ihm eine Schlinge gezogen, und der Herr Gutsbesitzer begann nun persönlich, ihm in den Hals Branntwein zu gießen und Schinken zu stopfen; dabei zog er wiederholt die Schlinge so fest zusammen, daß Sonz einigemal das Bewußtsein verlor. Schließlich ließ sich der wohlgeborene Herr durch das Fürbitten Siwaks und das Flehen Sonzens erweichen, ließ ihn losbinden und befahl, die beiden Juden über Nacht im Stalle einzusperren. Hier blieben sie zwei Stunden lang eingeschlossen, worauf sie freigelassen wurden. Der Verteidiger Gurkowskys, dem das Urteil zu hart erscheint, rekurrierte an die höhere Instanz. Palästina Der Beirat bei der A. P. C, in Palästina Wir erhalten folgende Zuschrift: „In der letzten Nummer Ihres geschätzten Blattes vom 26. d. M. befindet sich auf Seite 829 eine Notiz betreffs des Jaffaer Beirats der A. R C. Indem wir bemerken, daß dieser Beirat auf Wunsch des Herrn Levontin eingesetzt wurde, machen wir Sie zugleich darauf aufmerksam, daß in der erwähnten Notiz die Namen der den Beirat bildenden Herren nicht ganz richtig angegeben worden sind. Wir teilen Ihnen daher ergebenst mit, daß der Beirat aus den Herren Berlin, Disengoff, Gluskin und Dr. Ruppin besteht, und werden Ihnen für gefl. Berichtigung in der nächsten Nummer Ihres Blattes verbunden sein. Hochachtungsvoll The Anglo Palestine Company-Ltd T. Hirsch, Managei. Eine jüdische Versicherungsgesellschaft in Jerusalem In einigen Tagen wird in Jerusalem eine jüdische Versicherungsgesellschaft gegründet werden. Das Statut der Gesellschaft ist bereits ausgearbeitet. NACHRICHTEN ^] Eine jüdische Polizeiassistentin Die Polizeiassistentin ist eine Errungenschaft der letzten Jahre. Die Stadt Stuttgart machte mit der Anstellung der Polizeiassistentin Henriette Arendt den Anfang, und seither ist diese sehr nützliche Einrichtung auch in München, Nürnberg, Breslau, Bielefeld und einigen andern Städten eingeführt worden. Vor kurzem hat nun auch die Polizeiverwaltung in Mainz eine Polizeiassistentin in der Person der Frau Dr. Schapiro ernannt. Frau Dr. Schapiro hat sehr weitgehende Befugnisse und eine nahezu selbständige Stellung. Ihre Haupttätigkeit gilt der Fürsorge für gefallene Mädchen, sittlich Gefährdete jeden Grades und Alters und der Obhut für ledige Mütter. Die Tätigkeit der Polizeiassistentin ist so schnell anerkannt worden, daß die Fälle sich mehren, in denen Eltern zur Assistentin kommen und um geeignete Unterbringung und Beaufsichtigung ihrer Töchter, die sie für gefährdet halten und auf die sie keinen Einfluß haben, dringend bitten. Von Ben-Jehudas großem hebräischen Wörterbüch Soeben ist in dem bekannten Verlag G. Langenscheidt das 3. Heft des 2. Bandes des Thesaurus Totius Hebraitatis von Elieser Ben-Jehuda erschienen. Von dem Werke liegen bis jetzt 15 Lieferungen vor, die bis zum Buchstaben Gimel reichen. Das vollständige Werk wird zwölf Bände von durchschnittlich 600 Seiten umfassen. Der erste Doppelband soll mit dem Ende dieses Jahres fertig vorliegen. In den darauffolgenden Jahren soll die Herausgabe eine Beschleunigung erfahren, so daß das ganze Werk etwa im Jahre 1915 vollendet sein wird. Der Subskriptionspreis für das ganze Wörterbuch beträgt 250 Mk.

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