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Die Welt · 1910-09-02 · 35 (2.9.1910) · page 14

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
14 (1910)
Issue
35 (2.9.1910)
Date
1910-09-02
Page
– (sequence 14)
Language
German
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850 DIE^ELF No. 35 Sprache unmöglich ist, hat es sich zur Aufgabe gestellt, die Kenntnis derselben zu verbreiten. Zu diesem Zwecke bereitet jetzt das Komitee die Einrichtung von hebräischen Sprachkursen vor, wofür systematische Lehrmethoden ausgearbeitet werden. In jedem der akademischen und sonstigen nationalen Vereine soll ein besonderer Kursus abgehalten werden, in Methode und Plan dem spezifischen Milieu und geistigen Niveau der betreffenden Gruppe angepaßt. Es ist ein „Zeichen der Zeit"1, daß der erste Kursus gerade an der „Lehranstalt für die Wissenschaft des Judentums" bereits vor einigen Monaten eingerichtet worden ist. Das genannte Komitee beschränkt aber nicht seine Betätigung auf Berlin allein, sondern ist mit Erfolg bestrebt, auch in mehreren andern Städten des Reiches die Gründung von hebräischen Sprachkursen und Organisationsgruppen zu veranlassen. Und wir dürfen die Hoffnung hegen, in einigen Jahren in Deutschland eine hebräische Generation zu haben! In weiten Kreisen der hiesigen Judenheit, welche die gesamte Judenheit im Reiche inspiriert, ist eine unverkennbare Wandlung der Anschauungen zu bemerken. Viele, die früher allem Nationaljüdischen schroff ablehnend gegenüberstanden und beim Worte Zionismus wie von einem Schrecken ergriffen waren, würdigen jetzt die großen Verdienste des 'Zionismus um die Neubelebung des jüdischen Selbstbewußtseins und die Rückkehr der jüdischen Jugend zum Judentum. Dieser Fortschritt der nationaljüdischen Idee hierzulande ist bei weitem größer, als es die Zahl der Schekelzahler und organisierten Zionisten erscheinen läßt. Die Aussichten der Zionisten für die bevorstehenden Ergänzungswahlen zur Repräsentantenversammlung der Berliner jüdischen Gemeinde sind somit nicht ungünstig. Das bewiesen auch die Erfolge des „Neuen jüdischen Gemeindevereins", dessen Versammlungen stets überfüllt waren und lauten Anklang in der jüdischen Bevölkerung gefunden haben. Der Wahlkampf wird diesmal schärfer denn je ausgefochten werden. Der neue Gemeindeverein beginnt nach kurzer Unterbrechung die Wiederaufnahme des Kampfes mit der Vorbereitung eines- Flugblattes in 25000 Exemplaren, dessen Hauptinhalt der Geigersche Schulferienartikel bildet. Sodann wird er eine Reihe weiterer Versammlungen veranstalten, in denen Dr. Klee, Dr. Wittkowsky, Dr. Zwirn u. a. die Notwendigkeit einer durchgreifenden Reform der Gemeindeverwaltung und. des jüdischen Erziehungswesens darlegen werden. Dieser Wahlkampf hat, abgesehen von seinem Selbstwert, auch eine allgemeine Bedeutung für die hiesige zionistische Bewegung: er verleiht ihr Schwung und Regsamkeit und bringt zugleich in ihren Wirkungsbereich eine konkrete Gegenwartsaufgabe. A. Stein. Das Fabijanskische Pogrombild (Von unserm Frankfurter Korrespondenten) In den soeben dahingegangenen Tagen der nationalen Trauer um den einstigen Fall Zions, von dem die „Kinoth" so ergreifend zu erzählen wissen, drängte es mich, jenes Bild zu sehen, das auch ein Kinoth der jüngsten Leiden unseres Volkes ist, das Progronibild Fabijanskis — und der Eindruck, den dieses Kinoth auf den Beschauer macht, ist gewiß stärker als der, den er von den alten, durch die Macht der Gewohnheit allmählich in ihrer Wirkung verblaßten „Kinoth" erhält. Ein düsterer, schmutziger Oktobertag; die Abenddämmerung hat begonnen und verleiht der Szene eine noch düsterere, fast herzbeklemmende Stimmung. Die Luft liegt schwer und dumpf auf der Gasse, und es herrscht eine beängstigende, heilige Stille, in der man nicht zu atmen wagt. Rechts wälzt der Dnjepr langsam, träge seine schmutzigen Fluten. Und am Dnjepr linkswärts ist eine jener engen Gassen, ohne Luft und Licht, wie man sie nur im jüdischen Ghetto finden kann. Am Flusse steht ein altes, fast verfallenes Haus: das Frauenbad, und daneben ein zweites Gebäude: die Synagoge, an der das Freiheitsmanifest Nikolaus IL hängt. Links ist die Gasse abgeschlossen wie ein Sack, und von nirgends dringt Licht und Sonne. Und in dieser Gasse hat der Progrom fürchterliche Opfer gefordert, haben die „Hooligans" ein unmenschliches Gemetzel angerichtet. Und da liegen sie nun, die Opfer unmenschlicher Grausamkeit und tierischer Bestialität, Frauen, die man zum Teil nackt, kaum bekleidet aus dem Bade hervorgezerrt, vergewaltigt und gemordet hat, Kinder, die man aus den Armen der Mütter gerissen hat, Männer und Greise, die man in der Synagoge überfallen und hingeschlachtet hat, alles wirr durcheinander, umgeben von zerbrochenen Gegenständen. Rechts liegt ein junges Weib, die Häare aufgelöst, die Bluse aufgerissen. An dem Körper ist keine Verwundung wahrzunehmen. Man hat sie wahrscheinlich durch das Draufschleudern auf den daneben liegenden Steinhaufen getötet Auf ihren Füßen liegt ein Greis, fürchterlich zugerichtet, den Mund im; Todesschmerz weit aufgerissen, die Augen weit herausgequollen, die Nase zertrümmert; und neben ihm ein Kind und ringsum Leichname ineinandergeschlungen, Köpfe, Gliedmaßen, alles in wirrem Durcheinander, aufeinanderliegend in hohem Häufen. Und nun in der Mitte der grauenvollste Teil: vor allem ein junges Weib, völlig nackt, mit Blut bedeckt, ein Opfer tierischer, geiler Leidenschaft, der ein wahnsinniger Lustmörder die eine Brust abgeschnitten hat,. deren Kopf derart verstümmelt ist, daß der Künstler ihn mit einem Tuche umhüllen mußte, und zu ihren Füßen ein anderes Weib, halbnackt, verstümmelt, brutalisiert, die Augen von fürchterlichem innern Leiden zeugend, und dann, die fürchsterlichste, zugleich hervorragendste Gestalt des Bildes, eine geniale Schöpfung, die Verkörperung aller Leiden und Schmerzen, aller Marter und Qualen eines seit 2000 Jahren verfolgten und gemarterten Volkes: ein alter Jude, eine Verkörperung des Ghettos, an dem Manifest hoch an der Wand durch ein Bajonett aufgespießt, den Kopf nach oben gerichtet und die Augen -. . . die Augen, die kein Mensch schildern kann, und die den Schmerz, Trauer, Kummer, Sorge, Haß in ihrer höchsten Potenz ausdrücken, in denen man die Leidensgeschichte unseres Volkes zu lesen meint. Zu seinen Füßen wieder Leichname, unter ihnen der Kopf des Rabbiners, unmenschlich verstümmelt, kaum erkennbar, die Nase abgerissen, die Zähne ausgeschlagen, die Augenlöcher leer, hohl, die Stirne mit Blut bedeckt, und rings um ihn zerbrochene Möbel, Hausgeräte, Bücher, und wieder Leichname, alles zusammen, wirr beisammen, in ein barmherziges Dunkel verhüllt, das uns zu sagen scheint, daß es noch viel mehr zu enthüllen vermag, daß es aber eine bergende Decke darüber legt, weil . . . nun weil wir nicht mehr vertragen können. In der Tat, es gehören schon starke Nerven dazu, den Anblick all der Leichname dieses Riesengemäldes vertragen zu können, mehr zu sehen ginge über eines Menschen Kräfte. Das Bild Fabijanskis nimmt den Beschauer mehr gegen das asiatische Zarenreich ein, als es hundert Bücher, Proteste und Reden vermögen. Man beabsichtigt nun, das Bild in den "Großstädten Europas auszustellen; dazu wäre es aber nötig, daß die größern jüdischen Gesellschaften diese Aktion unterstützen würden. Wie der gegenwärtige Aussteller des Bildes, Herr Sally Baum, mir sagt, könnte man auch, falls die Gesellschaften die Ausstellung des Bildes unterstützen würden, das eingenommene Geld — das sicherlich eine große Summe erreichen wird — den soeben aus Kiew Ausgewiesenen zukommen lassen. Das Bild ist im Kunstsalon Sally Baum, Frankfurt a. M., Neue Mainzer Straße 25, ausgestellt. Tagung der südslawischen zionistischen Akademiker Der IV. Kongreß der zionistischen Hochschüler und Abiturienten aus den südslawischen Ländern tagte am 21. und 22. August in Sarajevo. Bekanntlich veranstaltete die ersten drei Kongreße der akademische Verein „Bar Giora" in Wien und zwar die ersten zwei in Osijek (Essek) und den dritten in Zemun (Semlin). Nach dem zweiten Kongreße wurde in Osijek der zionistische Bürgerverein „Theodor Herzl" begründet, der bisher in den südslawischen Ländern ein rege Tätigkeit entfaltete, nach dem dritten wieder der akademische Verein „Judäa" in Zagreb (Agram), der an der Veranstaltung dieses Kongreßes bereits teilnahm. Das erste Mal gingen somit die Zionisten mit einer Agitation größeren Stiles unter die Sepharden der südlichen Ländern, obzwar dieser sehr fruchtbare Böden schon lange einer Bearbeitung bedürftig war. Das nationale Bewußtsein, das in den Herzen der Sepharden immer lebte, brauchte nur geweckt zu werden, um sich stark und tatkräftig zu zeigen. Dieser Kongreß erfüllte vollkommen diese Aufgabe, . Unter großer Beteiligung der jüdischen Studentenschaft und Bürgerschaft nahm der Kongreß folgenden Verlauf: Sonntag den 21. August eröffnete vormittags cand. med. Isak Isachar im Namen der veranstaltenden Vereine Bar Giora (Wien), Esperanza (Wien), Judäa (Zagreb) mit einer schwungvollen Rede unter großer Begeisterung der Anwesenden den Kongreß. Es wurde folgendes Bureau per Akklamation gewählt: cand. med. David Albala (Bar Giora), Präses, cand. iur. Israel Baruch (Esparanza), cand. iur. Filip Bruck (Judäa) und Isak Samakovlya (Abiturient) Vizepräsidenten; cand. med. Vilim Schmuckler (Bar Giora), stud.iur. Aladar Pollak (Judäa), cand. iur. Samuel Atias (Esperanza), Schriftführer; cand. iur. Adolf Wiesler (Bar Giora), cand. iur.

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